betonEs gibt Häuser, die ste­hen im Weg. Oder wenig­stens ihre Bewohn­er. Beson­ders diese. Wenn zum Beispiel eine große Energi­etrasse geplant ist, von der die Stromver­sorgung ein­er Stadt abhängt, wenn eine Lan­de­bahn errichtet, ein Kanal gegraben oder eine Umge­hungsstraße gebaut wer­den soll, ste­hen oft Häuser im Weg. Der Fortschritt ruft dann empört aus „was macht das Haus da, das Haus muss weg“ und die Bauher­ren sor­gen mit Geld, Geduld oder Gewalt dafür, dass das Haus dem Fortschritt nicht länger im Weg steht.

Nun hört man aber immer häu­figer, dass Häuser und deren Bewohn­er nicht dem Fortschritt, son­dern sog­ar dem Frieden im Weg ste­hen sollen – und zwar in Israel.

Ben­to, der hippe SPON-Ableger für Mobile-First-Kun­den schickt Jen­nifer Bligh ins Besatzer­land und die hat sich eine junge Besatzerin aus­ge­sucht, um ihr fest gefügtes Welt­bild aus „mil­i­tan­ten Siedlern“, „Besatzungs­macht“ und „hil­flosen Palästi­nensern“ von der Real­ität benet­zen zu lassen.

Jen­nifer Bligh schreibt: „Chaya kann entschei­den, wo sie lebt, die Ein­wohn­er der palästi­nen­sis­chen Gebi­ete kön­nen das nicht. Und natür­lich kön­nte Chaya woan­ders wohnen, eben nicht genau in dieser israelis­chen Sied­lung, mil­itärisch beset­zt von Israel. Eben nicht genau da, wo sie provoziert und Frieden verhindert.“ 

Lei­der schreibt Frau Bligh wirres Zeug, denn auch Palästi­nenser kön­nen prinzip­iell woan­ders leben. Man hat schon von welchen gehört, die in Dschid­da oder Riad leben. Orte, die Israelis nie zu Gesicht bekom­men. Eine Ein­schränkung gibt es allerd­ings schon: Bei Chaya Tal im Wohn­con­tain­er kön­nen sie es nicht. Schon weil es dort viel zu eng ist. Da Chaya aber keinem Palästi­nenser Platz oder Land weggenom­men hat, ist das irrel­e­vant. Oft hört man dann Argu­mente der Art „kön­nte sie aber…denn das Land kann jet­zt kein Araber mehr kaufen“. Wer sowas für schlüs­sig hält, der ver­suche mor­gen, eine Mil­lion Euro von seinem Kon­to abzuheben und der Bank zu erk­lären, dass die ja in Zukun­ft dort sein kön­nte. Soweit ich weiß hat Präsi­dent Abbas noch keine Res­i­den­zpflicht aus­gerufen. Der spricht nur immer von Mär­tyr­ern und Messern. Dass es also aus­gerech­net der Fleck­en Land ist, auf dem Chayas Wohn­con­tain­er ste­ht, der provoziert und den Frieden ver­hin­dert, halte ich für ein Hirngespinst.

„Aber die Siedler behin­dern die Friedensverhandlungen.

Chaya lacht unschön auf. “Ich soll ein Frieden­shin­der­nis sein?” Die meis­ten Siedler seien doch über­haupt nicht mil­i­tant, einzelne Grup­pen wür­den ein­fach nur her­ausgenom­men und falsch dargestellt. Was sie dabei ignori­ert: Es geht gar nicht darum, wie manche Siedler sich ver­hal­ten. Sie alle, egal ob fre­undlich oder mil­i­tant, ver­stoßen mit ihren Sied­lun­gen gegen inter­na­tionales Recht.“

Schon wieder mis­er­abel recher­chiert. Das inter­na­tionale Recht ver­bi­etet, dass eine Besatzungs­macht Men­schen in den beset­zten Gebi­eten aktiv ansiedelt und die ein­heimis­che Bevölkerung dadurch ver­drängt. Wie man das richtig macht kann man an den Beispie­len Nordzypern und Tibet sehr schön sehen. Die Palästi­nenser sind lustiger­weise die einzige Volks­gruppe auf diesem Plan­eten, die es trotz „Vertrei­bung“ und „Genozid“ geschafft hat, kräftig zu wach­sen. Selb­st da, wo sie ver­trieben wur­den. Die Arme­nier und die Juden müssen irgen­det­was falsch gemacht haben.

Wenn also Israelis Land in der West­bank kaufen, weil es dort um ein Vielfach­es gün­stiger ist als ander­swo und dort „mil­i­tant siedeln“, nöti­gen sie die IDF gewis­ser­maßen, für deren Schutz zu sor­gen. Denn merke: Die IDF beschützt die Siedler vor den Palästi­nensern. Wer ist hier also mil­i­tant und wer gefährdet? Muss man Köl­ner beschützen, weil sie in Düs­sel­dorf Häuser bauen oder deutsche Stu­di­en­räte in der Toscana? Was die israelis­che Regierung nicht kann, ist ihren Bürg­ern vorzuschreiben, an welchen Orten sie sich aufhal­ten dür­fen und an welchen nicht. Diese Auf­gabe hat­ten zulet­zt die Juden­räte im Warschauer Ghet­to. An dem Tag, an dem ein israelis­ch­er Min­is­ter­präsi­dent solche Aufen­thalts­ge­bote verkün­det, jagt ihm sich­er jemand eine Kugel durch den Kopf. Was haben also die Aus­sagen „Islam bedeutet Frieden“ und „Die jüdis­chen Siedler sind ein Frieden­shin­der­nis“ gemein­sam? Bei­de sind verkürzt und wer­den auch durch per­ma­nente Wieder­hol­ung nicht wahrer.

„Und was ist mit den Men­schen in Gaza? Sei ja geräumt wor­den. “Die Anschläge in Judäa und Samaria sind doch durch extrem­istis­chen Islam motiviert, es ruft doch kein­er ‘Allah Akbar’, der sich für einen palästi­nen­sis­chen Staat ein­set­zt, son­dern jemand, der sich von Gott legit­imiert sieht.” Chaya hat selb­st eine Idee, die Frieden brin­gen kön­nte: “Ich würde kein Prob­lem darin sehen, den Palästi­nensern die israelis­che Staats­bürg­er­schaft zu geben, wenn dadurch der Ter­ror been­det würde.” Damit wür­den die Palästi­nenser zu Israelis. Das ist, vere­in­facht gesagt, ziem­lich unrealistisch.“

Zu Ihrer Infor­ma­tion, Frau Bligh… Ihnen ist da ein Kon­junk­tiv ver­rutscht, sieht nicht schön aus. Ich mach das mal für Sie weg. Gaza wurde geräumt! Und zwar auf die denkbar bru­tal­ste und gründlich­ste Weise. Alle Juden raus! Nicht ein­er mehr da. Nicht mal die Juden, die in Israel leben und für inter­na­tionale NGO’s an der Ver­nich­tung Israels arbeit­en, trauen sich dort hin. Auch nicht nach Nazareth, Ramal­lah, Beth­le­hem oder weite Teile Hebrons. Alles Orte, an denen seit Jahrhun­derten Juden lebten, und so schon durch ihre bloße Exis­tenz dem Frieden im Weg standen. Nun nicht mehr. Denn glaubt man Hamas und Fatah, kann es wahren Frieden für Palästi­na nur geben, wenn es keine Juden mehr gibt. Frieden wie im Gaza-Streifen, den die Hamas von Anfang an als nichts anderes als einen Brück­enkopf für ihren Kampf gegen Israel betra­chtete. Ähn­lich wie in Deutsch­land die Aus­län­der­feindlichkeit am besten dort gedei­ht, wo es möglichst wenige Aus­län­der gibt, nimmt der Juden­hass unter den Palästi­nensern durch die Abwe­sen­heit von Juden eher zu als ab.

Zu Chayas Idee verkürzt nur so viel: Sie ist nicht unre­al­is­tisch, son­dern Real­ität! Schon wieder schlampig recher­chiert, Frau Bligh. Etwas mehr als 20% der israelis­chen Bevölkerung sind Araber, größ­ten­teils Mus­lime. Im Gespräch mit Palästi­nensern und europäis­chen Jour­nal­is­ten beze­ich­nen diese sich den­noch oft selb­st als Palästi­nenser. Ver­wirrend, was? Fra­gen sie doch mal den von mir sehr geschätzten Ahmad Man­sour zu diesem The­ma. Der hat da einiges zu erzählen.

Ich hätte aber auch noch eine Idee, wie „das Prob­lem“ zu lösen ist. Lei­der gibt es eine Grundbe­din­gung für das Funk­tion­ieren meines Plans. Wir müssten die UN-Char­ta um einen Artikel ergänzen der es unter­sagt, Men­schen auf­grund ihrer Staats­bürg­er­schaft, ihrer Reli­gion, ihres Geschlechts, ihrer sex­uellen Ori­en­tierung oder ihrer Herkun­ft die Daseins­berech­ti­gung oder die Schutzwürdigkeit zu entziehen. Der Papst, der Oberra­bin­er von Israel, Aya­tol­lah Khamenei und ein hoher geistiger Vertreter aus Mek­ka kön­nten sich auf einen Tee in der Kaa­ba tre­f­fen um das zu feiern.  Ziem­lich unre­al­is­tisch, stimmt’s? Was meinen Sie, wer würde die Teil­nahme verweigern?

Der relativ bedrohte Frieden

In manch­er Welt­ge­gend muss man Atom­waf­fen testen, um als Bedro­hung für den Frieden zu gel­ten, in anderen hinge­gen reicht es nicht aus, seine kur­dis­chen Mit­bürg­er zu bom­bardieren, um bei Frieden­splä­nen keine kon­struk­tive Rolle spie­len zu dür­fen. Im Nahen Osten und speziell für einen Juden genügt es aber bere­its, ein Stück Land zu kaufen und ein Haus darauf zu bauen, um unwider­sprochen als Frieden­shin­der­nis zu gel­ten. Wohl gemerkt: Der Jude muss dafür keinen Araber vertreiben oder wie Juden das ja son­st gern tun dessen Brun­nen vergiften und kleine Kinder zu Matzen ver­ar­beit­en. Land kaufen und Haus darauf bauen reicht schon. Gut, das sowas in Deutsch­land kom­plett ver­boten ist! Was genau stellt eigentlich dieses „Frieden­shin­der­nis“ dar? Ist es der israelis­che Pass, oder die jüdis­che Reli­gion? Dür­fen israelis­che Mus­lime Häuser im West­jor­dan­land bauen, israelis­che Juden hinge­gen nicht? Und was ist eigentlich mit einem Beduinen, der in der Negev einen schö­nen Hügel sieht, sein Zelt auf dem Hügel auf­schlägt „3–2‑1-meins“ ruft und vor Gericht zieht, wenn dies jemand anzweifelt? Bedro­ht der auch den Frieden­sprozess? Zumin­d­est dann, wenn er dies in den „Gren­zen von 1967“ tut? Warum regt sich eigentlich nie­mand darüber auf, dass Ägypten seine Gren­ze zum Gaza-Streifen geschlossen hält, obwohl die Hamas die Ägypter nicht mit Raketen beschießt? Und warum beschießt die Hamas eigentlich nicht Ägypten mit Raketen, um die ungerechte Block­ade zu been­den? Fra­gen über Fragen…

BENTO – der hippe Beton für junge Köpfe

Wer in Deutsch­land für Tol­er­anz, religiöse Frei­heit und gegen Frem­den­feindlichkeit auf die Straße geht oder in den Medi­en dage­gen wet­tert, ver­liert erhe­blich an Glaub­würdigkeit, wenn er im Nahen Osten aus­gerech­net denen seine Stimme lei­ht, die in Palästi­na einen intol­er­an­ten, undemokratis­chen Scharia-Staat erricht­en wollen und denen jedes Mit­tel recht ist, zu diesem Zweck den tol­er­an­ten, demokratis­chen Staat Israel zu ver­nicht­en. Es ist nicht das erste Mal, das SPON und sein Ableger BENTO in dieser Weise tätig werden.

In ein­er rus­sis­chen Geschichte geht ein Bauer die Straße ent­lang und begeg­net ein­er Fee. „Du hast einen Wun­sch frei“ sagt sie. „Aber bedenke, alles was Dir wider­fährt, bekommt dein Nach­bar dop­pelt“. Der Bauer über­legt eine Weile und sagt seinen Wun­sch. „Stich mir ein Auge aus“.

Wenn der Preis der Ver­nich­tung Israels wäre, selb­st nie einen eige­nen Staat zu haben, würde die palästi­nen­sis­che Führung sich lei­der noch immer für die Ver­nich­tung Israels entschei­den. Die Mus­lime haben ja noch eine Rei­he ander­er Staat­en, die sie in die Seife reit­en kön­nen. Die Juden nicht. Chaya Tal weiß das, Jen­nifer Bligh lei­der nicht.

Nachtrag

Die Diskus­sion unter dem Ben­to-Artikel ist mit­tler­weile geschlossen und ver­schwun­den. Das was da geschrieben wurde, roch wohl selb­st der Spiegel-Redak­tion zu sehr nach Pech, Schwe­fel und Progrom. Schon inter­es­sant wie dünn der Fir­nis der Zivil­i­sa­tion* ist, wenn eine Jüdin sagt, was sie für richtig und für falsch hält.

* sehr frei nach Jakob Augstein

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