Quelle: Bart1983 - Fotolia.com
Quelle: Bart1983 – Fotolia​.com

Ich will von einer Abnei­gung berich­ten. Einer ganz aus­ge­präg­ten Abnei­gung. Weil sich diese dem Außen­ste­hen­den aber sicher nicht so leicht erschließt, werde ich einige Zeit vor dem auf­tre­ten dieser Abnei­gung mit meinem Bericht begin­nen. Mit meinem Eltern­haus. Eigent­lich ist es ja das Haus meiner Groß­el­tern. 1949 steht mit kleinen Zie­gel­stein­chen am Schorn­stein geschrie­ben. Mein Groß­va­ter hat es nach dem Krieg gebaut. Die Steine dafür stamm­ten aus den Ruinen eines ein­ge­stürz­ten Fabrik­schorn­steins. Beste Klinker, kein ein­zi­ger recht­eckig, alles Trapeze. Zwar war der „Abbau“ dieser Steine illegal und es stand nur ein kleiner Bol­ler­wa­gen zur Ver­fü­gung, um die Steine vom fünf Kilo­me­ter ent­fern­ten Abbau­ge­biet zu fördern und das ging auch nur nachts – aber es wurde geschafft. So war mein Groß­va­ter schnel­ler mit dem Trans­port als die Russen, die – wenig wäh­le­risch – alles vom zer­bomb­ten Werks­ge­lände weg­schlepp­ten, was ihnen wert­voll erschien. Die Steine ließen sie meinem Opa.

In diesem Haus, in dem ich meine Kind­heit ver­brachte, regierte meine Groß­mutter. Emsig wie eine Glucke und stets mit Kit­tel­schürze achtete sie darauf, dass ich immer brav aufaß. „… denk an die armen Kinder in Vittamm…“ sagte sie stets. Ich fand es sehr unge­recht, dass ich mehr essen musste, nur weil die Kinder in Vietnam nichts zu essen hatten, ver­mut­lich, weil ich ihnen alles weg aß. Auch passte Groß­mutter auf, das ich im Winter nicht die hüb­schen Eis­blu­men am Fenster mit meinem Atem zum schmel­zen brachte und dass mein Groß­va­ter nicht zu lange mit mir in der Werk­statt zubrachte, wo er mich im Umgang mit Hammer, Meißel und Säge schulte. Es hatte auch wenig Sinn aus mir einen Hand­wer­ker zu machen: Für meine Vogel­häus­chen inter­es­sierte sich nie ein Vogel und meine Boote wollten auch nicht schwim­men.

Beson­ders auf­ge­regt war meine Groß­mutter (die zeit ihres Lebens am Stra­ßen­rand lie­gende Kohlen und Kar­tof­feln auflas) immer dann, wenn Schlacht­fest war.

Wir hatten zwar nie Tiere, die größer als Kanin­chen waren, aber auf „so ein fettes Schwein“ wollte man dennoch nicht ver­zich­ten – auf dem Dorf wurde das mit einem befreun­de­ten Bauern gere­gelt, man „teilte“ sich die Sau. Er stellte sie in seinen Stall und zog sie gegen Bares auf. Geschlach­tet wurde gemein­sam, dazu bestellte man dann den Scholz (so hieß unser Schlach­ter) ins „Wasch­haus“.

Das „Wasch­haus“ ist der Ort, an dem das Schwein dann in die Wurst kommt, sagte Oma. Ich war noch zu klein um dort zu helfen. Zumin­dest in den ersten Jahren. Aber da das Schlach­ten immer ganz toll war und Oma häu­fi­ger als sonst von den armen Kindern in „Vitt­namm” sprach und wie gut wir es hier doch hätten wo wir ja heute schlach­ten täten, wollte ich so bald wie möglich auch helfen.

So wurde ich also größer und es konnte los­ge­hen. Wer schon einmal einen Freund oder Ver­wand­ten nach einer schwe­ren Ope­ra­tion im Kran­ken­haus besucht hat, dort in ein sau­be­res Zimmer kommt und das zufrie­dene Lächeln der Schwes­tern („…er hat es gut über­stan­den“) und der Ärzte („…es gab Kom­pli­ka­tio­nen, aber wir konnten einen Dings­bums an sein Bums­dings legen und nu isses gut“) gesehen hat, der mag sich gar nicht vor­stel­len, wie das ganze abge­lau­fen war und welcher Art die Kom­pli­ka­tio­nen gewesen sein mögen. Das Ergeb­nis zählt. Das Ergeb­nis meiner bisher nicht selbst erleb­ten Schläch­te­reien war leckere Wurst mit dem Güte­sie­gel „hauschlach­ten“. Das war schon was und über­haupt besser als der Kram aus dem Super­markt. „Da hat doch der Bäcker gewon­nen“ sagte unser Metzger ver­ächt­lich mit Blick auf die mut­maß­li­chen Inhalts­stoffe dieser Art „Wurst“. Nun aber sollte ich die Kom­pli­ka­tio­nen kennen lernen.

Das erste Problem war, dass das Schwein nicht so einfach in die Wurst hin­ein­wollte. Darüber hatte ich mir nie Gedan­ken gemacht. „Das ist dann tot“, sagte Oma „und dann kommt es in die Wurst“. Der Metzger half dem Schwein mit einem Bol­zen­schuss­ge­rät beim Sprung in die Wurst und ich rannte ent­setzt davon. Oma scheuchte mich wieder zum Richt­platz, wo mir der Metzger einen Quirl in die Hand drückte und „kräftig rühren!“ brüllte. Ich rührte also. Blut rührte ich. „Schnel­ler, stärker, mach das richtig!“ brüllte der Metzger. „Du ver­dirbst es – da muss ordent­lich Schaum drauf!“. Das war dann doch zuviel. Ich floh erneut, diesmal an meiner ent­täusch­ten Oma vorbei.

Beim nächs­ten Mal wollte der Metzger meine Hilfe nicht mehr. „Der kann ja nicht mal’n Kar­ni­ckel schlach­ten“ bemerkte er abfäl­lig. Ich fand mich mit meiner Rolle als „halber Mann“ ab.

Das alles pas­sierte, als ich etwa zehn Jahre alt war und deshalb ver­schwand das Erlebte auch langsam aus meinem Gedächt­nis. Als mein Vater mich, viel viel später, in den Semes­ter­fe­rien fragte, ob ich ihm denn nicht helfen könne, beim schlach­ten, stellte ich dann auch nur zwei Bedin­gun­gen. Erstens, nicht im „Wasch­haus“ und zwei­tens: Ich rühre kein Blut!

Das sei kein Problem meinte mein Vater. Der Metzger (ein anderer diesmal) würde bei sich zu haus ein eigenes Schlacht­haus haben und Blut rühren… nein, das könne ich mir doch aus­su­chen. Und über­haupt solle ich nur immer an die schöne haus­schlach­tene Wurst denken dann würde das schon gehen.

Wir kamen halb sechs Uhr morgens am Schlacht­haus an. Ich war müde und fühlte mich ziem­lich flau. Gefrüh­stückt hatte ich in anbe­tracht des anste­hen­den Gemet­zels nichts und der Hinweis meines Vaters, ich könne ja nachher „naschen“ ver­engte meine Spei­se­röhre zusätz­lich. Es gab nun kein Zurück mehr, ich hatte zuge­sagt. Fort­lau­fen ging auch schlecht, denn wir waren irgend wo auf einem Dorf, das ich nicht mal kannte. Und im Alter von 20 Jahren vor einem toten Schwein davon­lau­fen ging schon über­haupt nicht. Ich redete mir also ein, das würde schon alles nicht so schlimm werden.

Wir begrü­ßen erst mal den Mezger. Klein ist er. Und dick. Gum­mi­stie­fel, weiße Kit­tel­schürze aus Quietsch­gummi und ein seltsam weicher, schwam­mi­ger Hän­de­druck. Mög­li­cher­weise alles Innungs­merk­male. Vater erklärt in kurzen Worten meine Blässe, „…das der mir ja nicht umkippt“ mur­melte der Metzger, „nein nein…“ beru­higt ihn mein Vater. Ich sagte nichts.

Ver­ab­schiede dich schon mal von der Sau“ spricht der Meister und meint hof­fent­lich das Schwein. Er ver­schwin­det mit meinem Vater um das Geschäft­li­che zu klären. Ich bin also mit der Sau allein. Sie in ihrem kleinen Käfig, ich mit meiner großen Angst. Ich habe der Sau irgend etwas erzählt, das steht mal fest. Viel­leicht wollte ich sie beru­hi­gen, sicher aber mich. Solange zumin­dest bis der Metzger mit großen Schrit­ten auf uns zukam. Nun redete die Sau. Nein, sie schrie! Sie wusste Bescheid!

Die Augen des Metz­gers leuch­te­ten, als er die Sau an einer Vor­der­pfote fest­band und den Käfig öffnete. Sie wollte weg­ren­nen, konnte aber nicht. Der Metzger hatte den Strick durch einen Ring im Mau­er­werk gezogen und war nun doppelt so stark wie eine Sau. Er zog das Tier an die Wand, holte flink wie Cop­per­field das Schuss­ge­rät hinter seinem Rücken hervor und noch eh ich richtig sah, was er damit vor­hatte gab es ein tro­cke­nes „Plopp“ – eine Mischung aus Stahl­fe­der-Ent­span­nung und Knochen-Knir­schen. Die Sau stand aber noch und musste umge­wor­fen werden. Was nun kam hatte ich wegen meiner has­ti­gen Flucht in Kin­der­ta­gen nicht mit­be­kom­men: Das Tier zit­terte! Heftige Krämpfe schüt­tel­ten die Sau, die offen­bar immer noch nicht in die Wurst wollte. Kom­man­dos wurden gerufen. Der Metzger sah das Ent­setz­ten in meinen Augen und stellte mich vor eine grau­same Wahl „fest­hal­ten oder Blut rühren“. Ich wollte das Tier auf keinen Fall berüh­ren müssen, also wählte das, was ich kannte: Immer schön Schaum drauf! Sicher noch etwas blasser als eben noch rührte ich also Blut. Der Mörder holte sein Messer heraus, durch­trennte der Sau die Hals­schlag­ader und lies die damp­fende Flüs­sig­keit in einen Eimer laufen, den ich mit meinem Quirl mal­trä­tierte als könne er etwas für den Tod des Schweins und meine Lage. Meine innere Wut über meine Blöd­heit, mich auf die Scheiße ein­ge­las­sen zu haben (frei­wil­lig noch dazu) hielt mich davon ab, dem Metzger auf die Schürze zu kotzen. Anschlie­ßend zwei oder drei Korn zur Betäu­bung und frische Luft in einigen Metern Ent­fer­nung.

Weiter geht’s, wir sind nicht zum saufen hier“ ruft der Meister von Eisbein und Schwarte. Ich folge ihm brav ins Schlacht­haus.

Wabernde feuchte Wärme schlägt mir ent­ge­gen. Heiß muss es sein in so einem Schlacht­haus. Die Kessel dampfen. Die Sau liegt aus­ge­streckt auf dem Tisch und wartet auf ihre Obduk­tion. Kochen­des Wasser wird her­bei­ge­holt und über das Tier geschüt­tet. Abbrü­hen nennt der Metzger das. „Die Borsten müssen runter“ sagt er etwas netter und drückt mir einen Trich­ter aus Mes­sing­blech in die Hand – „so macht man das“. Er schabt mit geübter Hand auf dem Schwei­neleib herum und sagt, ich solle mir das Kopf­ende vor­neh­men.

Der Geruch ist fürch­ter­lich, aber die beiden Schnäpse begin­nen zu wirken. Ich schabe. Lie­be­voll, vor­sich­tig. In meinem Mor­gen­rausch frage ich ihn dann auch noch, ob es denn keine anderen Arbei­ten für ein Weichei wie mich gäbe, so etwas wie Zwie­bel­schä­len, Tütchen mit „Mag­gi­Fix für Blut­wurst“ auf­rei­ßen oder das Tele­fon­buch vor­le­sen. Dem Metzger miss­fal­len meine Rede, mein Arbeits­tempo und wohl auch meine Demut vor der toten Sau. Er brummt nur und sucht offen­bar nach neuen Gemein­hei­ten.

Ähnlich flink wie vorher mit dem Bol­zen­schuss­ge­rät ist er mit seinem Messer her­bei­ge­eilt und mit geübtem Griff schnip­pelt er ratz-fatz ein Auge des Schweins heraus, mit dem die Sau mich eben noch beim schaben beob­ach­tete. Die beiden Körner halten es nicht mehr in meinem Magen aus und ich stürze nach draußen.

Nachdem ich die ver­lo­re­nen Schnäpse durch neue ersetzt habe und wieder etwas bei Atem bin, gehe ich wieder zum Schwei­ne­mör­der. Nein du Arsch, ich werde nicht auf­ge­ben! Ich steh das durch!

Emp­find­lich, was?!“ sagt er zur Begrü­ßung. „Nee, geht schon. Kam nur etwa über­ra­schend.“ gab ich zurück. Das hätte ich besser für mich behal­ten, denn nun sann er nach anderen Här­te­tests.

Die Sau wurde an den Hin­ter­bei­nen bis unter die Decke gezogen. „Stell dich hierher“ befahl der Metzger, während er mit seinem Messer einen schnel­len Eröff­nungs­schnitt vom „Scham­bein bis zur Kinn­wur­zel“ voll­führte. „Auf die Platte damit!“ Noch bevor ich fragen konnte was denn auf die Platte müsse, kamen mir auch schon die Inne­reien des Tieres ent­ge­gen, die er fach­män­nisch und unheim­lich schnell aus der Bauch­höhle aus­räumte. Das Gefühl, bis zu den Unter­ar­men in wab­be­lig weichen, warmen Schwein­ein­ne­reien zu stecken, die noch keine Stunde vorher den letzten Pfurz getan hatten, war der Höhe­punkt des Tages. Ich schaffte es aber „auf die Platte“, bevor ich mich zurück­zog um den beiden Körn­chen noch ein weiters hin­zu­zu­fü­gen und war somit schon vor sieben Uhr nat­ter­hart.

Von da an prall­ten die Späße des Metz­gers von mir ab, zumal er seine Gemein­hei­ten nicht mehr stei­gern konnte (oder wollte: denn das rei­ni­gen und „wenden“ der Därme mir Amateur zu über­las­sen ging wohl über seine Berufs­ehre).

Eher teil­nahms­los schnitt ich noch einige Zeit irgend­wel­che Teile in kleine und größere Stücke – wobei ich mich dauernd in die Finger schnitt. Das war aber nicht die Schuld des Alko­hols! Die Messer waren wirk­lich derart scharf, dass die kleinste Berüh­rung der Klingen sofort schnit­tige Folgen hatte. Ich sah ande­ren­tags aus, als hätte ich Wol­verine im Fin­ger­ha­keln her­aus­ge­for­dert.

Der Metzger warf mich schließ­lich aus seinem Tempel weil ich es gewagt hatte, diesen durch essen einer Scheibe Brot zu ent­wei­hen. Da würde die Wurst schlecht meinte er. Auch gut. Draußen fühlte ich mich wohler und zwei Stunden warten bei minus 4 Grad sind ein kleiner Preis für frische Luft.

Als ich am nächs­ten morgen im Zug zurück an die Uni saß, konnte ich meinen Geruch nicht ertra­gen. Duschen, baden, wieder duschen – alles half nichts. Ich war Wurst. Es kam aus jeder Pore! Zumin­dest glaubte ich das. Denn jeder, den ich in den nächs­ten Tagen zum Geruchs­test auf­for­derte sagte nur „du spinnst!“.

Der „Geruch“ verging nach einigen Tagen, der Ekel blieb. Ich kann bis heute keine Wurst essen, die das Prä­di­kat „Haus­schlach­ten“ trägt. Wurst mit Blut drin schon gar nicht. Am besten über­haupt keine Wurst. Und wenn, dann muss es eine Sorte sein, von der unser Metzger Scholz einst ver­ächt­lich meinte, darin hätte „der Bäcker gewon­nen“.