„Sag mir was du isst, dann sage ich dir, wer du bist“ sagt ein altes deutsches Sprich­wort. In Anlehnung daran kann man die meis­ten Men­schen schon nach weni­gen Minuten eines Gesprächs über All­t­ag und Poli­tik einem poli­tis­chen Lager zuord­nen, oder, ander­sherum bei Ken­nt­nis deren Parteizuge­hörigkeit leicht voraus­sagen, wie schon die ersten Minuten eines Gesprächs über All­t­ag und Poli­tik ver­laufen wer­den. Während SPD und CDU heute jedoch eine gewisse Beliebigkeit der Grund­sätze an den Tag leg­en und kaum unter­schei­d­bar sind – bei­de Parteien wür­den dies selb­st sich­er eher „Realpoli­tik“ nen­nen – schafft es die Linke immer mehr, sich auf steinzeitkom­mu­nis­tis­che Klassenkampf­po­si­tio­nen zurück­zuziehen. Während es die alten Parteigranden a lá Gysi und Bisky noch schafften, angesichts des gescheit­erten sozial­is­tis­chen Frei­land­ver­suchs DDR an passender Stelle ein wenig Zerknirschung und Selb­stkri­tik unter ihre State­ments zu mis­chen, kommt die heutige Führungsebene der Linken gän­zlich ohne Selb­stzweifel aus.

Die Vor­sitzende der Linken, Kat­ja Kip­ping weiß offen­bar genau, was im Argen liegt in der Welt. Bess­er als jed­er andere weiß sie das! Kip­ping, eine Parteipflanze die durchge­hend unter dem Gewächshaus ihrer Partei groß gewor­den ist und nie Frei­landwet­ter erlebt hat (Schule, Abi, Studi­um, Parteikar­riere) und den „echt­en“ Kuschel­sozial­is­mus der DDR nur noch bis zur sech­sten Klasse erleben durfte, lief bei Maybrit Ill­ner am 17.9.2015 zu dem­a­gogis­ch­er Hochform auf.

https://www.youtube.com/watch?v=6k7KbF6QQto

Es dürfe keine Ober­gren­ze der Auf­nahme von Flüchtlin­gen geben, so Kip­ping. Es fehle uns das moralis­che Recht dazu, weil wir den „Süden“ aus­ge­beutet hät­ten. Mit „Süden“ ist natür­lich nicht Bay­ern gemeint, wie wir später noch erfahren wer­den. „Süden“ ist aber für Frau Kip­ping je nach Diskus­sion immer mal was anderes. Bei Ill­ner meint sie damit Syrien und den Irak. Dem CSU-Gen­er­alsekretär Scheuer wirft Kip­ping „Het­ze“ vor, nur weil dieser auf Unter­schiede zwis­chen Kriegs- und Armutsflüchtlin­gen hin­weist und ver­steigt sich schließlich in Ver­gle­iche zwis­chen der Poli­tik der CSU und den aus­län­der­feindlichen Vor­fällen in Ros­tock-Licht­en­hagen. Im Übri­gen sei die vor­bildliche Willkom­men­skul­tur der Münch­n­er Bürg­er nur Aus­druck der „Zivilge­sellschaft“ und hätte nichts mit der Arbeit der CSU zu tun.

Das war inner­halb von weni­gen Minuten so viel ide­ol­o­gis­che Dünnbret­tbohrerei, dass ich unwillkür­lich auf den Tisch vor Kip­ping schaute, ob dort Späne in Häufchen lägen. Doch dann däm­merte es mir! Das war eine prak­tis­che Lek­tion in sozial­is­tis­ch­er Dialek­tik! Das kan­nte ich doch noch aus der DDR: Es gibt nichts Gutes im schlecht­en, die Hil­fs­bere­itschaft der Münch­n­er darf nichts mit der CSU zu tun haben, nicht mal mit­tel­bar! Denn die CSU ist der Feind, der Feind außer­halb des linken Gewächshaus­es. Man hätte nun sach­lich argu­men­tieren müssen dass es den Bewohn­ern ein­er durch­schnit­tlich wohlhaben­den Stadt wie München sich­er auch finanziell leichter fällt, Wass­er, Brezen und Duschgel für die ank­om­menden Flüchtlinge her­an zu schaf­fen. Ein Psy­chologe hätte im Auf­trag der Linken zu dem Schluss kom­men kön­nen, dass es ja aus­gerech­net die wohlhaben­den Münch­n­er waren, die von der „Aus­beu­tung des Südens“ am meis­ten prof­i­tierten und dass das schlechte Gewis­sen diese nun zum Haupt­bahn­hof trieb. Für diese Diskus­sion fehlte aber wohl die Zeit und Scheuer war (zurecht) so zornig, dass er nur noch empört hyper­ven­tilieren kon­nte.  In jedem Fall stellt aber die CSU in Bay­ern die Weichen, auch wenn die Linke das je nach Bedarf gern mal aus­blendet. Konkret in München ist es natür­lich die SPD, aber die ist für Kip­ping ja auch auf der anderen Seite des Schützengrabens.

Frau Kip­ping ist meines Wis­sens lei­der nicht unter den Frei­willi­gen, die Bus­ladun­gen von Flüchtlin­gen in Emp­fang nehmen, ärztlich betreuen, mit Klei­dung und Essen ver­sor­gen und sich um deren Unter­bringung küm­mern, Frau Kip­ping möchte aber, dass es gren­zen­los so weit­er geht. Alle Ver­gle­iche mit Booten die voll seien finde ich grässlich. Ich mag hand­festere Beispiele. Nehmen wir also Ham­burg als Beispiel. Ham­burg ist ja nicht voll, in Ham­burg kann man entspan­nt spazieren gehen und auch mal ein ruhiges Plätzchen find­en. Ham­burg hat Leben­squal­ität! Wir kön­nten deutsch­landweit so eng oder weit zusam­men­leben wie in Ham­burg. Das gäbe dann in der Fläche rech­ner­isch Poten­zial für etwas mehr als eine Mil­liarde Flüchtlinge. Nimmt man die Kon­flik­te in Nahost, der Ukraine, Afri­ka zusam­men – und wer wollte bestre­it­en, dass über­all dort die Men­schen Anlass haben, zu fliehen und wir sowieso und generell irgend­wie Schuld an all dem Elend haben – stellt das in etwa die Vision von Frau Kip­ping dar. Vielle­icht wäre dann auch unsere Schuld für all die Aus­beu­tung getil­gt, die Frau Kip­ping in der Welt sieht. Aber soweit reicht der Gedanke von Frau Kip­ping nicht. Ich bin nur per­sön­lich ent­täuscht von ihr, weil sie ihre Woh­nung in Dres­den nicht ein­er Irakischen Fam­i­lie zur Ver­fü­gung stellt. Schließlich lebt sie ja auf Kosten der Gemein­schaft auch als Abge­ord­nete in Berlin. Man moss och jönne könne, sagt der Kölner.

Nichts Gutes im schlechten

Wenn man heute fragt, wann das Ende der DDR besiegelt war, bekommt man meist eine von zwei häu­fi­gen Antworten. Entwed­er wird der 9. Novem­ber 1989 genan­nt, der Tag an dem die Mauer fiel, oder – etwas weit­sichtiger – die Unterze­ich­nung des von Strauß einge­fädel­ten Mil­liar­denkred­its für die DDR im Jahr 1983. Ich glaube, es war schon 1978 so weit. In diesem Jahr importierte die DDR hochof­fiziell 10.000 VW Golf aus der Bun­desre­pub­lik. Und genau das hätte nach der vorherrschen­den Dok­trin nie passieren dür­fen, schließlich war der zufolge der Sozial­is­mus dem Kap­i­tal­is­mus doch in jed­er Hin­sicht über­legen. 10.000 tro­janis­che Pferde fuhren nun durch Land, gefahren größ­ten­teils von den Vertretern der Nomen­klatu­ra und straften schon durch ihre bloße Exis­tenz die real­sozial­is­tis­che  Poli­tik lügen.

Doch auch fast 40 Jahre später bekommt die Linkspartei (dies­mal die neue Gen­er­a­tion) die Ide­olo­gie nicht aus dem Schädel – zumin­d­est solange sie als Oppo­si­tion warm und trock­en sitzt und die vom aus­beu­ter­ischen Steuerzahler garantierten Diäten pünk­tlich kom­men. Das die CSU mal irgen­det­was richtig macht, bekommt man bei der Linken ide­ol­o­gisch ein­fach nicht ver­schraubt. In dieser fast schon religiösen Ver­bohrtheit ähnelt die Linke in fataler Weise ihren alten Waf­fen­brüdern in Palästi­na und in Gaza. Auch für Hamas und Fatah spielt es keine Rolle, was ihr erk­lärter Feind (in dem Fall natür­lich Israel) tut oder lässt, solange er noch da ist. Aber die Hamas ist mit­tler­weile ehrlich­er als die Linke: „Wir wer­den die Juden als Feinde betra­cht­en, selb­st wenn sie uns Palästi­na zurück geben. Weil sie Ungläu­bige sind!“ Aber wenn Frau Kip­ping in dem Tem­po weit­er macht, wird sie vielle­icht in ein­er der näch­sten Talk­shows ide­ol­o­gisch Amok laufen. Genug ungläu­bige Gesprächspart­ner hat sie ja immer.

Wann wir scheitern Seit‘ an Seit‘

Wenn ich Kip­ping, Wagenknecht oder Tsipras zuhöre, ihren Argu­menten folge und die Kon­se­quen­zen abwäge, trig­gern deren Worte meine Ver­gan­gen­heit, denn ich dachte einst ähn­lich. Ich frage mich dann immer, was mich von diesen Salonkom­mu­nis­ten unter­schei­det und warum ich heute so gän­zlich anders denke. Die Antwort steckt bere­its in der abfäl­li­gen For­mulierung „Salon“ oder „Gewächshaus“ weit­er oben: Wed­er Salon noch Gewächshaus haben Kon­takt zur Wirklichkeit.

Noch jedes wie auch immer geart­ete sozial­is­tis­che Exper­i­ment ist gescheit­ert, sobald es in der Real­ität in Kon­takt kam. Chavés in Venezuela, Cas­tro in Kuba, Gor­batschow in der Sow­je­tu­nion, Kim in Nord­ko­rea, Sadat in Ägypten, Tsipras in Griechenland…egal wohin man schaut. Das Chi­na ger­ade nur „wack­elt“ liegt ein­fach an sein­er Größe. Als Gründe für das Scheit­ern wer­den von den Sozial­is­ten aber keine Män­gel in der eige­nen The­o­rie son­dern rein prak­tis­che Gründe ange­führt. Man hat sich halt nicht genug angestrengt, das „Mate­r­i­al“ taugte nichts  (die Men­schen), die bösen Impe­ri­al­is­ten sind Schuld (ein Trep­pen­witz übri­gens wenn aus­gerech­net aus­ge­sprochen vom Impe­ri­al­is­ten Sow­je­tu­nion), aus­ländis­che Agen­ten oder generell böse Mächte, alles eine einzige Weltver­schwörung. Man schot­tet sich ab und jedes Argu­ment der „Anderen“ wird zum Stein in der eige­nen ide­ol­o­gis­chen Abwehrmauer. Solange, bis man die Worte und Argu­mente der Geg­n­er ein­fach nicht mehr hört.

Kip­ping, Wagenknecht und auch Tsipras sind nur in ihren Parteien groß gewor­den, das reale Leben der Men­schen in ihren Län­dern ist ihnen größ­ten­teils fremd. Taugliche Konzepte für die heuti­gen Fra­gen, Prob­leme und Äng­ste der Bevölkerung haben sie nicht und als ein­er von ihnen, Alex­is Tsipras, an die Macht kam, fiel ihm nichts anderes ein als mehr Staats­beamte einzustellen, um Arbeit zu schaf­fen. Unnötig zu sagen, dass das schon rein math­e­ma­tisch nicht funk­tion­ieren konnte.

Kip­ping, die stolz auf ihrer Home­page verkün­det wie behütet ihre Kind­heit war und dass sie nur einen kurzen Schul­weg hat­te, trägt zu der selt­samen Stim­mung in Deutsch­land bei wenn sie immer nur von der Bere­icherung spricht, die die Flüchtlinge für Deutsch­land darstellen. Gern zitiert sie das Beispiel ein­er Schulk­lasse in einem Bran­den­burg­er Dorf, deren Schüler nur deshalb nicht auf weit­er ent­fer­nte Schulen verteil wur­den, weil die zwei neuen Flüchtlingskinder für ein Quo­rum sor­gen. Uner­wäh­nt lässt sie, dass es zu solchen Fällen mit­tler­weile auch exak­te Gegen­beispiele gibt – Schulen also, die geschlossen wer­den um dort Flüchtlinge unterzubrin­gen. Oder von Sporthallen, die durch die Unter­bringun­gen für Schul- und Vere­inss­port fehlen. Das mag jet­zt klein­lich klin­gen aber wer über der­lei Lap­palien nicht reden mag oder sie aus Grün­den der „polit­i­cal cor­rect­ness“ aus­blendet, soll bitte auch bezüglich der ach so tollen Bere­icherungs­beispiele bess­er den Mund halten.

Mir gefällt nicht, dass sich Men­schen schon weg­duck­en und lieber gar nichts sagen, weil sie mit der poli­tisch und medi­al all­ge­gen­wär­ti­gen Willkom­men­skul­tur so ihre Prob­leme haben. Wer beschw­ert sich schon über die armen Flüchtlinge, nur weil Söh­nchen oder Töchterchen die Schule wech­seln müssen oder Hock­ey im Win­ter draußen spie­len müssen? Sich­er nur Impe­ri­al­is­ten und Nazis! Frau Kip­ping beschw­ert sich nicht, die muss ja heute nicht mehr zur Schule und dafür lange Wege gehen. Und wenn wir schon von Wegen sprechen, Frau Kip­ping: Vielle­icht kön­nen Sie ja bei näch­ster Gele­gen­heit auf die Unter­schiede zwis­chen Thürin­gen und Bay­ern im Umgang mit der Flüchtlingskrise einge­hen. In Thürin­gen herrscht ja Ihr Parteifre­und Ramelow, dort geht doch sich­er die Sonne niemals unter, dort muss das neue Arbeit­er- und Bauern­paradies sein! Ach, es gibt keinen Unter­schied? Dann stellt sich bei Ihnen sich­er mal wieder die Schuld­frage, wie immer.

Kip­ping, set­zten, 6!

PS: 1978 war nicht nur das Jahr, in dem die DDR unterg­ing. Es ist auch das Geburt­s­jahr von Kat­ja Kip­ping. Es war von heute aus betra­chtet kein gutes Jahr für die deutsche Linke.

Vorheriger ArtikelFür alles offen und nicht ganz dicht
Nächster ArtikelAus Hamburg nichts Neues über Nahost