Am 31.7.2015 war die Welt für Deutsch­land noch bei­na­he in Ord­nung. Der Tram­pel­pfad, den wir heu­te Bal­kan­rou­te nen­nen, war gera­de im Ent­ste­hen begrif­fen, die Tür­kei war ein belieb­tes Urlaubs­land und ein treu­er Ver­bün­de­ter im Kampf für die Demo­kra­tie und EU-Mit­glied­schaft. Die Bri­ten und Ame­ri­ka­ner gehör­ten zu den Guten, Deutsch­land hat­te Außen­gren­zen und Frau Mer­kel war noch nicht ganz über ihren mora­li­schen Tief­punkt hin­weg, den ihr die Medi­en attes­tier­ten, weil sie einem paläs­ti­nen­si­schen Mäd­chen coram publi­co sag­te „Wir kön­nen aber nicht alle auf­neh­men“. Noch Fünf Mona­te bis Sil­ves­ter in Köln, Ans­bach war eine weit­ge­hend unbe­kann­te bay­ri­sche Klein­stadt, in Niz­za wohn­te der Geld­adel und ges­tern kann in Schwe­den höchs­tens ein Sack Knä­cke­brot umge­fal­len sein. Gut, der Krieg in Syri­en lief schon eine Wei­le, und der isla­mis­ti­sche Anschlag auf Char­lie Heb­do und den kosche­ren Super­markt in Paris mach­ten die Leu­te in Euro­pa etwas ner­vös, aber die ara­bi­sche und afri­ka­ni­sche Welt hat­te eigent­lich nur ein Pro­blem: näm­lich den Deut­schen bei der Lösung deren Fach­kräf­te- und Bevöl­ke­rungs­pro­ble­men zu hel­fen, wes­halb sie ihre Bes­ten auf die Rei­se zu uns schickten.

Die „Huf­fing­ton Post“ sam­mel­te in ihrem Arti­kel vom 31.7.2015 genau 200 O‑Töne aus der Tie­fe und Brei­te der auf­kom­men­den Will­kom­mens­kul­tur, deren Echt­heit wir als belegt anse­hen dür­fen. Eini­ge Sän­ger die­ses Jubel­chors sin­gen heu­te nicht mehr laut in Dur, son­dern lei­se in Moll, bei vie­len darf ange­nom­men wer­den, dass sie an ihre Aus­sa­ge von damals nur ungern erin­nert wer­den (bei weni­gen weiß ich das sogar sicher), nur sehr weni­ge wür­den die­se in glei­cher Wei­se wie­der­ho­len. Es kommt mir aber nicht dar­auf an, Men­schen für ein State­ment von vor zwei Jah­ren bloß zu stel­len oder zu ver­ur­tei­len. Mei­nun­gen kön­nen sich ändern, aus vie­len Grün­den tun sie das stän­dig. Ein guter Teil der Aus­sa­gen zeugt auch ein­fach nur von einem im Rück­blick viel­leicht etwas nai­ven, aber auch sehr ehren­wer­ten Mit­ge­fühl für jene Men­schen, die alle einen äußerst beschwer­li­chen Weg hin­ter sich hat­ten – aus wel­chen Grün­den, ver­su­chen wir seit vie­len Mona­ten im Ein­zel­nen auf­zu­drö­seln und manch­mal kamen unse­re dies­be­züg­li­chen Erkennt­nis­se lei­der zu spät, wie man weiß. Aber da sind auch noch jene Aus­sa­gen im Huff-Arti­kel, die auf ganz ande­re Beweg­grün­de hin­deu­ten und über die­se geben die O‑Ton-Geber unfrei­wil­lig Aus­kunft. Es sind die Sub­tex­te, das was zwi­schen den Zei­len steht, was der eine oder ande­re viel­leicht auf Par­tys unter Gleich­ge­sinn­ten laut aus­ruft, aber kei­nes­falls als Zitat in Zei­tun­gen oder Inter­net­por­ta­len lesen will.

Nun kann man aus 200 Aus­sa­gen kein zuver­läs­si­ges nume­ri­sches Gesamt­bild bas­teln, zumal die Huf­fing­ton Post hier selbst schon kräf­tig gesiebt hat. Auch wis­sen wir nicht, wie­viel nega­ti­ve und dumpf-feind­li­chen Not-Wel­co­me-Zuschrif­ten dort ein­ge­gan­gen sind, die man eben­so in ver­schie­de­ne Kate­go­rien zwi­schen „Skep­ti­ker“ und „Krupp­stahl-Nazi“ ein­ord­nen könn­te und wie vie­le Befrag­te ein­fach genervt „Ist mir alles Wurscht!“ ant­wor­te­ten. Arbei­ten wir also mit dem Mate­ri­al, was wir eben haben. Im Fol­gen­den unter­neh­me ich den Ver­such einer kur­zen Typus-Defi­ni­ti­on, gewis­ser­ma­ßen eine Beschrei­bung des Antriebs­sys­tems eini­ger auf­fäl­li­ger Mei­nungs-Grup­pen und ord­nen ihnen anschlie­ßend anony­mi­sier­te Aus­sa­gen aus dem Huff-Arti­kel zu. Wer sich zu einer Aus­sa­ge unbe­dingt einen Namen oder gar ein Gesicht wünscht, kann ja den Ori­gi­nal­ar­ti­kel bemü­hen. Also, viel „Spaß“ beim ana­ly­sie­ren, sor­tie­ren, ergän­zen und erinnern.

Typ 1: Rache ist süß, „Selbsthass“ reimt sich nicht zufällig auf „Günter Grass“

Das denkt man: „End­lich bekommt Deutsch­land, was es ver­dient! Es war ja kaum noch aus­zu­hal­ten hier! Die­se selbst­ver­lieb­ten deut­schen Idio­ten, die zwei Welt­krie­ge vom Zaun gebro­chen haben, nach­dem sie schon in all den Jahr­hun­der­ten vor­her haupt­säch­lich Krieg gegen die Nach­barn geführt haben. Die Schwe­den haben es im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg nicht geschafft, die­ses Nat­tern­ge­zücht aus­zu­rot­ten, Napo­le­on ist geschei­tert und die Bom­ben­an­grif­fe der Alli­ier­ten haben es lei­der auch nicht geschafft, das Land wie­der zum Acker zu machen. Die Deut­schen haben ihr Land ein­fach nicht ver­dient, ande­re Kul­tu­ren sind sowie­so bes­ser als alles, was die Deut­schen als sol­che bezeich­nen. Land von Goe­the und Schil­ler, pah! Der eine war ein adli­ger Schnö­sel und der ande­re ein Gau­ner, des­sen Gedich­te wir in der Schu­le aus­wen­dig ler­nen muss­ten. Das war lyri­sches Water­boar­ding!  Aber nun bekommt Deutsch­land end­lich die Quit­tung für Kriegs­trei­be­rei, Impe­ria­lis­mus, Kreuz­zü­ge und Kolo­nia­lis­mus. 2006 war ich schon kurz davor, das Land zu ver­las­sen und nach Gaza zu zie­hen. Über­all die­se pein­li­chen Deutsch­land­fähn­chen und die­ses natio­na­lis­ti­sche Gefa­sel von „guter Gast­ge­ber“. Schreck­lich öde sowas. Hat­ten wir nichts Bes­se­res zu tun, konn­ten wir nicht ein­fach still sein und die Klap­pe hal­ten? Deutsch­land und Begeis­te­rung – das geht nie gut aus! Aber die Flücht­lin­ge sind stark und wer­den die­ses mora­lisch ver­lot­ter­te Land auf den Kopf stel­len! Deut­sche darf man nie­mals mit Deut­schen allein las­sen, dar­aus kann nur Schlim­mes erwachsen.“

Sowas wür­de „Typ Grass“ natür­lich nie laut sagen. Er for­dert lie­ber, Kir­chen in Moscheen umzu­wan­deln, will mus­li­mi­sche Fei­er­ta­ge ein­füh­ren, hat ein Pro­blem mit den meis­ten sei­ner Lands­leu­te, die er in Toto als geis­ti­ge Tes­ta­ments­voll­stre­cker Hit­lers ansieht oder lässt sich in der Huf­fing­ton Post mit fol­gen­den Aus­sa­gen zitieren:

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr mein Leben, mei­nen All­tag und mei­ne Welt berei­chert. Und mich her­aus­for­dert, mich wie­der woh­ler in mei­ner Haut und mei­nem Land zu füh­len, weil ich auf­ste­hen will gegen die schwach­sin­ni­gen Kra­wall­deut­schen, die sich wie­der formieren.“

„… weil es mit uns ganz allei­ne ja gar nicht aus­zu­hal­ten wäre.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr unse­re Luft­bla­se mit fri­scher Luft versorgt.“

„…weil ihr mit eurer Anwe­sen­heit Leben verändert.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil wir durch euch Demut lernen.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil wir ver­lernt haben, was Demut ist und ein in Kapi­tal­sucht ver­fal­le­nes Volk sind. Wir haben Euch ent­mün­digt, beraubt, und die Grund­la­gen genom­men, sel­ber ein rei­ches, voll­kom­me­nes und sou­ve­rä­nes Leben zu füh­ren, nur um uns zu berei­chern. Nun sind wir in der Pflicht, Mensch zu sein und für unse­re Feh­ler gera­de zu ste­hen. Mir tut es Leid und herz­lich Willkommen.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr mei­ne Welt­ord­nung wie­der zurecht­rückt. Wenn ich manch­mal, ganz ehr­lich, den­ke, dass die­se oder jene Kul­tur oder Men­ta­li­tät nicht nach Deutsch­land passt – dann zeigt ihr mir mit Eurer Anwe­sen­heit, dass uns die­se Welt ALLEN und über­all in glei­chem Maße gehört!“

„… weil es euer gutes Recht ist, hier zu sein.“

„… weil die­ses Euro­pa arm wäre ohne euch.“

„…ich mich in einer nur deut­schen Gesell­schaft allei­ne füh­len würde.“

„… weil ihr es uns ein wenig schwe­rer macht, der Rea­li­tät zu entfliehen.“

„… ihr hier hof­fent­lich nicht durch deut­sche Waf­fen ums Leben kommt und uns hof­fent­lich mit den „wir sind kei­ne Nazis aber…“-Dummdeutschen nicht allein lasst.”

Typ 2: Wer, wenn nicht wir – das beste Deutschland aller Zeiten

Das denkt man: „Neu­lich kam eine inter­na­tio­na­le Umfra­ge zu dem Ergeb­nis, dass Deutsch­land das tolls­te Land der Welt sei. Also die Deut­schen, die sei­en am belieb­tes­ten. Ja, das glau­be ich auch! Von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen beneh­men wir uns anstän­dig. Haus­wo­che, Streu­dienst im Win­ter, wir hal­ten an roten Ampeln und wenn wir doch mal etwas zu schnell fah­ren, dann doch nur, weil wir schnell zur Arbeit müs­sen oder einer wich­ti­gen ehren­amt­li­chen Tätig­keit nach­ge­hen. Wir stren­gen und immer­zu an, arbei­ten an uns selbst und im Gegen­satz zu ande­ren Völ­kern ach­ten wir beson­ders peni­bel dar­auf, dass alle einen guten Ein­druck von uns haben – und das las­sen wir uns eini­ges kos­ten! Wir kön­nen von Glück reden, dass wir den Krieg ver­lo­ren haben und damals alle schlech­ten Men­schen, also die Nazis, ihre gerech­te Stra­fe erhal­ten haben. Wie durch ein gro­ßes alli­ier­tes Sieb gewor­fen, wur­de Deutsch­land ein bes­se­res Land. Das bes­te Land der Welt, Ein Land der gut­mei­nen­den Export- und Moral­welt­meis­ter. Und wie uns die Welt benei­det! Um unse­re Kanz­le­rin, die als ein­zi­ge den Mut hat­te, mit einem Feder­strich den Atom­aus­stieg zu beschie­ßen. Und natür­lich die Ener­gie­wen­de – eine grü­ne Idee, die nun von einer kon­ser­va­ti­ven Regie­rungs­par­tei umge­setzt wird. Das zeigt doch, dass sich bei uns immer die guten Ideen durch­set­zen – dar­über kann man sich gar nicht strei­ten. Und ist es nicht schön, dass alle Welt aus­ge­rech­net zu uns kom­men will? Außer­dem ist eure Auf­nah­me bei uns der Beweis dafür, dass wir mensch­li­cher und freund­li­cher sind als all die ande­ren Euro­pä­er – Deutsch­land ist wie immer Vorbild.“ 

Am deut­schen Wesen soll also mal wie­der die Welt gene­sen – aber für so schlimm hält man das natür­lich nicht! Men­schen, die fest im Typ 2‑Denken gefan­gen sind, zei­gen dann näm­lich beson­ders oft auf die EU, von der ja letzt­lich alles kom­me und zu deren Wohl man das hier ja schließ­lich alles tue. „Das höhe­re Wohl“ bestimmt den Zweck und der sucht sich die Mit­tel nach Stim­mungs­la­ge. Man hat ein fes­tes Bild von sei­ner Vor­bild­rol­le und fühlt sich mora­lisch allen ande­ren über­le­gen. Ein Engel ist der gute Deut­sche, des­sen Eltern und Groß­el­tern in sei­nem nach­träg­li­chen Auf­trag die Kathar­sis des Krie­ges durch­lebt haben, die Umwelt ver­schmutz­ten und den Wald töte­ten – nun ern­ten die Enkel die Früch­te der mora­li­schen Über­le­gen­heit. Über­le­gen füh­len sie sich gegen­über denen, die ihre Ansich­ten nicht tei­len und denen, deren Hilfs­be­dürf­tig­keit sie gera­de­zu her­bei­seh­nen. „Gutes tun“ bekommt an Strahl­kraft, wenn es von den einen abge­lehnt und von den ande­ren benutzt wird. Es ist gewis­ser­ma­ßen eine Arbeits­tei­lung zwi­schen den Bösen Regi­men, die Men­schen ver­trei­ben, und dem guten Deutsch­land, das Men­schen auf­nimmt – jeder tut halt das, was er am bes­ten kann. Und hier die O‑Töne:

„…weil Flucht und Ver­trei­bung offe­ne Türen und hel­fen­de Hän­de brau­chen. Unser wohl­ha­ben­des und demo­kra­ti­sches Land kann und soll­te euch Sicher­heit und Lebens­chan­cen bieten.“

„… weil wir durch euch Barm­her­zig­keit in die Tat umset­zen kön­nen und Ihr die Chan­ce bekommt neue Geschich­te zu schrei­ben, für euch und für uns. Ihr seid ein Segen für uns lie­be Flüchtlinge.”

„… wir mit euch zusam­men eine lebens­wer­te und ver­trau­ens­vol­le Zukunft bau­en kön­nen. Wo die Kraft unse­res Mit­ein­an­ders sich durch die Viel­falt unse­re Her­kunft ent­fal­tet. Als Bei­spiel für die Welt.“

„… weil ihr uns die Chan­ce gebt, unse­re Mit­mensch­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft unter Beweis zu stellen.“

„… weil Deutsch­land bunt ist, viel­fäl­tig und Eure Talen­te & Geschich­ten brau­chen kann. Ob in der Natio­nal­mann­schaft, am Kran­ken­bett oder beim Bäcker. Wir freu­en uns, dass ihr unse­re Gesell­schaft berei­chert! Was wir 2006 san­gen, gilt auch heu­te noch: Die Welt zu Gast bei Freunden.“

„… wir euch hier hel­fen kön­nen und wol­len! Wer, wenn nicht wir?“

Typ 3: Schuldig sei der Mensch, hilfreich und gut

Das denkt man: „Deutsch­land ist ein waf­fen­star­ren­des Kapi­ta­lis­ti­sches Mons­ter, das in der Welt nur Zwie­tracht säht und von Krie­gen pro­fi­tiert. Dass so vie­le von euch zu uns kom­men, ist ja wohl das min­des­te, was wir tun kön­nen. Wir haben hier nicht als Gefühls­käl­te, Ego­is­mus und Kon­sum­ter­ror, uns sind die wah­re Wer­te ein­fach kom­plett ver­lo­ren gegan­gen – aber bei euch, da tref­fen wir end­lich auf Wahr­haf­tig­keit! Fami­lie ist euch wich­tig, ihr habt Tra­di­tio­nen, nehmt eure Reli­gi­on sehr ernst und ver­tre­tet eine im Grun­de viel bes­se­re Gesell­schaft als die unse­re. “ Und laut sagt man dann so etwas:

„Lie­be Flücht­lin­ge, wir sind es euch schul­dig, euch auf­zu­neh­men, weil unse­re Poli­tik für euer Leid letzt­lich mit­ver­ant­wort­lich ist.“

„… weil ihr uns die Bedeu­tung von Frie­den und Mit­mensch­lich­keit vor Augen führt.“

„… weil ihr häu­fig sehr viel mehr lacht als die Men­schen hier!“

Typ 4: Danke für die Blumen – und jetzt bereichert uns!

Das denkt man: „Der klu­ge Mann denkt an sich selbst zuerst. Wir brau­chen ja schließ­lich Leu­te, die spä­ter mal unse­re Ren­te bezah­len, oder uns soma­lisch kochen und eri­tre­isch trom­meln bei­brin­gen kön­nen. Ihr zahlt unse­re Ren­ten und pflegt unse­re Kran­ken – denn dazu seid ihr ja her­ge­kom­men. Als Druck­mit­tel seid ihr natür­lich auch gut. “

Migra­ti­on und Flucht ist für die­sen Typus ein und das­sel­be. Ego­is­mus und Uti­li­ta­ris­mus trop­fen aus jedem Wort. Des­halb sieht man Migran­ten eher als will­kom­me­ne bil­li­ge Werk­zeu­ge, die man ver­sucht, an ver­schie­de­nen gesell­schaft­li­chen Bau­stel­len anzu­set­zen. Wir bekom­men also Schrau­ben­schlüs­sel geschenkt, auch wenn wir am Ende fest­stel­len, dass wir dum­mer­wei­se kei­ne pas­sen­den Schrau­ben dafür fin­den kön­nen. Poli­ti­ker nei­gen beson­ders häu­fig die­sem Typus zu, bau­en untaug­li­che Werk­zeu­ge in Form von Geset­zen oder Debat­ten, nur um dann fest­zu­stel­len, dass das neue, gold­fun­keln­de Werk­zeug nicht zum alten Pro­blem passt. Aber wenn eines die­ser neu­en Tools bei sei­nem Ein­satz Pro­ble­me ver­ur­sacht, baut man eben ein wei­te­res, das sich dar­um küm­mern kann. So hät­te man den dräu­en­den „demo­gra­fi­schen Wan­del“ recht­zei­tig ange­hen kön­nen, indem man Fami­li­en moti­viert, mehr Kin­der zu bekom­men. Aber wäh­rend die Bio­deut­sche Frau, womög­lich noch allein­er­zie­hend, von Job zu Ter­min hetzt und womög­lich auf staat­li­che Unter­stüt­zung ange­wie­sen ist, über­legt sie sich lie­ber zwei­mal, ob sie ein wei­te­res Kind bekom­men soll­te. Und so wird der Regel­kreis aus nied­ri­gen Real­ein­kom­men, beruf­li­cher Belas­tung und Kin­der­wunsch zuun­guns­ten des Kin­der­wun­sches aus­ge­hen. Da kom­men dem Uti­li­ta­ris­ten weni­ger fort­pflan­zungs­mü­de, weni­ger eman­zi­pier­te Neu­bür­ger ganz recht, die sich die­sem Regel­kreis ent­zie­hen. Pro­blem gelöst! Ob die­se Fami­li­en, die spä­ter dabei hel­fen sol­len, Deutsch­lands Bevöl­ke­rungs­zahl zu „sta­bi­li­sie­rern“, aus ihren vie­len Kin­dern die zukünf­ti­gen Ärz­te und Inge­nieu­rin­nen wer­den machen kön­nen..? Egal, falls nicht, wird sich dafür sicher auch ein pas­sen­des Werk­zeug erfin­den las­sen. Zu die­sem Typus fin­det man die meis­ten O‑Töne:

„Weil wir dazu in der Lage sind zu hel­fen. Weil unse­re Geschich­te uns dazu ver­pflich­tet, gera­de­zu. Und weil unser altern­des Gera­ni­en­deutsch­land eure Krea­ti­vi­tät, Ideen und Sicht­wei­sen braucht.“

„… weil ange­sichts der schrump­fen­den Bevöl­ke­rung hoch­mo­ti­vier­te Arbeits­kräf­te in Deutsch­land drin­gend gebraucht werden.“

„…weil ihr Schu­len mit euren Erfah­run­gen und euren Geschich­ten bereichert.“

„… weil ihr eine kul­tu­rel­le Berei­che­rung für Deutsch­land seid und weil es unter euch genau­so span­nen­de, klu­ge und die Gesell­schaft berei­chern­de Men­schen gibt, wie unter denen, die hier schon leben, weil die meis­ten Men­schen aus Deutsch­land euch ger­ne auf­neh­men und will­kom­men heißen.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr unse­re Gesell­schaft viel­fäl­ti­ger und rei­cher macht.“

„… weil ich ger­ne ler­nen möch­te, die klei­ne Welt Euro­pa mit euren Augen zu sehen! Weil ich gren­zen­los neu­gie­rig bin! Weil ich gern soma­lisch koche, eri­tre­isch tromm­le, afgha­ni­schen Dra­chen nach­schaue und über­haupt fin­de, dass das Unbe­kann­te das Leben lie­bens­wert macht. Weil ihr unser Leben bereichert.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr Lebens­freu­de mitbringt.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr mit euren Fähig­kei­ten, Ideen und gro­ßer Moti­va­ti­on uns helft, unse­ren Wohl­stand lang­fris­tig zu sichern und weil ihr uns helft, offen und tole­rant zu wer­den und somit auch als Gesell­schaft zu rei­fen und wirt­schaft­lich zu florieren.“

„… unser Glück nicht selbst­ver­ständ­lich ist und wir viel­leicht schon mor­gen Eure Hand brauchen.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ihr das kul­tu­rel­le Spek­trum Deutsch­lands und Euro­pas berei­chert, damit die Gesell­schaft viel­fäl­ti­ger macht und gera­de weil die füh­ren­den west­li­chen Natio­nen sowohl dem Syri­en-Kon­flikt als auch den zahl­rei­chen Krie­gen und dem Elend in Afri­ka taten­los zusehen.“

„… weil ihr ers­tens spü­ren sollt, dass es hier noch Mensch­lich­keit und Hilfs­be­reit­schaft gibt und zwei­tens unser Arbeits­markt aus­bil­dungs­wil­li­ge und leis­tungs­be­rei­te Men­schen braucht.“

„…ihr unse­re Kul­tur als Men­schen und Freun­de bereichert.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil ich gespannt dar­auf bin, neue Kul­tu­ren ken­nen zu ler­nen. Ihr macht unse­re Kul­tur viel­fäl­ti­ger und offe­ner und könnt hier hof­fent­lich in Sicher­heit leben.“

„Ihr bringt Fähig­kei­ten und Erfah­run­gen mit, die wert­voll sind für unse­re Gesell­schaft. Es ist gut, dass ihr hier seid, weil wir in Zukunft mehr moti­vier­te, klu­ge und qua­li­fi­zier­te Frau­en und Män­ner für unse­ren Arbeits­markt brauchen.“

„Weil ihr uns ent­schei­dend hel­fen wer­det, end­lich eine gemein­sa­me euro­päi­sche Afri­ka-Poli­tik auf den Weg zu brin­gen. Grund­stan­dards für jeden der eine Mil­li­ar­de Bür­ger Afri­kas müs­sen das Ziel sein. Ansons­ten seid ihr die Vor­hut der größ­ten Völ­ker­wan­de­rung der Neuzeit.“

„… weil Deutsch­land Zuwan­de­rung braucht, um den demo­gra­fi­schen Wan­del und die dar­aus fol­gen­de Alte­rung der Gesell­schaft zu bewäl­ti­gen, weil Deutsch­land kul­tu­rel­le Viel­falt gut tut, und, weil Deutsch­land reich genug ist, um Men­schen Unter­kunft zu bie­ten, die in ihrem Hei­mat­land in Not gera­ten sind.“

„… weil dann jemand eines Tages vor Gericht bezeu­gen kann, dass nicht alle hier sich selbst die Nächs­ten waren.“

„Wir sind auf dem Weg, end­lich ein moder­nes Ein­wan­de­rungs­land zu werden.“

„Ihr mit euren beruf­li­chen Talen­ten Deutsch­lands Zukunft mit­ge­stal­ten könnt.“

„… weil ihr eine demo­gra­phi­sche Lücke schließt, den Fach­kräf­te­man­gel abfe­dert, die poli­ti­sche Kul­tur belebt und anregt, eine kos­mo­po­li­ti­sche Berei­che­rung dar­stellt, uns auf glo­ba­le Her­aus­for­de­run­gen vorbereitet.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil wir viel von­ein­an­der ler­nen kön­nen. Es gibt in jedem Land Tra­di­tio­nen, Bräu­che und ganz ver­schie­de­ne Arten an Din­ge her­an­zu­ge­hen. Mich wür­de es freu­en, wenn wir alle unse­re Erfah­run­gen in einem gro­ßen bun­ten Topf wer­fen, aus dem sich jeder bedie­nen darf, um sein Leben noch viel­fäl­ti­ger abwechs­lungs­rei­cher und objek­ti­ver zu gestalten.“

„… weil eure Kin­der in den Schul­klas­sen mit­hel­fen, die Kin­der die­ses Lan­des auf die vie­len Pro­ble­me auf­merk­sam zu machen, die in der Welt auf Lösun­gen warten.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, weil wir uns auf klu­ge Köp­fe und zahl­rei­che Talen­te freuen.“

„… weil ihr unser Land vor­an­brin­gen werdet.“

„Lie­be Flücht­lin­ge, es ist gut, dass ihr hier seid, denn Ihr seid die Entre­pre­neu­re von mor­gen. Der New Ger­man Mit­tel­stand wird aus Syrern, Koso­va­ren und Afgha­nen bestehen.”

Ach ja, da ist auch noch Typ 5, der aller­dings in kei­nem der O‑Töne bei Huf­fing­ton zu Wort kam. Es ist der Typ, der sich im Aus­tra­li­en der 30er Jah­re dage­gen aus­ge­spro­chen hät­te, zur Bekämp­fung der Zuck­e­rohr­kä­ferlar­ve ein­fach die Agar-Krö­ten ins Land zu holen, weil er vor den Lang­zeit­fol­gen für die Öko­sys­te­me gewarnt hät­te.  Es ist der Typ der ver­sucht hat, die lang­fris­ti­gen Fol­gen und Neben­ef­fek­te einer ober­fläch­li­chen Will­kom­mens­kul­tur ins Kal­kül zu zie­hen. Es ist der Typ, der davor warn­te, Sel­fies mit der Kanz­le­rin wür­den in Zei­ten des Inter­nets und sozia­ler Medi­en sehr wohl Ein­fluss auf Wan­de­rungs­be­we­gun­gen haben und der bezwei­fel­te, dass den Flücht­lin­gen mehr als kurz­fris­tig damit gehol­fen sei, wenn man sie in pro­vi­so­risch errich­te­ten Unter­künf­ten unter­bringt. Es ist der Typ, der auch davor warn­te, es könn­te zu unschö­nen Neid-Debat­ten füh­ren, wenn man den Neu­an­kömm­lin­gen schnell gol­de­ne Brü­cken baut, für deren Errich­tung sie nie einen Fin­ger krüm­men muss­ten. Es ist der Typ, der den pri­va­ten Ret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen vor der Liby­schen Küs­te vor­wirft, sie spiel­ten das Spiel der Schlep­per und arbei­te­ten ihnen gera­de­zu in die Hän­de. Es sind die schwarz­ma­len­den Typen, die Anfang 2015 davor warn­ten, die Mit­tel des UNHCR für den Liba­non, die Tür­kei und Jor­da­ni­en zu kür­zen und vor einer Mas­sen­flucht aus Syri­en warn­ten. Die Typen also, die nie­der­ge­brüllt wur­den, weil sie bei der gro­ßen Will­kom­mens­par­ty nicht die Fähn­chen schwen­ken woll­ten und denen man es letzt­lich vor­wer­fen wird, dass die Ener­gie­ver­schwen­dung durch ihre Kas­san­dra-Rufe jenes letz­te Quänt­chen Ener­gie gewe­sen sein wird, das am Ende zum Erfolg die­ser gro­ßen Trans­for­ma­ti­on feh­len wer­de. Die Typen also, die nicht mit­ma­chen woll­ten und des­halb am Ende an allem schuld sein müs­sen. Denn einer muss am Ende immer die Schuld tra­gen und die Rol­le des Nazis über­neh­men. Des­halb wird Typ 5 am Ende immer ver­lie­ren, so schreibt es das Dreh­buch vor, dass von Typ 1–4 geschrie­ben wird.

Erra­tum: Gut dass es Leser gibt, die sich der deut­schen Spra­che nicht so schlu­de­rig bedie­nen, wie ich das oft tue. Die Über­schrift lau­te­te bis­her fälsch­li­cher­wei­se „Was die Deut­schen wirk­lich dach­ten, sich aber nicht zu sagen wag­ten“, wobei das „sich“ völ­lig fehl am Plat­ze ist und gestri­chen wur­de. Dan­ke für den Hin­weis, Micha­el. Im Per­ma­link muss ich den Feh­ler lei­der so ste­hen las­sen, weil sonst alle Ver­lin­kun­gen ins Lee­re lau­fen würden.

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9 Kommentare

  1. Noch ein letz­tes Nach­wort am Grab­stein die­ser Gehirn gewa­sche­nen Lemin­ge-Repu­blik und zwar zum The­ma Fach­kräf­te: laut einer aktu­el­len Erhe­bung darf bzw. muss man von fol­gen­der Faust­for­mel aus­ge­hen: auf 10.000 Schutz­su­chen­de (poli­tisch kor­rekt genug?) kommt erfah­rungs­ge­mäß – und nun bit­te fest­hal­ten – EINE Fach­kraft! Sum­ma sum­ma­rum bedeu­tet dies bei (angeb­lich) 800.000 Flücht­lin­gen gan­ze 80 (in Wor­ten acht­zig!) Fach­kräf­te! Also wenn dass kei­ne Berei­che­rung ist, was ist dann eine? R.I.P. Teutonia.

  2. Wäh­rend ich bei den Kri­ti­kern damals tat­säch­lich eine Angst vor dem Fremden,
    gese­hen habe, was vor allem kul­tu­rel­le Aspek­te betraf, hat­te die­se Art der
    Zunei­gung ein­deu­tig ras­sis­ti­sche Züge.
    Ich will sagen: Die Kri­ti­ker hät­ten gen­au­seo Kri­tik geübt, wären die Flüchtenden
    zB blon­de Ukrai­ner gewe­sen. Das Will­kom­men auf der ande­ren Sei­te, hät­te aber
    nie­mals in die­ser, fast schon dis­kri­mi­nie­ren­den Art stattgefunden.

  3. Die­se her­vor­ra­gen­de Ana­ly­se wirft ein Schlag­licht auf das, was wirk­licht statt­fin­det: es sind nicht die füh­ren­den Prot­ago­nis­ten der PC, wel­che den dro­hen­den Unter­gang unse­rer Gesell­schaft zu ver­ant­wor­ten haben son­dern es sind die Men­schen sel­ber, die als Wäh­ler durch ihr Votum Mer­kel und Co. zu ihrer Poli­tik beauftragen.
    In die­sem Arti­kel wer­den vie­le Bei­spie­le genannt, aus wel­cher inne­ren Ein­stel­lung her­aus Men­schen die­se Selbst­zer­stö­rung betrei­ben. Hier allein liegt das Übel.

  4. Ich kenn´da noch einen Typ, der äußert sich aber nur in klei­nem Kreis. Der hat sich ganz klamm­heim­lich über­legt, wie er mit den vie­len „Refu­gees“ sein Kon­to fül­len kann. Und da gibt es vie­le Mög­lich­kei­ten: Her­un­ter­ge­wirt­schaf­te­te Hotels als „Flücht­lings­un­ter­kunft“ ver­mie­ten, Feld­bet­ten für zweck­ent­frem­de­te Sport­hal­len, Cate­ring für „Flücht­lings­hei­me“, Secu­ri­ty für die­sel­ben usw. usw.

  5. Die bes­ten Abt­wor­ten auf die Fra­ge was an uns Deut­schen gut oder schlecht ist, kom­men von Aus­län­dern, die uns gut ken­nen. Meis­tens sind sie recht ange­tan von uns. Wer hin­ter­fragt sich schon der­ma­ßen wie wir es tun? Also, kein Grund zu Kom­ple­xen. Lasst es gut sein. Der links-grün am Leben gehal­te­ne Schuld­kom­plex darf ein­fach abster­ben wie wel­kes Laub. Deutsch­land und die Deut­schen sind in Ord­nung. Und unser Uns-in-Fra­ge-stel­len macht uns sym­pa­thisch. Es läuft also alles gut, kein Grund zur Selbstaufgabe.

  6. War sehr amü­sant zu lesen, Herr Letsch. Vie­len Dank, dass Sie das inso­fern in mühe­vol­ler Klein­ar­beit für uns Ach­gut-Leser aus­ein­an­der­ge­drö­selt haben. 

    Im Grun­de genom­men sind Typ 1 bis 4 nichts anders als ‑je nach cha­rak­ter­li­cher Schat­tie­rung der O‑Ton Spre­cher- eine ande­re Form von amok­lau­fen­den Pro­tes­tan­tis­mus, wie ihn auch Frau Käß­mann oder die Grü­ne Göring-Eck­hardt reprä­sen­tiert, die in ihrer Welt­fremd­heit patho­lo­gisch den Men­schen wie er sein soll­te, mit dem Men­schen wie er real exis­tiert, ver­wech­seln. Wenn die Flücht­lin­ge tat­säch­lich mit ihren „beruf­li­chen Talen­ten Deutsch­lands Zukunft mit­ge­stal­ten…“ unse­re „demo­gra­phi­sche Lücke schlie­ßen, den Fach­kräf­te­man­gel abfe­dern, die poli­ti­sche Kul­tur bele­ben und anre­gen, eine kos­mo­po­li­ti­sche Berei­che­rung dar­stel­len, uns auf glo­ba­le Her­aus­for­de­run­gen vor­be­rei­ten…“ und die „die Entre­pre­neu­re von mor­gen“ sein wer­den, wenn also dem­nächst der „New Ger­man Mit­tel­stand aus Syrern, Koso­va­ren und Afgha­nen bestehen wird…” tja, dann wür­de ich auch lie­bend gern beim gro­ßen Will­kom­mens­fest mit­ma­chen und den gan­zen Tag „soma­lisch kochen, eri­tre­isch trom­meln und afgha­ni­schen Dra­chen nach­schau­en“ wol­len, so wahr mir Gott hel­fe. Ich SCHWÖR’S!

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