Was macht man, wenn man eine richtig gute Idee im Bere­ich Kom­mu­nika­tion hat, die man in Geld ver­wan­deln will? Genau, man grün­det ein soge­nan­ntes Start­up-Unternehmen! Und was macht man, wenn man mit diesem Unternehmen Leis­tun­gen anbi­eten kann, die wom­öglich nie­mand son­st am Markt bieten kann? Klar, man nutzt seinen Vor­sprung, wirbt mit ihm, baut ihn aus und ver­di­ent so erst recht das Geld, das man ja eigentlich haben will. Eine ehrliche Sache sowas und es gibt auch in Deutsch­land eine Menge Beispiele dafür, dass es funktioniert.

johannes-tetzelius-pirnensis-ablasshandel-in-pirna-1517Was macht man aber, wenn man außer ein­er tollen Idee auch noch die Absicht hat, die Welt zu ret­ten? Also das Kli­ma, die Eis­bären und die Ein­wohn­er von Tuvalu. Ein Prob­lem ist näm­lich, dass die tolle Idee im Zusam­men­hang mit men­schlich­er Kom­mu­nika­tion ste­ht, nicht mit der Ret­tung der Welt…man wird also auch die Ressourcen ein­set­zen müssen, für deren Ein­satz man sich im Grunde schämt. Sie wis­sen schon: Energie, CO2, Umweltzer­störung durch Berg­bau, Aus­beu­tung von Arbeit­skraft und so weiter.

Die deutsche Fir­ma pos­teo hat dieses Prob­lem. Pos­teo ist ange­treten, um seinen Kun­den anonymisierte Mailkon­ten mit ein­er durchge­hen­den Ver­schlüs­selung anzu­bi­eten – in Zeit­en von Daten­klau, Überwachung und Hack­eran­grif­f­en eine wirk­lich gute Idee. Aber ander­er­seits wäre pos­teo gern so grün wie der Mis­thaufen ein­er Bioland-Kuh auf einem Deme­ter-Ack­er. Deshalb bezieht pos­teo seinen Strom bei Green­peace-Ener­gy. Da sind nur Wind und Wass­er drin, nur das gute Zeug also – und das lässt man sich gern etwas kosten. Das Geld sein­er Kun­den ver­traut pos­teo der Umwelt­bank an, denn der neueste Trend im Green­wash­ing sind naturbe­lassene Bank­di­en­stleis­tun­gen. Aber kann das schon alles sein? Natür­lich nicht, das ist erst der Anfang!

  • die Mitar­beit­er von pos­teo arbeit­en in Büros, in denen es auss­chließlich Recy­cling­pa­pi­er gibt
  • die Büromö­bel wur­den aus nach­haltigem FSC-Holz gefer­tigt (da staunst du, IKEA!)
  • täglich Bio-veg­e­tarisches Mittagessen
  • alle Mitar­beit­er nutzen Fahrrad und ÖPNV
  • für Bah­n­fahrten gibt’s extra Urlaub
  • man spendet regelmäßig an NGO’s, die im Umwelt- und Daten­schutz tätig sind

Im Mit­te­lal­ter ver­sucht­en sich die Wall­fahrt­sorte und Kirchen in Sachen Fröm­migkeit gegen­seit­ig zu übertrumpfen. Hat­te die eine einen Unter­arm­knochen der heili­gen Bar­bara, genügte es der anderen nicht, auch einen solchen Knochen zu besitzen – man brauchte drin­gend noch ein paar Fußnägel von Maria.

Heute beobacht­en wir einen Wet­tbe­werb in Sachen ökol­o­gis­ch­er Fröm­migkeit. Es genügt nicht mehr, seinen Strom aus Wind- und Wasserkraft zu beziehen, oder beim Krom­bach­er saufen auf den Regen­wald anzus­toßen – heute ver­sucht man sich in jedem Lebens­bere­ich, der das irgend­wie hergibt, als Vor­bild zu gerieren. Man nimmt in Kauf, dass man dabei immer stärk­er in das Pri­vatleben ander­er Men­schen, in dem Fall der eige­nen Mitar­beit­ern, ein­greift oder sich der Lächer­lichkeit preis­gibt. Volk­serziehung ist wieder en vogue.

Was passiert eigentlich, wenn ein neuer Bewer­ber bei pos­teo sich weigert, das Fahrrad zu benutzen und stattdessen sein Auto nehmen möchte? Wird sich ein Gle­ich­stel­lungs­beauf­tragter um den abgewiese­nen Bewer­ber küm­mern, weil es den Arbeit­ge­ber ver­dammt nochmal nichts ange­ht, wie jemand seinen Arbeitsweg bewältigt? Was benutzt die Fir­ma pos­teo eigentlich anstelle der üblichen Fest­plat­ten zur Daten­spe­icherung, weil diese ja schließlich in Chi­na unter frag­würdi­gen Umwelt­stan­dards zusam­mengeschraubt wur­den, um dann von mit Schw­eröl betriebe­nen Ozean­riesen über die Welt­meere geschip­pert zu wer­den? Wie ökol­o­gisch kor­rekt sind eigentlich die Früh­stücksce­re­alien der Mitar­beit­er und warum erfährt man darüber nichts?

Die grüne Welle, die seit eini­gen Jahren über unseren All­t­ag schwappt, nimmt immer mehr die Züge ein­er Reli­gion an – und zwar mit allem Drum und Dran!  Es gibt die Andro­hung ein­er Apoka­lypse (Erder­wär­mung, Meer­esspiegel), einen Gott (die Natur), eine Priester­schaft (Green­peace, WWF, grüne Parteien) und jede Menge Jünger, die von ihrer eige­nen Verderbtheit (CO2-Ausstoß) überzeugt sind. Ein Ablass-Sys­tem hat sich etabliert, auf das Johann Tet­zel ver­dammt nei­disch gewe­sen wäre und es gibt die Hoff­nung auf Erlö­sung durch das Ende des Kon­sums und final durch den Tod, der jede Entste­hung von CO2 been­det – dann entste­ht nur noch Methan und Schwefelwasserstoff.

Die Exper­tise der Fir­ma pos­teo liegt also gar nicht so sehr im Bere­ich der Daten­sicher­heit, son­dern in ihrer Reli­gion­szuge­hörigkeit: und die ist ökol­o­gisch-ortho­dox. Für einen Euro Kirchen­s­teuer pro Monat kön­nen Sie bei pos­teo dabei sein. Ver­glichen mit anderen Reli­gion­s­ge­mein­schaften ist das allerd­ings wirk­lich erschwinglich.

Auch erschienen auf achgut.com

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4 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Letsch,

    wowh, erbar­mungs­los Beson­der­heit­en eines Unternehmens in das erste Auflis­tungsWei­denkör­bchen gewor­fen, dann den zwin­gend erforder­lichen Rest des als Beispiel genomme­nen Unternehmens (son­st kön­nte das Unternehmen ja nicht funk­tion­ieren) in das zweite Auflis­tungsNichtJutekör­bchen geworfen.

    Mit diesem ein­fach gehal­te­nen Strick­müsterchen kann jed­er jedes Unternehmen in eine Dus­terecke wer­fen. Jeder. 

    Die aufge­führten Beson­der­heit­en der Arbeits­be­din­gun­gen beim Mailan­bi­eter posteo.de kön­nten für Inter­essierte auss­chlaggebend sein, um entwed­er dort anheuern zu wollen oder schlicht den mit dem monatlichen Euro verse­henen Mail­dienst zu nutzen. Die Ersteren, um sich dort wohlfühlen zu kön­nen (Arbeits­be­din­gun­gen), die Zweit­eren, weil Sie die Umset­zung der Arbeits­be­din­gun­gen cool find­en und mit dem monatlichen Nutzungs­beitrag von einem Eurönchen der­lei fördern möchten. 

    Dass die bösen Fest­plat­ten (gefer­tigt in Shen­zen) mit Schw­eröl angetriebe­nen Dampfern nach Europa geschip­pert wer­den, werten Sie im Beitrag als Beweis dafür, dass der Mailan­bi­eter posteo.de ein unschlüs­siges Betrieb­skonzept umset­zt? Sollen die Bits and Bytes Ihrer Ansicht nach in Schiefertafeln gek­lopft wer­den? Damit es schlüs­sig ökol­o­gisch wird? Dann begänne gle­ich ein zweites Elend­s­jam­mern Ihrer­seits, oder? Ham­mer und Meis­selchen kämen eventuell aus Asien, da dort die preiswertesten Stahlw­erke weltweit ste­hen. Jess­es Maria, lasst uns dann doch ein Stahlw­erk im West­er­wald hochziehen. Mit denen, die seit Jahren auf dem Arbeits­markt nicht ver­mit­telt wer­den kon­nten. So etwa?

    Herr Letsch, struk­turi­eren Sie Ihre Gedanken ein biss­chen. Die Alles-Muss-Passen-Forderung tötet jeden Anfang ein­er Änderung. Jeden.Zu jed­er Zeit. 

    By the way: Wie kom­men Sie darauf, dass die Reli­gion­szuge­hörigkeit höher anzusiedeln ist als die Umset­zung im Bere­ich Daten­sicher­heit? Kön­nten Sie mir da ein Fact­sheet organ­isieren? Vielleicht? 

    Gemäß Ihrer Welt­wahrnehmungserzäh­lung stellt der Markt (Ich Ange­bot, Du vielle­icht haben wollen?, Ich habe ein paar Leck­er­li für Dich? ) immer ein Ablasssys­tem dar. Wie wür­den Sie das Unternehmen Apple ein­stufen? Guter Ablass, bös­er Ablass?

    Alles Ablass.

    Im Umkehrschluss: Habe ich als Unternehmen gar kein Konzept außer Ren­di­teop­ti­mierung und benehme mich wie eine Ökow­ild­sau UND stelle mich und das Unternehmen so dar, bar aller Ver­want­wor­tung, gehörte ich nicht zum Ablasssystem? 

    Echt?

    Nach­son­ntägliche Grüße
    Thomas Wiedemann

    • Wow, was bin ich doch für ein Ket­zer, dass ich es wage, das medi­ale Öko-Konzept ein­er Kom­mu­nika­tions­fir­ma in Frage zu stellen, weil ich es albern finde.
      Aber wenn es noch eines Beweis­es für meine Reli­gion­s­the­o­rie bedurfte, haben sie nun geliefert: dual­is­tis­ches richtig/­falsch-Denken. Wer ihre Ideen nicht teilt, strebe prinzip­iell sich­er nach deren Gegen­teil. Dabei bin ich nicht der Mei­n­ung, dass man ein Stahlw­erk im West­er­wald hochziehen sollte, weil das ökol­o­gisch genau­so beden­klich arbeit­en würde, wie eines in Chi­na – es sei denn, es bezöge seinen Strom von Green­peace (so hört man). Merken Sie was? Es spielt keine Rolle! Die Bio-Essen-Ökostrom-Masche ist nichts als Show und Fas­sade. Es geht ein­fach nicht ohne die „old car­bonized econ­o­my“, die man aber bei jed­er Gele­gen­heit als das Übel per se hin­stellt. Gibt es einen Grund, energieef­fiziente Fest­plat­ten und Com­put­er zu bauen? Aber natür­lich! Diese sparen Energie, Geld, Kosten. Kann es eine Rolle für die Kon­sumenten spie­len, ob meine Fir­ma ihren Strom bei Green­peace kauft? Aber natür­lich! Schließlich ergeben sich Syn­ergien und man ver­traut denen gern blind, die sich um die Def­i­n­i­tion des eige­nen Gewis­sens küm­mern. Das hat nur so rein gar nichts mit der Kernkom­pe­tenz des Unternehmens zu tun. Genau das ist Reli­gion, genau das leis­tet sie. Eine Fest­plat­te, die wenig Energie ver­braucht, wird unter dem Label „Green Line“ verkauft. Dass diese Fest­plat­te auch deut­lich kürz­er lebt oder schlechtere Leis­tung liefert, ist in der Kli­ma-Rech­nung nicht enthal­ten. Und für den Fall, dass Sie glauben, ich würde deshalb Kri­tik üben, weil die Fir­ma pos­teo ihre Dat­en den alten, unsauberen Fest­plat­ten anver­traut, haben sie mich gründlich missverstanden.
      Der Ton in dem Sie ihren Kom­men­tar ver­fasst haben zeigt, wie getrof­fen Sie sich durch meinen Artikel fühlen. Nun gut, Sie sind Mitar­beit­er oder zumin­d­est Kunde bei pos­teo, die Empörung ist also ver­ständlich. Solche Reak­tio­nen hat­te ich schon von anderen Jüngern von Reli­gio­nen, die anzu­greifen ich mich erdreis­tete. Aber wis­sen Sie was? Ich bin froh, dass Sie antworten und mir in allem was ich sage wider­sprechen. Wie son­st soll man um die Wahrheit rin­gen, wenn alle Pro­tag­o­nis­ten in der blauen Ecke ste­hen? Ich finde das Ange­bot der Fir­ma pos­teo wirk­lich klasse – mir geht nur die schein­heilige Bio-Attitüde Drumherum gewaltig auf den Wecker.
      I meet you in the middle.

      Feiertägliche Grüße
      Roger Letsch

      • Sehr geehrter Herr Letsch,

        besten Dank für Ihre schnelle Antwort. Zwei Neti­quette-Fouls? Ich habe Sie mit Namen ange­sprochen. Und wie kom­men Sie darauf, dass ich zu irgendwelchen Jüngern von anderen Reli­gio­nen gehören kön­nte? Wir tre­f­fen uns sicher­lich nicht in der Mitte wovon eigentlich jet­zt genau? 

        Mit fre­undlichem Gruß
        Thomas Wiedemann

        • Jet­zt übertreiben Sie aber ein wenig. Wenn Sie Wert auf kor­rek­te Ansprache leg­en, empfehle ich E‑Mail oder den guten alten Brief, hier ist sowas vielle­icht nett, aber über­flüs­sig. Die Meta­pher mit der Mitte bezieht sich natür­lich nicht auf irgen­dein Ent­ge­genkom­men, son­dern auf den Boxring — und dort befind­en Sie sich doch längst, wenn Sie schon ver­suchen, mir Neti­quette-Fouls zuzuschreiben.

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