Oder: wie Kevin Spacey Hillary Clinton doch noch ins Weiße Haus bringt

Zuge­ge­ben, als vor einigen Monaten pikante Details über die Vor­lie­ben Kevin Spaceys an die Öffent­lich­keit gezerrt wurden, zog sich auch bei mir leicht ange­wi­dert eine Augen­braue hoch. Die Serie „House of cards“ jedoch, die Spacey mit­ent­wi­ckelt hatte und die für den inter­na­tio­na­len Durch­bruch des Strea­ming­diens­tes „Netflix“ sorgte, hielt ich für immun gegen die Anwürfe. Wenigs­tens in Deutsch­land, so dachte ich, dem Land, dessen „Kanzler der Einheit“ seine schmut­zi­gen Kof­fer­ge­heim­nisse mit ins Grab nahm, werde man zwi­schen der künst­le­ri­schen Leis­tung Spaceys und dessen pri­va­ten Ver­feh­lun­gen scharf unter­schei­den. Dem war nicht so. Und auch als später aus den Anwür­fen Ankla­gen wurden, wartete man mit der media­len Hin­rich­tung nicht ab, bis tat­säch­lich ein Urteil gespro­chen sein würde. Das ist heute so üblich, auch in Deutsch­land. Wer das nicht glaubt, schaue sich die Causa Kachel­mann näher an.

Die Leiden eines Drehbuchautors

Schnell war klar, dass auch die Serie „House of Cards“ nicht von den Vor­wür­fen ver­schont bleiben würde. Am liebs­ten hätte man die Beset­zung Spaceys rück­wir­kend aus der Serie getilgt, doch da schon mehrere Staf­feln nicht nur abge­dreht, sondern auch längst gesen­det und viel­fach aus­ge­zeich­net waren, hielt man die Kosten für erfor­der­li­che Nach­drehs und das blitz­dingsen von Mil­lio­nen Zuschau­ern wohl für zu hoch. Doch mal ehrlich: die Dreh­bü­cher, die Titel­mu­sik, die schau­spie­le­ri­sche Leis­tung von Spacey, Wright und des gesam­ten Ensem­bles waren ein ver­dammt starkes Paket, an das bis heute keine deut­sche Serie auch nur annä­hernd heran reicht. Deshalb war ich sehr gespannt, wie die Autoren der Serie – geübt wie alle ame­ri­ka­ni­schen Seri­end­re­buch­schrei­ber im Ver­schwin­den lassen miss­lie­bi­ger Film-Figuren – den Gap nach Spaceys Raus­wurf füllen würden. Ob Barak Obama unter der Dusche auf­wacht und die ersten Staf­feln der Serie als bösen Traum erlebt haben wird? Möchte Spacey alias Prä­si­dent Under­wood eine Fahrt im Cabrio­let durch das som­mer­li­che Dallas unter­neh­men? Alles falsch! Am Ende der fünften Staffel machte Frank Under­wood in einer Art Nixon/­Ford-Deal das Amt für seine Frau frei und hofft nun auf seine Begna­di­gung. Robin Wright alias Claire Under­wood ist nun die neue Mrs. Pre­si­dent und auf seine Begna­di­gung wird ihr Film­part­ner wohl lange warten müssen – der echte Kevin Spacey, die Quoten und die mediale Empö­rung stehen dem im Wege.

Claire Under­wood als Prä­si­den­tin, das klingt im ersten Moment nach einer prag­ma­ti­schen Ent­schei­dung – und wer würde der genia­len Robin Wright diese Rolle nicht zutrauen. Doch könnte dies für die Serie auch schnell tödlich enden. Nämlich dann, wenn die auf poli­ti­cal cor­rec­t­ness gebürs­tete Film­in­dus­trie Hol­ly­woods der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen kann, aus Robin Wrights Film­rolle eine Art „Hillary Clinton in telegen“ zu kon­stru­ie­ren, die in einer „gerech­te­ren Welt“ die Wahlen sicher gewon­nen hätte und die als TV-Prä­si­den­tin Under­wood ab sofort Woche für Woche in kon­zi­li­an­ten Gesten, sal­bungs­vol­len Reden und dem strei­cheln von Hun­de­wel­pen die Gegen­öf­fent­lich­keit zu Trump dar­stel­len könnte. Die Pro­du­zen­ten müssen ja noch öffent­lich Buße tun für den Umstand, dass sie von Spaceys Nei­gun­gen nichts wussten und ihn statt­des­sen einfach für den genia­len Schau­spie­ler hielten, der er ja auch ist. Und so könnte Claire Under­wood zukünf­tig zur Parabel auf Hillary Clinton mutie­ren, die so zumin­dest in der Serie „House of cards“ im „Oval Office“ sitzt, obwohl sie es nach Meinung des linken Amerika in echt „ver­dient“ hat. Ande­rer­seits könnten sich dabei pikante Par­al­le­len auf­zei­gen, haben doch in der Netflix-Serie beide Under­woods buch­stäb­lich „Leichen im Keller“, was in der realen Welt und im über­tra­ge­nen Sinne wohl auch auf Familie Clinton zutrifft: schmut­zige Deals, Affären, eine dubiose Stif­tung, gigan­ti­sche Wahl­kampf­spen­den aus Saudi Arabien…hinter manche Vor­hänge möchte man in Hol­ly­wood viel­leicht lieber doch nicht blicken. Hoffen wir also das beste und warten auf die 6. Staffel.

Geschichte ist, was nach dem Ändern übrig bleibt

Doch für gewöhn­lich greife ich nicht in die Tasten, um Film­kri­ti­ken zu ver­fas­sen oder Seri­en­plots zu spoi­lern. Was mich an der Causa Spacey und ähn­li­chen Fällen jedoch fas­zi­niert, ist die scho­nungs­lose retro­grade Ver­nich­tung des­je­ni­gen, der zum Abschuss frei­ge­ge­ben wurde und dessen Leben deshalb durch mora­li­sche Vor­ver­ur­tei­lung und ohne Rück­sicht auf die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit voll­stän­dig ver­nich­tet werden darf. Dieses hys­te­ri­sche Auto­dafe trägt die schöne latei­ni­sche Bezeich­nung „Dam­na­tio memo­riae“, die Aus­lö­schung des Andenkens und der Erin­ne­rung. Diesen Brauch, der schon im antiken Ägypten ange­wen­det wurde, als man die Namen unlie­bi­ger Pha­rao­nen aus den Kar­tu­schen mei­ßelte und damit Genera­tio­nen von Ägyp­to­lo­gen um den Nacht­schlaf brachte, gelangte in der römi­schen Antike zu höchs­ter Blüte und kam auch danach nie ganz aus der Mode. So ver­schwan­den Stalins Kri­ti­ker nicht nur aus dem Leben, sondern auch von den Fotos. Dennoch hoffte ich, dass zum Bei­spiel die „krea­tive“ Umdeu­tung der Geschichte zur „Geschichte der Klas­sen­kämpfe“ in der DDR möge die letzte Aus­prä­gung der „Dam­na­tio memo­riae“ bleiben, da Auf­klä­rung und Moderne uns ganz all­ge­mein zu einem abge­klär­ten Blick auf unsere Geschichte und zur Ehr­lich­keit ihr gegen­über befä­hi­gen würden und weil wir nur dann aus der Ver­gan­gen­heit lernen können, wenn wir nicht dauernd an ihr her­um­schrau­ben und ver­su­chen, die Ellen der Ver­gan­gen­heit in Gegen­warts­mil­li­me­ter umzu­rech­nen.

Die Waffen sind in die Vergangenheit gerichtet

Mir scheint – und ich kann nur hoffen, dass ich mich gründ­lich irre – dass die Politik in der Gegen­wart viele Schlach­ten ange­zet­telt hat, von denen die Akteure bereits heute wissen, dass sie in der Zukunft nicht zu gewin­nen sein werden. Euro, Migra­tion, Ener­gie­wende, Alters­ar­mut, Pflegenotstand…je genauer man hin­sieht, umso trost­lo­ser und gerin­ger werden die Aus­sich­ten auf künf­tige Siege. Die Pro­bleme krie­chen uns die Beine hoch und die Frage, ob uns zuerst die Ener­gie­si­cher­heit, die Sozi­al­sys­teme oder die Target2-Salden um die Ohren fliegen werden, könnte Gegen­stand span­nen­der Wetten sein. Und weil die Schlach­ten der Zukunft nicht zu gewin­nen sind, werden die Geschütze in die Ver­gan­gen­heit gerich­tet, wo nur stumme Feinde lauern, die man mit lauten Worten bekämp­fen kann. Hatte man sich schon daran gewöhnt, dass der Kampf gegen den Faschis­mus umso hef­ti­ger geführt wird, je länger Hitler tot und das „Dritte Reich“ unter­ge­gan­gen ist, traf der Zorn der poli­tisch auf­ge­la­de­nen Menge auf seiner Zeit­reise als nächs­tes das kolo­niale Erbe des Kai­ser­rei­ches. Man ging also kon­se­quent zurück in der Geschichte mit den Ver­bo­ten, Umdeu­tun­gen und Kor­rek­tu­ren. Und während es in Namibia noch eine Stadt namens „Lüde­ritz“ gibt, steht die gleich­na­mige Straße in Berlin vor ihrer Umbe­nen­nung in Miriam-Makeba-Straße (oder einer der anderen Vor­schläge) – diesen Vorgang könnte man den Ein­woh­nern von Lüde­ritz kaum schlüs­sig erklä­ren, die partout nicht in „Makeba“ leben möchten, sich aber zurecht fragen, warum diese ver­rück­ten Deut­schen die Erin­ne­rung an die Kolo­ni­al­zeit in Deutsch­land bekämp­fen, statt diese Gelder in Form von gefor­der­ten Repa­ra­tio­nen nach Namibia zu senden, wo man – kaum zu glauben – nicht nur mit Ver­bit­te­rung, sondern auch mit Stolz der gemein­sa­men Ver­gan­gen­heit gedenkt.

Doch da auch diese Schlacht gegen die Geschichte das Grund­übel aus Kolo­nia­lis­mus und Natio­na­lis­mus noch nicht tödlich trifft, muss man weiter zurück gehen in der Geschichte und Hoff­mann von Fal­lers­le­ben die Feder aus der Hand reißen, bevor er das Wort „Vater­land“ in unsere Natio­nal­hymne hin­ein­zu­schrei­ben vermag. Und weiter geht’s zurück mit dem alles glät­ten­den Moral­ho­bel um als nächs­tes Ernst Moritz Arndt die drän­gende Frage zu stellen, ob er denn wirk­lich vorhabe, derart hart und pole­misch gegen die napo­leo­ni­sche Besat­zung und die Fran­zo­sen zu wettern, wenn doch schon knapp hundert Jahre nach seinem Tod der Élysée-Vertrag unser freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis zu Frank­reich regeln werde. Auf der Suche nach Ereig­nis­sen der Ver­gan­gen­heit, die einfach nicht mehr zur per­fek­ten Gegen­wart im „Land, in dem wir alle gern leben“ passen wollen, machen wir nun noch einen kurzen Zwi­schen­stopp im frühen Mit­tel­al­ter, wo wir den Men­schen klar machen, dass sie die durch­schnitt­lich wär­me­ren und für die Ent­wick­lung der Land­wirt­schaft güns­ti­gen Tem­pe­ra­tu­ren nicht für lobens­wert halten dürfen. Das erspart uns in der Gegen­wart die Mühe, das „mit­tel­al­ter­li­che Klima-Optimum“ in „Kli­ma­ano­ma­lie“ umzu­be­nen­nen, wie die Klima-Alar­mis­ten dies heute tun müssen, weil „Klima-Optimum“ für eine Warm­zeit, und sei es auch eine regio­nal begrenzte, ein allzu posi­ti­ver Begriff ist.

Doch damit nicht genug, wir gehen weiter zurück in der Ver­gan­gen­heit, schla­gen dem Che­rus­ker Armi­nius das natio­na­lis­ti­sche Ger­ma­nen­schwert aus der Hand, erin­nern ihn an die Seg­nun­gen von Aquä­dukt und Oli­venöl und kommen nach langer Zeit­reise endlich zum Urmeer und dem Beginn des Lebens, wo wir der ersten Zelle die Teilung ver­bie­ten müssen, weil dies der Anfang aller Ungleich­heit und Unge­rech­tig­keit ist. Im Sinne der Bibel könnte man auch sagen, dass nach dem ersten Satz der Genesis, „Am Anfang war das Wort“ Schluss sein müsse mit der Schöp­fung, weil bereits die Tren­nung von Hell und Dunkel den Keim des Ras­sis­mus in sich trüge! Der moderne Mensch – ein ein­zelli­ges, indif­fe­ren­tes Wesen, das nicht nach qua­li­ta­ti­ven Maß­stä­ben zu messen ist, sondern nur den Regeln der Men­gen­lehre gehorcht – und zwar mög­lichst aufs Wort, und sei es auch das der Kanz­le­rin.

Relative Geschichte, relative Gesetze, absolute Unsicherheit

Die Idee, dass jede mensch­li­che Hand­lung immer unter der Prä­misse aktu­el­ler Gesetz­ge­bung steht und nicht unter dem Blick zukünf­ti­ger Gesetz­ge­bung betrach­tet werden kann, ist Basis unseres Rechts­sys­tems. Oder war es bisher. Dieses Rück­wir­kungs­ver­bot wird zum Bei­spiel im Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz außer Kraft gesetzt, wenn Löschun­gen und Sper­run­gen für vor dem 1.1.2018 ver­öf­fent­lich­tes Mate­rial erfol­gen oder wenn dem­nächst nicht nur Fahr­ver­bote für fri­sier­ter Euro6-Diesel-PKW drohen, sondern auch zehn Jahre alte Euro4-Diesel-Autos betrof­fen sein werden, deren Fahrer zum Zeit­punkt der Anschaf­fung nicht damit rechnen konnten, zu welch gigan­ti­schen Heiß­luft-Bal­lo­nen sich der­einst Fein­staub und Stick­oxide auf­bla­sen lassen würden und die sich auch nicht umrüs­ten lassen. Die Euro4-Norm trat übri­gens am 1.1.2005 unter Umwelt­mi­nis­ter Trittin in Kraft. Ich emp­fehle deshalb allen Besit­zern eines alten Euro4-Diesels bei MdB Jürgen Trittin zwecks Erlan­gung einer Aus­nah­me­er­laub­nis oder Kre­di­tie­rung eines neuen Autos vor­stel­lig zu werden. Dort wird der Bürger sicher auf Ver­ständ­nis treffen und Hilfe finden. Wenn die Bürger in Regress genom­men werden, sollten die Ver­ur­sa­cher der Gesetze, auf die sie sich ver­lie­ßen, mit gutem Bei­spiel voran gehen.

Sie werden jetzt sicher denken, dies seien ja mal wieder nur nega­tive Dinge, die ich hier vor ihnen aus­ge­brei­tet habe. Das stimmt schon, sofern man in der nach­träg­li­chen Fäl­schung der Geschichte immer nur den Zweck der Erhö­hung der eigenen mora­li­schen Maß­stäbe sieht. Man kann dadurch aber auch über­zo­gene Erwar­tun­gen senken und Ent­täu­schun­gen leich­ter ver­dau­lich machen! So könnte es ein Trost für alle HSV-Fans sein, dass ihr Verein nach seinem zu erwar­ten­den Abstieg noch nie in der Bun­des­liga gespielt haben wird! Jetzt bitte alle auf den kleinen Apparat in meiner Hand schauen, ich zähle bis „v” … H-S-V

7 Kommentare

  1. Ja, die „Vapo­ri­sie­rung” schrei­tet voran. Wir sollten aber nicht lamen­tie­ren.. Wir sollten weiter unsere Gedan­ken äußern, weiter Leser­briefe schrei­ben und Abos kün­di­gen, auf Demos gehen, Klar­text äußern, an „rechte” Par­teien spenden und an „rechte” Blogs spenden.

    Wir sollten diesem Staat die Kün­di­gung zuschi­cken.

    Wir sollten uns Nazis nennen und sagen: Leck mich, du linke Zecke, ich bin Nazi. Du Ver­blen­de­ter kannst mich 1000mal einen Nazi nennen, mir doch scheiß­egal.

    Und wir sollten diesen Scheiß­ty­pen namens Jürgen Trittin, Andrea Nahles und Claudia Roth in die Fresse geben – aller­dings nicht nur verbal!

    Freund­li­che Grüße!
    Thomas, der Nazi

    3
    1
    • Wir sollten diesem Staat die Kün­di­gung zuschi­cken.”

      Na, viel Spass bei dem Versuch, Ihre Steu­er­zah­lun­gen zurück­zu­hal­ten. ;-(

  2. Meine Mutter, hoch in den 90ern, findet dafür diese Erklä­rung: „Die sind alle völlig über­ge­schnappt”.
    Da hat sie recht. Schade für ihre Urenkel.
    Wohlan…

    • Die Fall­höhe ist nicht ent­schei­dend. Es geht auch nicht darum, die Vor­würfe zu rela­ti­vie­ren, sondern darum, dass jetzt alle ver­su­chen, die Geschichte nach­träg­lich zu ändern. Wenn Spacey ver­ur­teilt wird, soll er mei­net­we­gen in der Hölle schmo­ren – die Serie aber bleibt einsame Spitze. 😉

  3. Es gibt eben zuviele Ver­rückte auf der Welt – die leider auch noch ernst genom­men werden. Auch dies eine Folge der zuneh­men­den Wohl­stands­ver­blö­dung.

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