Stelle eine Frage nicht, wenn dir die Antwort nicht gefal­len könnte – so sagt das Sprich­wort. Der Gefäl­lig­keits­sta­tis­ti­ker for­mu­liert anders: Stelle Fragen so, dass du das gewünschte Ergeb­nis erhältst. Und was ist in der Politik die Königs­dis­zi­plin der Frage? Genau, die „reprä­sen­ta­tive Mei­nungs­um­frage“!

Solche Mei­nungs­um­fra­gen zu Sach­the­men sind ein belieb­tes Mittel, sich für umstrit­tene Vor­ha­ben eine anony­mi­sierte Legi­ti­mi­tät zu ver­schaf­fen, ins­be­son­dere dann, wenn die Umfrage eine mög­lichst breite Zustim­mung ergibt. Die Politik kann mit dem Hinweis auf eine „breite Mehr­heit“ leich­ter agieren, denn „Mehr­heit“ ist ein Zau­ber­wort, dass in der Demo­kra­tie heu­ti­ger Prägung allemal genügt, um die „Min­der­heit“ zum Schwei­gen zu bringen. Dum­mer­weise stehen solchen „Mehr­heits­mei­nun­gen“ aber oft Gesetze im Weg, die hof­fent­lich so stabil sind, dass sie die Min­der­heit vor der Willkür der Mehr­heit zu schüt­zen ver­mö­gen. Es ist zum Bei­spiel derzeit noch undenk­bar, dass die „Mehr­heit der Kre­dit­neh­mer“ gegen die ver­gleichs­weise kleine Min­der­heit der Kre­dit­ge­ber durch­setzt, dass alle Kredite nicht mehr bedient werden. Noch nicht. Und so staunte ich denn auch nicht schlecht als der Focus titelte: „Große Mehr­heit steht hinter Kampf gegen Hass im Netz“.

Berlin (dpa) – Eine große Mehr­heit der Bun­des­bür­ger steht einer Umfrage zufolge hinter dem Vor­ha­ben der Bun­des­re­gie­rung, stärker gegen Hass­kom­men­tare und Falsch­mel­dun­gen in sozia­len Netz­wer­ken vor­zu­ge­hen. Das geht aus einer reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gung des Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tuts YouGov hervor. Demnach stimm­ten 70 Prozent den Plänen voll­kom­men oder eher zu. Jus­tiz­mi­nis­ter Heiko Maas hatte im März ange­kün­digt, Online-Platt­for­men per Gesetz zu einem här­te­ren Vor­ge­hen gegen Hass­kom­men­tare zu zwingen. Straf­bare Posts sollen inner­halb von 24 Stunden gelöscht werden, sonst drohten Strafen bis zu 50 Mil­lio­nen Euro. Kri­ti­ker sehen in dem Geset­zes­ent­wurf eine Bedro­hung der Mei­nungs­frei­heit.“

70 Prozent, so denkt man sich, sind schon ein Brett! Maas muss also auf der rich­ti­gen Spur sein, wenn er solche Mehr­hei­ten hinter sich weiß, könnte man anneh­men. Und doch klopft das Miss­trauen an die Groß­hirn­rinde und ver­an­lasst mich, mal etwas genauer hin­zu­schauen, was sich hinter diesen 70% ver­birgt. Da ist zunächst der Hinweis auf das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut YouGov, durch welches die Befra­gung durch­ge­führt wurde. Und richtig, auf der Web­seite des Insti­tuts findet sich ein Artikel über die Ergeb­nisse.

Aller­dings klingt hier bereits der Titel etwas anders. Er lautet hier „Mehr­heit der Deut­schen findet Gesetz­ent­wurf gegen Hass­kom­men­tare sinn­voll“. Sinn­voll finden die Deut­schen übri­gens auch, Steu­er­ehr­lich zu sein, bei Rot an der Ampel zu stehen und privat fürs Alter vor­zu­sor­gen. Sinn­voll ist ein Begriff, der sich am Prinzip ori­en­tiert, nicht an der Praxis. Aber schauen wir weiter. Welche Frage hat YouGov denn eigent­lich konkret gestellt? Die Frage lautete so: „Die Bun­des­re­pu­blik will stärker gegen Hass­kom­men­tare und Fal­sch­nach­rich­ten im Inter­net vor­ge­hen. Sie stimmte dem Gesetz­ent­wurf von Jus­tiz­mi­nis­ter Heiko Maas zu. Dieser sieht vor, dass Betrei­ber sozia­ler Netz­werke inner­halb von 24 Stunden straf­bare Inhalte löschen müssen. [..] Sind Sie der Meinung, dass dieses Vor­ge­hen sinn­voll ist, um gegen Hass­kom­men­tare und Fal­sch­nach­rich­ten im Inter­net vor­zu­ge­hen?“

Ver­dammt clever gefragt! Ich hätte da aber eine Kon­troll­frage, die den Pro­ban­den leider nicht gestellt wurde: Ist Ihnen klar, dass es bereits heute unter­sagt ist, straf­bare Inhalte in sozia­len Netz­wer­ken zu ver­öf­fent­li­chen? Nämlich aus genau dem Grund, der sich bereits in dem Wört­chen „straf­bar“ ver­steckt. Wissen Sie auch, wer in Deutsch­land fest­stellt, ob ein Inhalt straf­bar ist, oder nicht? Genau, Gerichte tun dies. Die YouGov-Fra­ge­stel­lung sug­ge­rierte jedoch, mit einem „Nein“ wäre man dafür, dass „straf­bare Inhalte“ unge­straft ver­öf­fent­licht werden dürfen. Ehr­li­cher wäre die Frage gewesen, wenn sie fol­gen­der­ma­ßen gelau­tet hätte: „Sind sie ein­ver­stan­den, dass Face­book & co. und staat­lich beauf­tragte private Güte­prü­fer anonym Inhalte löschen, User sperren oder löschen dürfen, ohne dass die Betrof­fe­nen dagegen recht­li­che Schritte ein­lei­ten oder wie­der­spre­chen können? Möchten Sie, dass lieber ein paar Löschun­gen zu viel als zu wenig vor­ge­nom­men werden, weil die sozia­len Netz­werke aus Angst vor Strafe lieber zu schnell als zu langsam reagie­ren? Möchten Sie, dass die Rechtstpflege in Deutsch­land teil­pri­va­ti­siert wird und die Legis­la­tive unmit­tel­bare Gewalt über die Judi­ka­tive erhält?“ – Ob in diesem Fall auch 70% der Befrag­ten mit „Ja“ geant­wor­tet hätten? Und an die­je­ni­gen, die behaup­ten, solche unbe­rech­tig­ten Löschun­gen, „kleinen Ver­se­hen“ oder „Bedau­er­li­chen Ein­zel­fälle“ könne es eigent­lich kaum geben und da würde schon genau acht gegeben …warum sieht das Gesetz im Sinne des „Fair Play“ nicht ebenso hohe Strafen für fälsch­li­ches Löschen vor, wie für ver­säum­tes?

Was war das eigent­lich für eine Umfrage? „Auf Basis des YouGov Omnibus wurden 1036 Per­so­nen ab 18 Jahren im Zeit­raum vom 7. Bis 11. April 2017 reprä­sen­ta­tiv befragt.

Omnibus sei, so YouGov, „…der schnellste und kos­ten­ef­fi­zi­en­teste Weg, reprä­sen­ta­tive Ant­wor­ten auf Ihre Fragen zu bekom­men.“  Die Pro­dukt­be­schrei­bung dieses Werk­zeu­ges gibt weiter Aus­kunft: „Maß­ge­schnei­derte Lösun­gen für Ihre Fragen. Mit unseren spe­zia­li­sier­ten Omni­bus­sen haben wir die pas­sende Lösung für Ihre Bedürf­nisse.“

Maß­ge­schnei­dert, also. Ja, das glaube ich auch. YouGov ver­steht sein Hand­werk und ich ver­si­chere Ihnen, dass die dort auch wirk­lich sorg­fäl­tig arbei­ten – zunächst, indem die gestellte Frage so gebürs­tet wird, dass die Sug­ges­tiv­kraft beson­ders groß ist, eine ganz bestimmte Antwort zu geben.

Und noch ein win­zi­ges Detail bekommt durch Weg­las­sen ein beson­de­res Gewicht: Mit keinem Wort ist erwähnt, in wessen Auftrag diese Umfrage durch­ge­führt wurde. Denn eines können Sie mir auch glauben: YouGov ist zwar nicht bestech­lich, seine Dienste jedoch aus­schließ­lich käuf­lich. Denn wer für diese Umfrage bezahlt hat, erfah­ren wir leider nicht.

6 Kommentare

  1. Zitat: „Denn wer für diese Umfrage bezahlt hat, erfah­ren wir leider nicht.”

    Die Antwort auf diese Frage kenne ich leider auch nicht, könnte mir aber sehr gut vor­stel­len, dass der Bertelsmann-Konzern(B-Stiftung), bzw. seine Fir­men­toch­ter „Arvato” die YouGov-Umfrage bezahlt hat.

    Ps. Mut­maß­lich ist wohl auch Herr Karim Opfer eben jenes „Digital-Solution”-Dienstleisters gewor­den.

    LINK: http://​www​.sued​deut​sche​.de/​d​i​g​i​t​a​l​/​e​x​k​l​u​s​i​v​e​-​s​z​-​m​a​g​a​z​i​n​-​r​e​c​h​e​r​c​h​e​-​i​n​s​i​d​e​-​f​a​c​e​b​o​o​k​-​1​.​3​2​9​7​138

    LINK: http://​www​.spiegel​.de/​n​e​t​z​w​e​l​t​/​w​e​b​/​f​a​c​e​b​o​o​k​-​n​e​u​e​s​-​l​o​e​s​c​h​-​t​e​a​m​-​g​e​h​t​-​g​e​g​e​n​-​h​a​s​s​k​o​m​m​e​n​t​a​r​e​-​v​o​r​-​a​-​1​0​7​2​1​7​5​.​h​tml

    LINK: https://​www​.welt​.de/​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​/​w​e​b​w​e​l​t​/​a​r​t​i​c​l​e​1​6​0​3​4​1​8​6​6​/​F​a​c​e​b​o​o​k​-​M​i​t​a​r​b​e​i​t​e​r​-​e​r​z​a​e​h​l​e​n​-​v​o​n​-​i​h​r​e​n​-​A​r​b​e​i​t​s​b​e​d​i​n​g​u​n​g​e​n​.​h​tml

    LINK: https://​de​-de​.face​book​.com/​a​r​v​a​t​o​.​s​o​l​u​t​i​o​ns/

    LINK: https://​www​.arvato​.com/​d​e​.​h​tml

    LINK: https://​www​.ber​tels​mann​-stif​tung​.de/​d​e​/​s​t​a​r​t​s​e​i​te/

  2. Sehr geehr­ter Herr Letsch,
    Ich habe mich bei der genann­ten Firma ange­mel­det und bin erstaunt, dass ich sofort mit Prämien belohnt werde, ohne meine per­sön­li­chen Daten preis­ge­ben zu müssen.
    Eine Email-Adresse reicht, und dazu ein paar Angaben zu Alter, Geschlecht usw., das war es. Ob die stimmen, ist anschei­nend nicht wichtig. Über­prüft wird nichts, wie auch.….….
    Even­tu­ell suche ich mir noch ein paar Iden­ti­tä­ten für weitere Anmel­dun­gen, die mir Geld von dieser Truppe bringen.
    Und dann werde ich durch sta­tis­ti­sche Erhe­bun­gen bewei­sen, dass der Oster­hase exis­tiert .…… 🙂

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