Exeku­tion von Robe­spierre. © Wikipedia

X. Ther­mi­dor 1794: Charles Hen­ri San­son, der Henker von Paris, wal­tet seines Amtes und exeku­tiert in schneller Folge die Brüder Robe­spierre, Saint-Just, Couthon und einige weit­ere Vertreter des “Grande Ter­reur” auf dem Place de la Con­corde. Man hat­te die Guil­lo­tine zu diesem Zweck wieder in mit­ten der Stadt aufge­baut, nach­dem man sie kurz vorher erst an den Rand der Stadt ver­legt hat­te. Die Anwohn­er kon­nten den Anblick und beson­ders die Geräusche nicht mehr ertra­gen: drei kurze met­al­lene Schläge schnell hin­tere­inan­der, die das herun­terk­lap­pen des Brettes mit dem Delin­quenten, das schließen der eis­er­nen Halb­mode um den Hals und der her­ab­sausende Stahl verur­sachte. Der ganze Vor­gang dauert pro Per­son eine halbe Minute, San­son ist ein geübter Mechaniker des Todes.

X. Ther­mi­dor 2017. Die Sonne geht mor­gens noch auf und die Vögel sin­gen immer noch ihr Lied, alles scheint in bester Ord­nung zu sein in Deutsch­land. Alles ist bestens geregelt, die Demokratie läuft, die Kioske hän­gen voller mei­n­ungsstark­er Blät­ter, die man nur pflück­en muss, um die Wahrheit zu erfahren, und für schlappe 17 Euro im Monat kom­men bewegte Bilder von bewegten Men­schen die etwas bewe­gen in unsere Wohnz­im­mer. Und über allem wacht die ewige Kan­z­lerin aus ihrer futur­is­tis­chen Regierungswaschmas­chine am Spreeufer.

Aber riechen Sie das nicht auch? Dieser eige­nar­tige Geruch von ver­bran­ntem Papi­er, der in der Luft liegt? Und was ist mit der eige­nar­ti­gen und verun­sicherten Stim­mung, die über­all zu spüren ist? Dieses all­ge­gen­wär­tige Mis­strauen, die Gerüchte und Verdäch­ti­gun­gen, gewisse Kreise wür­den zum Beispiel aktiv am Unter­gang Deutsch­lands arbeit­en. Manche glauben genau zu wis­sen, dass Tag für Tag „Dutzende Busse voll mit Schwarzafrikan­ern“ über den Bren­ner gebracht wer­den, die dann spur­los in Deutsch­land ver­schwän­den. Andere wis­sen ganz sich­er, dass die AfD am Unter­gang der Demokratie ganz all­ge­mein arbeit­et und nach ihrer erträumten Machter­grei­fung sofort Lager für Kinder und psy­chisch Kranke erricht­en werde. Über­all trifft Gerücht auf Vorurteil und gerin­nt zur gefühlten Gewis­sheit – dies ist derzeit die vorherrschende chemis­che Reak­tion in Deutschland.

His­torische Ver­gle­iche drän­gen sich heute ger­adezu auf, etwa mit dem Zus­tand der „Grand Peur“, der “Großen Furcht” im August des Jahres 1789 in Frankre­ich, als es wilde Gerüchte über eine Ver­schwörung der Aris­tokratie gab, und sich Städte und Dör­fer gegen anrück­ende Räu­ber­ban­den und fremde Heere rüsteten, die jedoch nie kamen. Es wurde viel gese­hen, berichtet und ver­mutet – aber nichts gewusst. Aber Gerüchte gab es, die alle auf Tat­sachen beruht­en, die der Fre­und ein­er Tante dem Nef­fen ihrer Nach­barin anver­traut hat­te. Und wenn man die Pike schon mal in der Hand hat und die Räu­ber­ban­den aus­bleiben, kann man sie auch gle­ich gegen den ver­has­sten Adel richt­en, der, das weiß man sich­er, sich mit Vor­liebe in den aufgeschlitzten Bäuchen der Bauern die Füße wärmt, wenn er nach einem schö­nen Jag­daus­flug abends kalte Füße hat. Die Franzö­sis­che Rev­o­lu­tion nimmt ihren Lauf und doch dauert es noch fast fünf Jahre, bis Frankre­ich 1794 unter Max­im­i­lien de Robe­spierre im „Großen Ter­ror“ kni­etief im Blut versinken wird. Dabei hat­te alles so hoff­nungsvoll begonnen: Nation­alver­samm­lung, Dekla­ra­tion der Men­schen­rechte, volle Bürg­er­rechte für Juden, Lib­erté, Égal­ité, Fraternité…und drehte doch irgend­wann ins Wahnsin­nige, Ide­ol­o­gis­che, wie etwa die verpflich­t­ende Ein­führung des „Repub­likanis­chen Kalen­ders“ oder verän­derte Prozes­sor­d­nun­gen zeigten. Um Ver­fahren gegen “Feinde der Rev­o­lu­tion” zu beschle­u­ni­gen, reichte es schließlich aus, solange zu tagen, bis sich Richter und Schöf­fen ein “aus­re­ichen­des Bild” von der Schuld der Angeklagten gemacht hat­ten — was die Ver­fahren tat­säch­lich sehr verkürzte. Wurde ein Verdächtiger für vogel­frei erk­lärt, hat­te das Gericht lediglich noch die Auf­gabe, die Per­son­alien des Delin­quenten festzustellen, um ihn dann post­wen­dend zu San­son zu schick­en. Was war nur schiefge­laufen? Lag es am zu großen Eifer oder doch an der über­großen Anzahl der „Feinde der Rev­o­lu­tion“, dass am Ende über 50.000 Men­schen den Hin­rich­tungswellen zum Opfer gefall­en waren?

Robe­spier­res glaubte, einen „Tugend­staat“ erricht­en zu kön­nen, und die größte Tugend war die der Rev­o­lu­tion selb­st. Man musste nicht ein­mal aktiv gegen diese agieren, es genügte bere­its, sie nicht lei­den­schaftlich genug zu unter­stützen, um auf dem Schafott zu enden. In der Hoch­phase der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion erleben wir also erst­mals den Über­gang von der Sank­tion straf­bar­er Hand­lun­gen zur Verurteilung straf­bar­er Hal­tun­gen – ein Vor­gang, der uns heute angesichts hässlich­er Vor­fälle von poli­tis­ch­er Sip­pen­haf­tung wieder häu­figer ins Bewusst­sein rückt. Wenn zum Beispiel ein Zah­narzt in Berlin mas­siv unter Recht­fer­ti­gungs­druck gerät, weil er der AfD nah­este­ht, oder Gast­wirte vor dem Ruin ste­hen, weil sie Ver­anstal­tun­gen der AfD in ihren Räu­men beherbergten oder sich deren Poli­tik­er nur häu­figer dort aufhal­ten. Von gewis­sen Büch­ern tot­er Autoren, die in gewis­sen Ver­la­gen erscheinen, deren Inhab­er die Unver­schämtheit besitzen, durch den Verkauf von Büch­ern Geld einzusam­meln, ganz zu schweigen.

Wed­er ist die Mit­glied­schaft in der AfD straf­bar, noch ist es den Mit­gliedern ver­boten, Kneipen zu besuchen. Aber die neuen Moralge­set­ze gebi­eten den tugend­haften Men­schen im demokratis­chen Deutsch­land, in solchen Fällen „Maß­nah­men zu ergreifen“. In der Zeit des „Großen Ter­rors“ in Frankre­ich waren die Men­schen verun­sichert, wie sie sich ver­hal­ten soll­ten, um dem Säu­berun­gen nicht am Ende selb­st zum Opfer zu fall­en. Man befleißigte sich fol­glich möglichst rüder, unadeliger Umgangs­for­men, trug die bre­itesten Schär­pen und die größten Kokar­den der Trikolore zur Schau, ver­ließ ohne Jakobin­er­mütze nicht das Haus und ver­suchte anson­sten, möglichst unsicht­bar zu wer­den, indem man poli­tis­che Betä­ti­gung, Ämter und Wahlen ver­mied. Wer kon­nte schon wis­sen, in welche Rich­tung der Wind sich drehen mochte. Heute scheint es kaum anders zu sein, denn jed­er, mit dem man offiziell spricht, beeilt sich zu ver­sich­ern, nichts, aber auch gar nicht mit der AfD, den Pegi­den oder anderen Ultra­megarecht­sex­trem­is­ten zu tun zu haben. Da medi­al bere­its seit Monat­en der Absturz dieser Partei in die poli­tis­che Bedeu­tungslosigkeit beschworen wird, möchte man nicht in deren Nähe sein, wenn die Prophezeiung ein­tritt — oder einge­treten wird.

Heute vor 223 Jahren, am X. Ther­mi­dor des Repub­likanis­chen Kalen­ders, unserem 28. Juli 1794, endete der große Ter­ror in Frankre­ich mit dem Tod Robe­spier­res auf eben der Guil­lo­tine, die seine Geg­n­er acht Monate lang teil­weise im Minu­ten­takt um Kopf und Kra­gen brachte. Die Über­leben­den rieben sich ver­wun­dert die Augen und gin­gen beschämt ihres Weges. Man wollte schnell vergessen, dass man noch vor Tagen selb­st den Nach­barn oder Fre­und der Gesin­nungspolizei angezeigt und so unter das Mess­er geliefert hat­te oder jubel­nd in der Zuschauer­menge stand, wenn Köpfe roll­ten, deren Träger das Ver­brechen began­gen hat­ten, eine Tasse mit dem Bild­nis des Königs zu besitzen oder mit „Bon­jour mon­sieur“ statt „Bon­jour citoyen“ gegrüßt zu haben.

Es ist das Los jed­er Rev­o­lu­tion, ihre Kinder zu fressen – und je blutiger sie ver­läuft, umso lustvoller und grausamer wir der Verzehr. In Deutsch­land rollen keine Köpfe, man beg­nügt sich (noch) damit, durch Tugendter­ror die materielle Exis­tenz der­jeni­gen zu ver­nicht­en, die von ihrem Recht auf Mei­n­ungs­frei­heit in ander­er Weise Gebrauch machen, als die wohl­gesin­nte und mit gefühlter paneu­ropäis­ch­er Tugend aufge­ladene Menge. Man glaubt, das gin­ge dann schon in Ord­nung, weil es ja die Richti­gen träfe.

Robe­spierre sagte zur Begrün­dung der von ihm und seinem Wohlfahrt­sauss­chuss einge­führten Geset­ze, „Die Ter­reur ist nichts anderes als unmit­tel­bare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Aus­fluss der Tugend; sie ist weniger ein beson­deres Prinzip als die Kon­se­quenz des all­ge­meinen Prinzips der Demokratie in sein­er Anwen­dung auf die drin­gend­sten Bedürfnisse des Vater­lan­des.“ Außer, dass man heute das Wort Ter­reur durch “polit­i­cal cor­rect­ness” erset­zt hat, scheint sich an den Prinzip­i­en nicht viel geän­dert zu haben.

Die aktuelle Ther­mi­dor-Stim­mung in Deutsch­land sollte man jeden­falls auf Wieder­vor­lage leg­en, um in fünf Jahren nüchtern zu prüfen, wohin sie let­ztlich geführt hat.

Teil 2: “Lib­erté, fra­ter­nité, …diver­sité!”
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1 Kommentar

  1. Ein lesenswert­er Artikel — Teil 2 sei eben­so emp­fohlen — über sich wieder­holende Muster des Ter­rors. Maos “Kul­tur­rev­o­lu­tion” fol­gte ihnen eben­so wie die “Antifa”: Wahre Denun­zi­a­tion­sorgien sind typ­is­ches Kennze­ichen. Der Weg dor­thin führt immer über die “ver-stellte” Wahrnehmung. Pro­pa­gan­da dient dazu, aber auch ein organ­isiert­er Grup­pen­druck bis in Fam­i­lien hinein. Die “Organ­i­sa­tio­nen” — als “Sicher­heit­sor­gane” ver­bre­it­eten sie noch im Sozial­is­mus der DDR entsprechende Furcht — machen ein­er­seits ihre Ide­olo­gie zur einzig richti­gen “Ein-stel­lung”, ander­er­seits set­zen sie alles daran, die eigene Unan­greif­barkeit fortwährend zu befes­ti­gen. Unter dem hoch moralis­chen Etikett, für die Kinder, die Jugend, die Frauen, die Bauern, die Umwelt… einzutreten, sam­meln sie Anhänger­schaft und Ressourcen. Ihr Ziel ist, Staat und Gesellschaft, endlich das Leben des Einzel­nen zu usurpieren. Total.
    Wer wie ich gehofft hat­te, solche Prozesse und die Kräfte, die sie in Gang set­zen, seien nach dem Ende des “real existieren­den Sozial­is­mus” desavouiert, wird sich auf anhal­tende Kon­flik­te ein­richt­en müssen. Aber Total­i­taris­mus ist eben­sowenig abzuschaf­fen wie die Steinzeitkeule. Gewalt — Macht — Lust.
    https://publizist.wordpress.com/2017/07/19/fragen-nach-sinn-und-ziel/

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