Es gab eine Zeit, als deut­sche Leit­me­dien neid­voll nach Frank­reich blick­ten und voller Ver­zü­ckung den dor­ti­gen Lai­zis­mus mit den halb­staats­kirch­li­chen Zustän­den zwi­schen Rhein und Oder ver­gli­chen. Oh wie fort­schritt­lich sei Frank­reich, wie gekne­belt die deut­schen Lande, wo Kir­chen­steuer vom Fiskus ein­ge­trie­ben und das Bet-Per­so­nal der großen Kirchen bis hin zu deren üppigen Pen­sio­nen vom Staate ali­men­tiert würde. Die von Ewig­keit zu Ewig­keit anhal­ten­den Ent­schä­di­gun­gen für vor über 200 Jahren statt­ge­fun­dene Ent­eig­nun­gen durch den Reichs­de­pu­ta­ti­ons­haupt­schluss sollte längst gesetz­lich neu gere­gelt werden, aber immer wenn das Thema wieder mal von der Öffent­lich­keit aufs Tapet gehoben wurde, ver­schwand es klamm und heim­lich wieder, noch ehe es in die Nähe der heißen Schmie­de­öfen der Par­la­mente kommen konnte. Doch dann kamen die Aus­tritts­wel­len in beiden großen Kirchen, Miss­brauchs-Skan­dale, Streit um die Schwan­ger­schafts­be­ra­tungs­stel­len der Kirchen, ein Bischof, der als Made im Lim­bur­ger Katho­li­kenspeck lebte, Zöli­bats­dis­kus­sion, Nach­wuchs­pro­bleme, Finanz­skan­dale, Dis­kus­sio­nen um Kreuze in Schulen und Kran­ken­häu­sern, die Trun­ken­heits­fahrt einer Bischö­fin, Kar­di­nal Meißner als gern gese­he­ner Gast auf Kar­ne­vals-Motiv­wa­gen und Papst Bene­dikt, der einen byzan­ti­ni­schen Kaiser korrekt zitierte und damit Empö­rung – auch unter Chris­ten – aus­löste. Letz­te­res Bei­spiel zeigte, dass die Kir­chen­fürs­ten es dem Bürger nicht einmal dann recht machen konnten, wenn sie nichts Fal­sches sagten.

Kurz, die Amts­kir­chen in Deutsch­land befand sich in der Defen­sive, führten seit langem Rück­zugs­ge­fechte, ihre Lobby schwand wie Schnee in der Sonne und ihr Ein­fluss auf gesell­schaft­lich rele­vante Themen wurde immer weniger sicht­bar. Wer selbst bis zum Kollar in der Sünde steckt, kann schwer­lich Rein­heit pre­di­gen. Es wurde stiller um die großen Amts­kir­chen.

Das Säku­lare war auf dem Vor­marsch, der Athe­is­mus blühte, die viel­zi­tierte Auf­klä­rung, deren Mangel dem Islam so oft und zurecht vor­ge­wor­fen wird, war ja schließ­lich nichts anderes, als die Eman­zi­pa­tion des Men­schen von den Dogmen des Glau­bens und seinen Insti­tu­tio­nen, also den Kirchen. Lang vorbei die Zeiten, zu denen Unglaube noch staat­lich sank­tio­nierte Sünde war. Statt­des­sen kamen Themen in der Gesell­schaft auf Ent­schei­dungs­ebene, bei denen sich die Kir­chen­ver­tre­ter aller Kon­fes­sio­nen die Fin­ger­nä­gel abkauen mochten. Gleich­ge­schlecht­li­che Part­ner­schaf­ten, „Homo-Ehe“, Eman­zi­pa­tion – wo sollte das nur alles hin­füh­ren! Der Leib­haf­tige ver­brei­tete Zweifel und Athe­is­mus unter den Lämmern und die Hirten bliesen ver­geb­lich in ihre Kehret-um-Pfeifen. Beson­ders drin­gend war es ja eigent­lich noch nicht, solange die schwei­gende Mehr­heit der Chris­ten in diesem Land zwar nicht regel­mä­ßig in die Got­tes­dienste geht, dafür aber regel­mä­ßig ihre Kir­chen­steuer ent­rich­tet.

Man brauchte drin­gend einen neuen Ver­bün­de­ten, denn der Staat war unter diesen Umstän­den nur noch ein unsi­che­rer Kan­to­nist, der Spruch „so wahr mir Gott helfe“ beim Amtseid der Man­dats­trä­ger häufig nur noch eine Floskel.

Haben die Kirchen über­haupt noch Ver­bün­dete in der poli­ti­schen Land­schaft der Bun­des­re­pu­blik? Die Par­teien mit dem großen C viel­leicht? Inhalt­lich ging es in den letzten drei Jahren ja eher stramm in Rich­tung Grün und Links. Auch wenn das die CDU/CSU sicher anders sehen möchte. Die SPD kann man auch ver­ges­sen, die Genos­sen liegen ver­zückt zu Füßen ihres neuen Messias Schulz und rufen im zu, „Martin, erzähl uns etwas mit Gerech­tig­keit“. Tum­melte sich bei den Grünen zumin­dest noch die eine oder andere abge­bro­chene Theo­lo­gin, war vom linken Rand und dem dort ansäs­si­gen Post­mar­xis­ten­ge­lich­ter für Kir­chens nichts Gutes zu erwar­ten. Aber da gab es ja noch eine Gruppe außer­par­la­men­ta­ri­scher, glau­bens­fes­ter Mit- und Neu­bür­ger, die schon lange und bisher ver­geb­lich für das kämpf­ten, was die christ­li­chen Kirchen an Pri­vi­le­gien längst hatten: Aner­ken­nung als Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts. Genau, die Islam­ver­bände! Die Islam­ver­bände sahen sich als Opfer der Moderne, als Opfer von Ras­sis­mus und Isla­mo­pho­bie, den Islam als miss­ach­tete Reli­gion und ihre eigene Aufgabe darin, mög­lichst in jeden Bereich des Lebens einen Pflock des Pro­phe­ten ein­zu­schla­gen. Haupt­sa­che gläubig, sagte man sich in den Kirchen, Pflock ist Pflock. Lasst doch einfach die Muslime die Glau­bens­kämpfe der Kirchen führen! Doch wie fängt man das an?

Glaube sei Bürgerpflicht

Ist Ihnen eigent­lich auch schon auf­ge­fal­len, dass die publi­zis­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen dieser Tage, immer wenn es um Krieg, Ver­trei­bung, Flücht­linge, Migra­tion und Zukunft geht, immer entlang der Begriffe mus­li­misch und christ­lich ver­lau­fen? Unver­ges­sen ist mir der Spruch von Frau Käßmann, die vom mora­li­schen Feld­her­ren­hü­gel aus rief „Gehen Sie sonn­tags in die Kirchen, dann müssen Sie keine Angst vor vollen Moscheen haben“. Man könnte der Gene­ra­lin der Luthe­ra­ner ent­ge­gen­schleu­dern, dass ihr diese Worte am einem Sonntag vor einer kop­ti­schen Gemeinde in Kairo wohl etwas klein­lau­ter von den Lippen gehen würden, aber bleiben wir argu­men­ta­tiv ruhig erst mal in Deutsch­land.

Denn dort sind es aus­ge­rech­net die Kon­fes­si­ons­lo­sen, Unge­tauf­ten, Aus­ge­tre­te­nen, vom Glauben zum Wissen kon­ver­tier­ten, Drei-Tage-Juden und Weih­nachts­chris­ten die in diesem Land die Mehr­heit bilden – warum sollten die sonn­tags in die Kirche gehen?

Und dann fällt plötz­lich das Licht der Erkennt­nis auf Kirch­turm und Mina­rett! Der Islam ist tak­tisch nütz­lich für die Kirchen, denn er verfügt über Zähne, die den christ­li­chen Kirchen längst aus­ge­fal­len sind, oder die ihnen bereits in der Zeit der Auf­klä­rung gezogen wurden. Des einen ver­hal­te­nes Bauch­grum­meln ist des anderen Folk­lore. Apost­asie oder Homo­se­xua­li­tät werden im Islam nicht tole­riert, sondern exe­ku­tiert. Das mit­tel­al­ter­li­che Welt­bild, das in den meisten isla­mi­schen Ländern zemen­tiert ist, wird in großem Stil nach Europa impor­tiert und soll hier, so wollen es die Kirchen, auf maxi­male Tole­ranz und Nächs­ten­liebe treffen. Sollen doch die Muslime die Kämpfe mit der säku­la­ren, gott­lo­sen Gesell­schaft führen, zu denen die Kirchen nicht mehr in der Lage sind. Und wäre es nicht toll, werden sich die Kle­ri­ker denken, wenn Blas­phe­mie wieder etwas wäre, das man sich nicht nur gegen­über dem Islam und seinem Pro­phe­ten lieber nicht traut? Doch ich fürchte, wenn es in dem Ausmaß weiter geht, wird auf den Trüm­mern unserer Gesell­schaft leider nicht gut kir­chen­bauen sein, weil nach dem Ende der „säkular-deka­den­ten” Gesell­schaft keine Divi­dende an die nütz­li­chen Idioten der islam­ver­ste­hen­den Kirchen aus­ge­zahlt wird. Dann wird es heißen Schahāda, Dhimmi oder Tod. Da sage noch jemand, man hätte keine Wahl.

Mehr Monstranz als Substanz – der Kardinal und die Obergrenze

Kar­di­nal Woelki, der Ober­hirte des Erz­bis­tums Köln, sendet über dom​ra​dio​.de regel­mä­ßig frohe Bot­schaft an die Gemeinde. Am 19.3.2017 ging es um eine „Ober­grenze“.

Dass ein römisch-katho­li­scher Kar­di­nal ein Gleich­nis aus dem Verkehr bemüht, um seinen Koko­lo­res zu bebil­dern, über­se­hen wir im Sinne einer sach­li­chen Debatte mal eben*, auch wenn mir die Andro­hung eines Buß­gel­des wegen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung als Ver­gleich mit einer Ober­grenze für Flücht­linge absurd erscheint. „Gottes Wort fordere ein­deu­tig eine Ober­grenze – du sollst deinen Nächs­ten lieben wie dich selbst. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“ Das klingt auch nach Unter­grenze und nach Mit­tel­ding, ist also ein alber­ner Ver­gleich. Das bedeu­tet, so der Bischof, „wenn ich hier in Frei­heit und Sicher­heit lebe, muss ich diesen Wunsch nach Frei­heit und Sicher­heit auch den Men­schen ermög­li­chen, die bei uns Schutz suchen – wenn ich ein gutes Dach über dem Kopf habe und immer genü­gend zu essen, dann muss ich mich dafür ein­set­zen, dass auch für Flücht­linge das gilt. Wenn ich will, dass meine Kinder zur Schule gehen, dann darf ich mich über Flücht­lings­kin­der in der Klasse meiner Kinder nicht auf­re­gen.“

Darf man einen Kar­di­nal kor­ri­gie­ren – oder sagen wir vor­sich­ti­ger: ergän­zen, wenn er aus der Bibel zitiert? Ach, was habe ich schon zu ver­lie­ren – er ist ja kein Imam und kann nicht mit Fatwas um sich werfen. Also, Eminenz, die Sache mit der Nächs­ten­liebe ist ja wirk­lich eine tolle Sache und auch sehr zentral, das muss ich zugeben. Die Idee ist sogar schon sehr sehr alt. Diese findet sich nämlich bereits im dritten Buch Mose, (19.18) und lautet voll­stän­dig: „Du sollst nicht rach­gie­rig sein noch Zorn halten gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächs­ten lieben wie dich selbst.“ Nun bedeu­tet die Ein­schrän­kung „gegen die Kinder deines Volkes“ natür­lich nicht, dass man andere einfach tot­schla­gen solle oder dürfe. „Die Welt zu Gast bei Freun­den” haben wir schließ­lich 2006 geübt und uns in das tolle Gefühl des Gemocht­wer­dens ver­knallt. Aber die Atti­tüde, mit der feine Herr Kar­di­nal fordert, dass wir Frei­heit und Sicher­heit auch anderen ermög­li­chen müssen, wenn wir sie selbst genie­ßen, ver­stößt gegen den Rechts­grund­satz „ultra posse nemo obli­ga­tur“ – niemand ist über seine Mög­lich­kei­ten hinaus ver­pflich­tet.

Und wenn der Kar­di­nal der fet­tes­ten Diözese der Welt sich vor eine Kamera stellt, um der Welt mit­zu­tei­len, es genüge nicht, abge­tra­gene Hemden in die Con­tai­ner der Caritas zu stopfen. Wenn er erklärt, man müsse ja nicht sein letztes Hemd geben, was bedeu­tet, das vor­letzte dürfe es ruhig sein. Wenn er erklärt, auch ihm falle das „nicht immer leicht“, dann kommen mir bibli­sche Pha­ri­säer-Gleich­nisse in den Sinn. „Ein gutes Dach über dem Kopf und immer genü­gend zu essen“ hat der Kar­di­nal jeden­falls – selbst in der Fas­ten­zeit.

Viel­leicht fällt es ihm ja wirk­lich schwer, in seinem kleinen Kel­ler­s­wim­ming­pool seine Runden zu drehen, weil ihm dabei die Schlauch­boote in den Sinn kommen, die auf dem Weg über’s Mit­tel­meer sind, um ein Hemd von Kar­di­nal Woelki zu ergat­tern. Viel­leicht denkt er auch an die Unter­grenze, die es für die Flücht­linge in ihren Hei­mat­län­dern gibt, weil es eben nicht die ärmsten der Armen sind, die sich auf den Weg machten und machen – diese können sich die Kosten für die Schlep­per gar nicht leisten. Viel­leicht denkt er an die Ober­grenze dessen, was ein Land an Exodus ver­kraf­ten kann, bevor es völlig und end­gül­tig kol­la­biert? Ob Herr Woelki seine pro­tes­tan­ti­sche Kol­le­gin Käßmann in sein Ober­gren­zen­ge­bet ein­schließt, obwohl diese zur Begrü­ßung des Refor­ma­ti­ons­jah­res zur Datums-Ober­grenze jettete, wo sie wie eine kel­ti­sche Druidin die neue Sonne begrüßte? Viel­leicht denkt der Kar­di­nal aber auch daran, dass die Nächs­ten­liebe der Katho­li­schen wie auch der Luthe­ri­schen Kirche sehr wohl eine Ober­grenze kennt, weil nämlich beide keine Nächs­ten­liebe für AfD-Anhän­ger haben wollen, und stünden sie ihnen noch so nahe. So weit mag man in Sachen Nächs­ten­liebe nämlich nicht gehen, dass man es mit diesen Aus­sät­zi­gen hält! Ob es daran liegen könnte, dass die AfD keine Regie­rungs­ver­ant­wor­tung hat? Macht muss wohl doch einen gewis­sen Sex­ap­peal haben, denn derlei Berüh­rungs­ängste hatten die Kirchen mit der SED nicht. Und zumin­dest die Luthe­ra­ner auch nicht mit der NSDAP.

Viel­leicht geht mich der devote und servile Grund­ton der Kir­chen­ober­häup­ter dieses Landes in Bezug auf den Islam ja absolut nichts an, aber ich aner­kenne nun mal die Impulse sehr, die das Chris­ten­tum in der Kunst, der Musik, der Sprache, der Archi­tek­tur und der Lite­ra­tur dieses soge­nann­ten „Abend­lan­des“ gegeben hat – nicht immer frei­wil­lig und meist mit dem Hin­ter­sinn der Pracht­ent­fal­tung, der Allein­herr­schaft und der Kon­trolle über andere Men­schen. Aber ich würde diese kul­tu­rel­len Aspekte sehr ver­mis­sen, wenn sich das Chris­ten­tum weiter in Rich­tung eines Dienst­leis­ters und Leib­wäch­ters des Islam in Europa ent­wi­ckelt – und mal so ganz neben­bei bemerkt gleich­zei­tig im Nahen Osten (außer in Israel) im Ver­schwin­den begrif­fen ist. Diesen Euphe­mis­mus ziehe ich sofort zurück und benutze ein tref­fen­de­res Wort: sie ver­schwin­den nicht, das klingt viel zu schick­sal­haft. Sie werden ver­nich­tet – und zwar auch von dem Islam, dem Kar­di­nal Woelki in Deutsch­land keine Ober­gren­zen auf­er­le­gen will.

Bei jeder Gele­gen­heit werfen sich die Amts- und Wür­den­trä­ger, katho­li­sche wie pro­tes­tan­ti­sche, wie die Body­guards hin und her, um noch die kleinste Her­ab­set­zung des Islams zu ver­hin­dern. Glaube sei Glaube, da dürfe man kein Res­sen­ti­ment zulas­sen. Ich habe Chris­ten ken­nen­ge­lernt, denen vor Ver­zü­ckung Tränen der Rührung in den Augen stehen, wenn sie erfah­ren, dass Jesus und Maria auch im Islam verehrt werden. Es ist, als würde sich ein Aus­ge­raub­ter darüber freuen, dass seine Bilder sich hübsch an den Wänden des Diebes machen, obwohl er sie falsch herum auf­ge­hängt hat.

Ich will hier nicht die ganze Geschichte der „Pro­phet­wer­dung“ Moham­meds auf­ar­bei­ten, von den anfäng­li­chen Ver­su­chen, durch Spei­se­re­geln und Gebets­rich­tung Jeru­sa­lem die Juden auf seine Seite zu bringen oder durch die Ver­eh­rung Marias die Chris­ten von seiner Recht­mä­ßig­keit als Prophet zu über­zeu­gen. Das sind theo­lo­gisch Details, um die sich His­to­ri­ker und Theo­lo­gen kümmern mögen. Was ich sehe und kri­ti­siere ist die heutige insti­tu­tio­na­li­sierte christ­li­che Ser­vi­li­tät gegen­über mus­li­mi­scher Gewalt, Gewalt­be­reit­schaft, reli­giö­ser Into­le­ranz und der mus­li­mi­schen Art, Frauen- und Min­der­hei­ten­rechte zu „inter­pre­tie­ren“. Als bislang schöns­ter weil augen­fäl­ligs­ter Beweis dieser Dienst­fer­tig­keit darf der Besuch der beiden deut­schen Kir­chen­fürs­ten Marx und Bedford-Strohm auf dem Tem­pel­berg gelten, bei dem sie ihre Kreuze ableg­ten. Dem Hahn aus der Petrus­ge­schichte wäre das drei­ma­lige Krähen sicher im Hals stecken geblie­ben, pikan­ter­weise soll diese Geschichte ja nicht weit ent­fernt vom Tem­pel­berg statt­ge­fun­den haben.

Genauso pein­lich ver­lau­fen auch immer wieder die diver­sen inter­re­li­giö­sen Akti­vi­tä­ten, bei denen es immer nur die christ­li­che Seite ist, die auf die isla­mi­sche zugeht und von Tole­ranz und mono­the­is­ti­scher Brü­der­lich­keit phan­ta­siert. Als am 15.3.2016 der kairoer Groß­i­mam Ahmad Moham­mad al-Tayyeb im Bun­des­tag sprach, erntete er großen Applaus für seine Rede, welche die anwe­sen­den Abge­ord­ne­ten dem kul­tu­rel­len „Dialog“ zurech­ne­ten. Dabei hatte der Imam rein gar nichts gesagt, was diese Annahme unter­mau­erte. Sein Tenor: Islam, das bedeu­tet Frieden und Men­schen­rechte. Ja, das glaube ich auch. Friede nach der Unter­wer­fung und Men­schen­rechte, wie sie die Scharia defi­niert. Zu blöd, dass man sich im Falle ihres Ein­tref­fens diese Zukunft nicht mal mehr „schön saufen“ könnte.

Die aus­ge­streckte „christ­li­che Hand“ bleibt in der Luft hängen, zieht sich unge­schüt­telt zurück, wird aber zum Zeichen der Dia­log­be­reit­schaft im Selbst­ge­spräch erklärt. Die Kirchen schaf­fen es nicht, klare und unver­han­del­bare Stand­punkte gegen­über dem Islam zu for­mu­lie­ren. Wäre das wirk­lich ein Problem? Bestünde ande­ren­falls die Gefahr, dass die Schäf­lein der Gemein­den spontan „das Kreuz nehmen“, „Deus le vult“ brüll­ten und sich auf den Kreuz­zug begeben würden? Bedeu­tet „Dialog auf Augen­höhe“ nicht gerade, dass man genau weiß, wo man steht und das auch klar for­mu­lie­ren kann? Ist das Gegen­teil von „unre­flek­tiert rum­ku­scheln“ wirk­lich Abgren­zung und Hass? Ich glaube nicht.

Ok, wenn ein Heide wie ich sowas sagt, erscheint das natür­lich nicht sehr belast­bar. Aber ich könnte Jesus zitie­ren und dessen Wort soll ja in der Chris­ten­heit immer noch ein gewis­ses Gewicht haben. „Denn viele werden unter meinem Namen auf­tre­ten und sagen: Ich bin der Messias!, und sie werden viele irre­füh­ren. Ihr werdet von Kriegen hören und Nach­rich­ten über Kriege werden euch beun­ru­hi­gen.” (Mat­thäus 24:3­8.)

Wie wäre es mal mit diesem Zitat bei einer inter­kul­tu­rel­len Begeg­nungs­runde des evan­ge­li­schen Häkel­krei­ses Bux­de­hude anläss­lich des Geburts­ta­ges des Pro­phe­ten? (Notiz an mich: am 19. April Glück­wün­sche zum 90. Geburts­tag an Joseph Aloi­sius Ratz­in­ger senden.)

Religionen in Deutschland und die Zumutungen der Moderne, ein Versuch der Desensibilisierung

Gerade las ich von einer Unter­su­chung, bei der die Frauen unter den Flücht­lin­gen nach ihrer Lage befragt wurden. Beson­ders sie Syre­rin­nen äußer­ten Angst vor Kul­tur­ver­lust – eine „Phobie“, die jeder, unab­hän­gig vom Her­kunfts­land und seinen per­sön­li­chen Prä­fe­ren­zen sehr gut nach­voll­zie­hen kann. (Übri­gens ein Grund dafür, warum sich eine Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen über die EU bei gleich­zei­tig offenen Bin­nen­gren­zen nicht machen lässt. Doch das nur am Rande.) Viel­leicht sollten wir den Migran­ten nicht nur durch Deutsch­kurse, kos­ten­lose medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und sozia­len Zuwen­dun­gen zeigen, was ihnen winkt, sondern auch, was ihnen blüht, indem wir ihnen klar­ma­chen, dass sie ihren Glauben auch ablegen oder wech­seln dürfen, offen zu ihrer Homo­se­xua­li­tät stehen oder unver­hei­ra­tet bleiben können. Unsere Zei­tun­gen sollten empört auf ras­sis­ti­sche oder unzu­rei­chend gegen­derte Pre­dig­ten in Moscheen reagie­ren und öffent­li­che Ent­schul­di­gun­gen von den Imamen fordern. Wir brau­chen Queer­ness-kom­pa­ti­ble Toi­let­ten in Moscheen und Frau­en­quo­ten von 30% in Moschee­vor­stän­den – ganz zu schwei­gen von einer Kam­pa­gne „Meine Moschee braucht eine Imamin“ zu der das Fami­li­en­mi­nis­te­rium gefäl­ligst die Mittel bereit­stel­len soll. Außer­dem wäre da ja noch der Bedarf an tra­di­tio­nell vor dem Imam geschlos­se­nen mus­li­mi­schen Ehen von Schwu­len und Lesben. Das alles sind Kämpfe, mit denen sich die Bewoh­ner dieses Landes seit einiger Zeit die Lan­ge­weile ver­trei­ben und als Reli­gion in Deutsch­land steht man natür­lich mit­ten­drin in diesen Debat­ten. Da können wir für den Islam keine Aus­nahme machen, weil wir diese den Kirchen auch nicht gewäh­ren.

Da sind wir doch sicher einer Meinung, Herr Woelki!

* Ich ver­kaufe bessere Ver­glei­che für drei Pater noster, vier Ave Maria und fünf Euro. Beim nächs­ten mal einfach per Mail anfra­gen.

9 Kommentare

  1. Die wirk­li­che Matrix, in der sich die halb­wegs zivi­li­sierte Mensch­heit seit 3200 Jahren befin­det, braucht keine „Maschi­nen” wie im Kino­film „Matrix” bild­lich dar­ge­stellt, sondern ist „nichts weiter” als die Summe aller Vor­ur­teile und vor­ge­fass­ten Mei­nun­gen, die der „Nor­mal­bür­ger” nötig hat, um „diese Welt” für die „beste aller mög­li­chen Welten” zu halten. Wie weit das von der Wahr­heit ent­fernt ist, hatte schon im 19. Jahr­hun­dert der Phi­lo­soph Fried­rich Nietz­sche erkannt. Obwohl ihm das erfor­der­li­che Basis­wis­sen noch fehlte, kam er zu einem ganz erstaun­li­chen Ergeb­nis:

    Diese ewige Anklage des Chris­ten­tums will ich an alle Wände schrei­ben, wo es nur Wände gibt, – ich habe Buch­sta­ben, um auch Blinde sehend zu machen… Ich heiße das Chris­ten­tum den Einen großen Fluch, die Eine große inner­lichste Ver­dor­ben­heit, den Einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heim­lich, unter­ir­disch, klein genug ist, – ich heiße es den Einen unsterb­li­chen Schand­fleck der Mensch­heit…”
    (Der Anti­christ, 1888)

    Es muss betont werden, dass dieses Zitat nicht als Beschimp­fung, sondern als das Resume einer umfas­sen­den und ehr­li­chen Analyse zu ver­ste­hen ist. Wer für die unge­heure Per­ver­sion dessen, was sich bis heute „Chris­ten­tum” nennt, die pas­sen­den Worte finden will, hat es außer­or­dent­lich schwer. Hätte Nietz­sche erfah­ren können, um wieviel gif­ti­ger, heim­li­cher, unter­ir­di­scher und klein­li­cher sich der Rachein­stinkt nach heu­ti­gem Wissen dar­stellt, wären wohl auch ihm die Buch­sta­ben aus­ge­gan­gen. Glück­li­cher­weise ist der Schand­fleck nicht unsterb­lich, sondern steht kurz vor dem Ende, sodass es an der Zeit ist, den Fluch auf­zu­lö­sen.

    Per­ver­sion bedeu­tet Umkeh­rung, und in diesem Fall wurde die Lehre des Jesus von Naza­reth in ihr Gegen­teil ver­kehrt. Nicht die gesamte bis­he­rige Science-Fiction Lite­ra­tur, sofern es sich um posi­tive Utopien handelt, könnte einen Ein­druck von der über­wäl­ti­gen­den Groß­ar­tig­keit einer alter­na­ti­ven Gegen­wart ver­mit­teln, in deren Ver­gan­gen­heit die Erkennt­nis des Jesus von Naza­reth schon zu dessen Leb­zei­ten prak­tisch ange­wen­det worden wäre. Man stelle sich vor, der heutige Stand des Wissens und der Tech­no­lo­gie wäre bereits im dritten oder vierten Jahr­hun­dert erreicht worden, während Armut und Krieg schon genauso lange über­wun­den und Umwelt­ver­schmut­zung und -zer­stö­rung niemals Thema gewesen wären. Von dort aus noch einmal sieb­zehn Jahr­hun­derte in die alter­na­tive Zukunft zu extra­po­lie­ren, wäre nicht einmal für die äußers­ten Grenzen des Mög­li­chen noch zuläs­sig. Was Jesus ent­deckte, lange bevor es in „dieser Welt” schon vor einem Jahr­hun­dert wie­der­ent­deckt und auf­grund mili­tan­ter Blöd­heit bis heute nicht ver­wirk­licht wurde, ist nichts Gerin­ge­res als der eigent­li­che Beginn der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion:

    http://​opium​-des​-volkes​.blog​spot​.de/​2​0​1​7​/​0​4​/​d​a​s​-​z​i​v​i​l​i​s​a​t​o​r​i​s​c​h​e​-​m​i​t​t​e​l​a​l​t​e​r​.​h​tml

  2. Wow. Danke für dieses Zeilen.
    Dass ich so etwas noch lesen darf 😀
    Es gibt ja m.E. kaum noch huma­nis­ti­sche / „huma­nis­ti­sche” Ver­bände, die die Kirche tief­ge­hend kri­ti­sie­ren.
    Müssen wir’s eben selber machen.

  3. Das Säku­lare war auf dem Vor­marsch, der Athe­is­mus blühte, die viel­zi­tierte Auf­klä­rung, deren Mangel dem Islam so oft und zurecht vor­ge­wor­fen wird, war ja schließ­lich nichts anderes, als die Eman­zi­pa­tion des Men­schen von den Dogmen des Glau­bens und seinen Insti­tu­tio­nen, ’
    Das ist zugleich richtig und falsch. Die Auf­klä­rung rich­tete sich gegen die blinde Akzep­tanz von Auto­ri­tä­ten und Ord­nun­gen und für die Nutzung des eigenen Ver­stan­des. Dass sich eine Insti­tu­tion Kirche dagegen wehrt, liegt auf der Hand.

    Der christ­li­che Glaube ist dagegen nicht auf mensch­li­che Auto­ri­tät gebaut, auch nicht von letzt­lich selbst­er­nann­ten Pries­tern und Lehrern. Er fordert in radi­ka­ler und kon­se­quen­ter weise: ‚Prüft alles, das Gute behal­tet’ in 1 Thes­sa­lo­ni­cher 5,21 … und legt damit den Grund­stein der Auf­klä­rung. Es dauerte nur recht lange, bis dieses Selbst­ver­ständ­nis an Breite gewann. Ich ver­stehe die Auf­klä­rung darum auch als eine weniger spi­ri­tu­elle Refom­be­we­gung des Chris­ten­tums. Weder Kant noch Vol­taire wandten sich gund­sätz­lich gegen den Got­tes­glau­ben, sondern gegen einen blinden Glauben, der die Got­tes­gabe der Ver­nunft ver­ach­tet.

    Für mich aber ist klar: Da wir grund­sätz­lich keine abso­lute Erkennt­nis haben können, heißt das nicht, dass es kein Abso­lu­tes gibt, sondern dass wir stets auf irgend eine Form des Für-wahr-haltens zurück­ge­wor­fen sind – auch Athe­is­ten und Agnos­ti­ker. Glaube unter­schei­det sich darum ledig­lich in Inhal­ten. Aus der banalen Erkennt­nis, das Glaube auch nie völlig ratio­nal ist, kann nicht auf das Gegen­teil geschlos­sen werden: Glaube kann nur dann intel­lek­tu­ell redlich sein, wenn er sich der ratio­na­len Über­prü­fung stellt und denk­mög­lich bleibt.

  4. Vielen Dank für diesen Artikel, der auch meine schon lange geheg­ten Gedan­ken (und Gefühle) zu diesem The­men­kreis sehr gut wie­der­gibt. Beson­ders wich­tige Sätze sind m.E.:

    .…, aber ich aner­kenne nun mal die Impulse sehr, die das Chris­ten­tum in der Kunst, der Musik, der Sprache, der Archi­tek­tur und der Lite­ra­tur dieses soge­nann­ten „Abend­lan­des“ gegeben hat – nicht immer frei­wil­lig und meist mit dem Hin­ter­sinn der Pracht­ent­fal­tung, der Allein­herr­schaft und der Kon­trolle über andere Men­schen. .…”
    „.…Das Säku­lare war auf dem Vor­marsch, der Athe­is­mus blühte, die viel­zi­tierte Auf­klä­rung, deren Mangel dem Islam so oft und zurecht vor­ge­wor­fen wird, war ja schließ­lich nichts anderes, als die Eman­zi­pa­tion des Men­schen von den Dogmen des Glau­bens und seinen Insti­tu­tio­nen, also den Kirchen. .…”

    Mir gelingt es, einer­seits die Wurzeln und die his­to­ri­sche Ent­wick­lung unserer iden­ti­täts­stif­ten­den Kultur (an)zuerkennen und zu wür­di­gen, ande­rer­seits die Kirche(n) in ihrem hart­nä­cki­gen Bestre­ben, ver­lo­rene Kon­trolle, Macht und Herr­schaft über die vom Glauben befrei­ten Men­schen zurück­zu­ge­win­nen, als feind­li­che Orga­ni­sa­tio­nen zu betrach­ten. Solange zu wenige unserer Mit­bür­ger diese Dis­kre­panz sehen und bereit sind, die not­wen­di­gen Kon­se­quen­zen zu ziehen, wird unsere Gesell­schaft weiter unge­bremst auf ihr Ver­der­ben zuschleu­dern.

    • Ich sehe in der heu­ti­gen Amts­kir­che einen Verrat am Auftrag Jesus. Sie sind win­del­wei­che ‚me-too’ -Mit­läu­fer bei frag­wür­di­gen NGOs. Eine harsche Kritik am Schmu­se­kurs mit den Mäch­ti­gen ist nur allzu berech­tigt. Aber ich sehe kein hart­nä­cki­ges Bestre­ben, ver­lo­rene Kon­trolle, Macht und Herr­schaft über die vom Glauben befrei­ten Men­schen zurück­zu­ge­win­nen.

  5. Der Ver­fas­ser Roger Letsch bezeich­net sich als einen Heiden. Sicher wird er kein apos­to­li­sches Glau­bens­be­kennt­nis ablegen und allen­falls einen Respekt des Chris­ten­tums gegen ihre zivi­li­sa­to­ri­sche Leis­tun­gen ent­ge­gen bringe. Aber dafür hat er zu viel Bibel­kennt­nis. Ich dagegen bekenne mich zu Jesus und glaube, dass er letzt­lich der Retter aller ist.

    Nomi­nell trennt mich somit einiges von Herrn Letsch – aber dennoch fühle ich mich ihm mehr ver­bun­den als vielen Ver­tre­tern der Kirche, die seine Kritik zu Recht trifft. Denn Chris­ten sind da, um das Evan­ge­lium zu ver­kün­den. Das ist eine starke Bot­schaft der Liebe, der Dia­lek­tik von Hingabe und Über­win­dung. Dagegen hat das Anbie­dern an eine Ideo­lo­gie, die den Kern­bot­schaf­ten des Evan­ge­li­ums fun­da­men­tal wider­spricht, nur erbärm­lich und Verrat an Jesus.

    Letsch zitiert das Lie­bes­ge­bot zu Recht. Zusam­men mit dem Gebot in Markus 12,30 ‚und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft’ (5. Mose 6,4−5).

    Manche Chris­ten meinen dann, dass es ja schließ­lich nur einen Gott gäbe, Und darum würden Muslime eben den glei­chen Gott anbeten. Nur erkenne ich den Gott, der sich in Jesus offen­barte nicht als den, den Moham­med ver­kün­digt. Offen­sicht­lich fällt es schwer, dann vom glei­chen Gott zu spre­chen, sondern weit eher von einer Irr­lehre. Wie können sie dann zwei gegen­sätz­li­chen Got­tes­bil­dern zugleich lieben wollen? Heißt es nicht, dass dann eine Bezie­hung zwin­gend leidet?

    Die zitierte Nächs­ten­liebe kann sich aber nicht in einer schalen oder süß­li­chen poli­ti­schen Kor­rekt­heit ergie­ßen. Jesus ver­stand dagegen das Eigen­in­ter­esse als die selbst­ver­ständ­li­che Grund­lage. Aus diesem Selbst­ver­ständ­nis heraus konnte er Hingabe nicht als Geset­zes­pflicht, sondern als Akt der Liebe vor­le­ben. Es kann nicht Liebe sein, Men­schen, die einem fal­schen Gott folgen, in ihrem Irrtum ohne Auf­klä­rung zu belas­sen.

  6. Was mich wundert ist etwas anderes. Wieso hat DITIB seinen Sitz in Köln und nicht in Berlin? Wieso sind auch andere wich­tige isla­mi­sche Insti­tu­tio­nen im Umkreis von Köln ange­sie­delt? Hat das etwas mit dem „Gol­gen­den Apfel” zu tun? Die Ver­mu­tung liegt für mich sehr nahe.

  7. Zunächst mal muss ich wider­spre­chen, wenn es um das mit­tel­al­ter­li­che Welt­bild in isla­mi­schen Ländern geht:
    Das Problem ist eben nicht das Mit­tel­al­ter, sondern die Ent­wick­lung des Islam in den letzten 200 Jahren. Das Erstar­ken von Sala­fis­mus und Wah­ha­bis­mus sind ein Phä­no­men der Moderne. Auch das Stän­dige Her­um­rei­ten auf dem Thema „Kreuz­züge” ist noch längst nicht so alt, wie man viel­leicht meinen könnte.
    Im (Hoch-) Mit­tel­al­ter galten Jeru­sa­lem und Paläs­tina für die Muslime als Peri­phe­rie. Die Musik spielte in Bagdad oder Kairo. Jeru­sa­lem galt zwar als heilige Stadt, das schon, aller­dings waren dies­be­züg­lich die christ­li­chen Kreuz­fah­rer deut­lich stärker ideo­lo­gisch „auf­ge­la­den”, als ihre mus­li­mi­schen Gegner.
    Auch theo­lo­gisch war man isla­mi­scher­seits im Mit­tel­al­ter deut­lich plu­ra­ler auf­ge­stellt als heut­zu­tage. So gab es durch­aus Gelehrte, die den Koran vor allem als poe­ti­sches Werk betrach­te­ten und weniger als eine reine Ansamm­lung von Geboten und Vor­schrif­ten. Auch mit Mystik konnte man damals -im Gegen­satz zu heute- noch etwas anfan­gen.
    Heute, so könnte man meinen, ist das mus­li­mi­sche Pendant zu einem Kon­glo­me­rat von Tea­party und evan­ge­li­ka­len Hard­li­nern wei­ter­hin derart auf dem Vor­marsch, dass man nur sagen kann:
    Eine Rück­kehr ins Mit­tel­al­ter wäre für den heu­ti­gen Islam als Fort­schritt zu ver­bu­chen. Es wäre eine Re-for­ma­tion, im ursprüng­li­chen Sinne des Wortes.

    Von den Kir­chen­obe­ren würde ich mir wün­schen, dass sie den christ­lich-mus­li­mi­schen Dialog dazu nutzen, den Mus­li­men auf­zu­zei­gen, was alles im Laufe der letzten Jahr­hun­derte ver­schütt gegan­gen ist; dass die heutige, vom Wah­ha­bis­mus geprägte, Gestalt des Islam kei­nes­wegs in Stein gemei­ßelt ist und es Alter­na­ti­ven gibt. Dies auf­zu­zei­gen wäre eigent­lich Aufgabe des Bil­dungs­bür­ger­tums in den isla­mi­schen Ländern , allein: Es gibt kaum ein solches. Dort wo es zumin­dest Ansätze hierfür gab (Iran,Irak, Libyen, Syrien), hat der Westen sie weg­ge­bombt, bzw. kaputtsank­tio­niert.
    Bene­dikt der XVI. hatte sei­ner­zeit mit seinem Manuel-Zitat in seiner Regens­bur­ger Rede einmal ver­sucht, darauf hin­zu­wei­sen, dass die isla­mi­sche Welt in puncto Tole­ranz schon einmal weiter war: Da kann ein christ­li­cher Staats­chef pro­vo­zie­rend fragen, was Moham­med denn Gutes gebracht habe und bleibt trotz­dem am Leben! Es gibt keine Fatwa, keine Ter­ror­an­schäge, keinen Aufruf zum Djihad des­we­gen. Wie sehr sich die Zeiten doch ändern.

    Ich würde mir, ins­be­son­dere von unseren deut­schen Kir­chen­obe­ren, auch mehr inner­christ­li­che Soli­da­ri­tät wün­schen. So stehen z.B. in der Hack­ord­nung in Flücht­lings­un­ter­künf­ten Juden, Chris­ten und andere reli­giöse Min­der­hei­ten oft ganz unten. Die Lage der (Nah-)Ostkirchen vor Ort ist eben­falls alar­mie­rend. Es besteht die reelle Gefahr, dass in ein paar Jahren sämt­li­che reli­giö­sen Min­der­hei­ten in der Levante aus­ge­rot­tet oder ver­trie­ben sind, dar­un­ter Glau­bens­ge­mein­schaf­ten, die seit gut 2000 Jahren (oder länger!) dort ange­sie­delt sind.

    Zudem gilt es auch zu unter­schei­den zwi­schen ethi­schen Fragen auf zwi­schen­mensch­li­cher und auf systemischer/struktureller Ebene. Dass man Bedürf­ti­gen hilft, sollte für Chris­ten selbst­ver­ständ­lich sein. Des­we­gen muss man aber noch lange nicht glauben, dass es für Hilfs­be­reit­schaft keine Grenzen gibt.
    Schon die ältes­ten über­lie­fer­ten Gemein­de­ord­nun­gen der frühen Kirche kannten das Phä­no­men, dass christ­li­che Hilfs­be­reit­schaft aus­ge­nutzt wurde und gaben Richt­li­nien vor, wie dies zu ver­mei­den sei. So stellt z.B. die „Didache”, aus dem 1. Jahr­hun­dert klar, dass Rei­sende auf­zu­neh­men und mit Nahrung und Obdach zu ver­sor­gen seien, aller­dings nur für eine begrenzte Zeit ( in der Regel ein paar Tage), dann sollte man darauf achten, dass sie ihren Unter­halt selbst ver­dien­ten oder wei­ter­zo­gen. Kranke seien gast­freund­lich auf­zu­neh­men und zu pflegen, bis sie gesund seien, dann sollten sie ent­we­der wei­ter­zie­hen, oder ihren Lebens­un­ter­halt selbst ver­die­nen.
    Hätte Kar­di­nal Woelki darüber gepre­digt- ich hätte ihm viel eher zustim­men können.

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