image_thumb-6272Ich dachte eigentlich lange Zeit, mit der CDU und ihren Kan­zlern und Kan­di­dat­en sei ich durch. Dass ich es noch erleben würde, dass ich Mitleid mit dieser Partei habe, hätte ich lange nicht für möglich gehal­ten. Hat­te ich doch die Ehre, einen wahlkämpfend­en Hel­mut Kohl Anfang der 90er Jahre in Hal­ber­stadt zu erleben – und live mitzubekom­men, wie sich der Kan­zler der Ein­heit bei einem großen Wahlkamp­fauftritt über eine in mein­er Nähe ste­hende Gruppe von vielle­icht fünf Buuh-Rufern aufregte, die er auf‘s übel­ste beschimpfte. Irgend­wann wurde es dem Kan­zler zu bunt, denn auf den Ruf „Zugriff“ des Ein­sat­zleit­ers hin flog wie aus dem Nichts ein Dutzend Polizeibeamte her­an, um die unhöflichen Jugendlichen dor­thin zu drück­en, wo sie Kohls Mei­n­ung nach hinge­hörten: in den Dreck. Das war unschön, undemokratisch und vol­lkom­men unver­hält­nis­mäßig – selb­st für diejeni­gen, die den selb­st­gerecht­en Phrasen Kohls nicht skep­tisch gegenüber­standen. Dieser dicke Mann da oben auf der Bühne jedoch war es, der einige Jahre später von eben der Angela Merkel poli­tisch erdolcht wurde, die nun angekündigt hat, mit Kohls Amt­szeit von 16 Jahren zumin­d­est gle­ichziehen zu wollen.

Dabei hat­te ich eigentlich nichts Anderes erwartet. Wäre ich Englän­der, hätte ich wohl einige Pfund zum Buch­mach­er meines Ver­trauens getra­gen, wobei die Quoten lausig gewe­sen wären! Ich und viele andere waren sich­er, sie tritt wieder an und ich ver­suche auch gle­ich zu erk­lären, warum es so kom­men musste.

Merkel bei Will

https://www.youtube.com/watch?v=jjfJIJNKY2I

Wie es sich für eine echte One-Woman-Kan­z­lerin gehört, kündigt sie ihre erneute Kan­z­lerin­nen­schaft in ein­er One-Women-Talk­show an. Anne Will hat­te die Ehre, ver­mut­lich wird Merkel ihre vierte Amt­szeit deshalb bei Mais­chberg­er oder Ill­ner begin­nen (wollen). Lange habe sie, die Kan­z­lerin, nachgedacht, hin und her sog­ar. Und dann habe sie entsch­ieden, dass sie uns, dem Volk, noch so viel zu geben hat. Sie kann zum Beispiel „in der Tonal­ität“ etwas für uns tun und in der Sache auch. Aha.

Mir schien es eher, als hätte die let­zte Tagung auf der sie war, ihren Kopf der­maßen aus­ge­füllt und beun­ruhigt, dass dort für Land und so Sachen eigentlich kein Platz mehr sei. In jedem zweit­en Satz irgend­was mit Dig­i­tal­isierung und Medi­en und Kindern, die in München arbeit­en und die Eltern in Meck­len­burg hät­ten keinen Bre­it­ban­dan­schluss. Man hört sie reden und denkt „wow, so leicht ist es also, Merkels Hirn mit einem The­ma zu fluten, bis sie an nichts Anderes mehr denken kann, selb­st wenn es im Gespräch um viel Grund­sät­zlicheres geht“ – und ich muss sagen, das war das schlimm­ste Déjà-vu des Abends. Schlim­mer als jedes, das ich bei der Vielzahl von Phrasen und Null­sätze ihrer Reden sowieso schon ständig habe. Ich kann mich noch an die Fix­ierung eines gewis­sen Erich Honeck­er auf die Mikroelek­tron­ik erin­nern, von der er so viel ver­stand, wie Merkel von der Dig­i­tal­isierung. Die DDR stand kurz vor dem Kol­laps, aber Erich musste unbe­d­ingt den Megabit-Chip entwick­eln oder bess­er gesagt kopieren lassen.

Nun grüßt er aus der Gruft, während sich Mut­ti Sor­gen um die dig­i­tal­en Her­aus­forderun­gen macht und das Land in viel­er­lei Hin­sicht vor sich hin bröck­elt. Genau wegen solch­er Dinge fühlen sich die Men­schen „nicht mitgenom­men“, Frau Merkel. Und mal ehrlich, die Men­schen in Deutsch­land suchen gar nicht nach einem „Weg zurück aus der Dig­i­tal­isierung“, wer hat der Kan­z­lerin denn sowas einge­flüstert? Suchte sie etwa nach diesem „Weg zurück“? Hat man ihr auf der Dig­i­tal-Kon­ferenz erk­lärt, dass dies nicht so ein­fach sei? Allein schon solche Äußerun­gen zeigen mir, dass sie von der Lebenswirk­lichkeit der Men­schen mit­tler­weile weit ent­fer­nt ist – elf Jahre ent­fer­nt, um genau zu sein.

Politik trifft Wirklichkeit

Anne Will bestand auf die Beant­wor­tung der Frage, ob Merkel sich eher als Teil der Lösung oder des Prob­lems betra­chte. Und jet­zt endlich, nach elf Jahren in denen viele Beobachter Merkels Poli­tik als mäßi­gend, vor­sichtig und „mit Augen­maß“ beschrieben, kommt sie mit der bit­teren Wahrheit her­aus: Kan­z­lerin Merkel „passt ihre Poli­tik der Wirk­lichkeit an“!

Moment mal, wer­den Sie sagen. Das muss die Poli­tik doch auch machen, oder? Da möchte ich doch respek­tvoll wider­sprechen, weil dieser Modus Operan­di erstens die Frage aufwirft, was zuerst da ist, die Poli­tik oder die Wirk­lichkeit und zweit­ens, ob man unter dieser Prämisse über­haupt „gestal­ten“ oder doch nur ver­wal­ten kann. Wohin die Reise geht? Fragt nicht die Kan­z­lerin! Die ste­ht mor­gens auf, hält den feucht­en Fin­ger aus dem Fen­ster und sagt „da lang“.

Diese Pas­siv­ität und Ideen­losigkeit kol­li­diert immer wieder mit den Worten, die Angela Merkel über ihrem Volk aus­gießt und auch im Inter­view mit Anne Will macht sie da keine Aus­nahme: „Ich kann beitra­gen, ich bin neugierig, ich bin kom­pro­miss­bere­it, ich finde Antworten, ich habe ver­hin­dert, ich biete Lösun­gen…“. Merkels Sprache liebt das Per­sön­liche, ihr Han­deln das Unbestimmte.

Was kann sie also „dem Land geben“, wie sie immer wieder­holt? Was gibt sie uns, wenn sie „entsch­ieden hat, die Kan­zler­schaft erneut zu wollen“? Wen­det sie sich mit ein­er Botschaft an uns und wer sind die Men­schen, die Merkel erneut auf den Schild heben sollen? Sie spricht das Wort „deutsch“ offen­bar nicht so gern aus, spricht lieber von „den vor kurzem hergekomme­nen und denen, die schon länger hier leben“. Das klingt nicht nach „my fel­low ger­mans“, son­dern nach Zuge­hörigkeit zur ein­er beliebi­gen Ver­wal­tung­sein­heit, ein­er zufäl­li­gen Gruppe von Kun­den, die im Ser­vice­bere­ich von IKEA eine Wartenum­mer gezo­gen haben. Manche warten nur schon etwas länger — worauf auch immer.

Fatalismus als Regierungsprogramm

Nach fast zwölf Jahren Kan­zler­schaft sollte man schon mal ansatzweise erken­nen kön­nen, in welche Rich­tung sich das Land entwick­elt und welchen Anteil die Regierungschefin mit ihrer „Richtlin­ienkom­pe­tenz“ daran hat, oder? Ach was, kannste vergessen! Denn Angela Merkel sagt „Man kann nicht sehen was man ver­hin­dert hat“ – bedeutet natür­lich im Umkehrschluss auch, dass man nicht sagen kann, was erre­icht wurde! Ob man etwas tut oder lässt, im Grunde egal. Gegen­be­weis? Fehlanzeige! Aus­gang? Ungewiss! Warum also noch vier Jahre so weit­er machen? Das kann Frau Merkel uns lei­der auch nicht sagen. Aber wer kann schon sagen, ob ein ander­er Kan­zler den Job bess­er machen würde? Warum also was ändern, wenn es sowieso nichts ändert? Hard-Core Fatal­is­ten ste­hen mor­gens irgend­wann ein­fach nicht mehr auf, weil eh alles egal ist. Was Frau Merkel mor­gens aus dem Bett treibt, bleibt ihr Geheimnis.

Aber die Kan­z­lerin­nen­flüster­er sor­gen schon dafür, das Hirn der Chefin Tag für Tag mit etwas zu fluten, aus dessen Umset­zung sich in den näch­sten Jahren köstlich­er Honig wird saugen lassen. Bei Anne Will hörten die erstaunten Zuschauer, dass „Arbeit­sun­fähigkeit das größtes Risiko für Alter­sar­m­mut“ sei. Ohne das The­ma klein reden zu wollen, denke ich doch, das größte Risiko sind zu geringe Löhne und prekäre Beschäf­ti­gungsver­hält­nisse, eine zu geringe Basis der geset­zlichen Renten­ver­sicherung, eine immer größer wer­dende Zahl von Rente­nansprüchen und die Tat­sache, dass die pri­vate Vor­sorge in Zeit­en von Neg­a­tivzin­sen, von denen aus­gerech­net der deutsche Staat prof­i­tiert, extrem schwierig gewor­den ist – aber ich kann mich natür­lich irren, ich bin nicht Kan­zler! Allerd­ings würde ich mich nicht wun­dern, wenn gewiefte Ver­sicherung­sun­ternehmen der Kan­z­lerin dem­nächst eine staatlich geförderte pri­vate Vor­sorge gegen Arbeit­sun­fähigkeit ein­flüstern. Man darf ges­pan­nt sein. Beson­ders, was es diejeni­gen kostet, die schon erfol­gre­ich „geri­estert“ und „gerührupt“ haben.

16 Jahre Kan­zler­schaft wer­den auf den let­zten Metern manch­mal zur Qual, wer wüsste das bess­er als der Mann, der das schon hin­ter sich hat. Nach der Spende­naf­färe stand die CDU unter Kohl Ende der 90er Jahre ver­dammt schlecht da. Heute ist alles anders und doch ver­gle­ich­bar. Aber anders als vor 12 Jahren ste­ht heute nie­mand mit dem Dolch in der Hand da, um das poli­tis­che Erbe anzutreten – oder auch nur die Scher­ben aufzusam­meln. Zur Ret­tung des Kon­ser­v­a­tivis­mus der CDU hätte es eines beherzten „inneren Putsches“ bedürft. Ein Rück­tritt oder ein Verzicht auf die erneute Kan­zlerkan­di­datur hätte nicht genügt, um Glaub­würdigkeit zurück zu erlan­gen. Doch es ist keine fähige Hand in Sicht, die Angst vor der poli­tis­chen Vater­mörderin Merkel steckt allen übrig gebliebe­nen noch in den Knochen. Wir alle zahlen den Preis für zwölf Jahre poli­tis­chen Oppor­tunis­mus, den viele für den „großen Plan der Demokratie“ gehal­ten haben. Der ent­pup­pte sich aber let­ztlich als poli­tis­che Gle­ich­schal­tung der Poli­tik in Deutsch­land – wom­it mich die Merkel-Meta­pher von der „Tonal­ität“ unweiger­lich an die „Block­flöten von der Nationalen Front der DDR“ denken lässt. Wenn es das ist, was Frau Merkel Deutsch­land „zu geben“ hat, würde ich gern verzichten.

CDU am Boden und Kramp-Karrenbauer tritt nach

Die ulti­ma­tive Demü­ti­gung der CDU schafft übri­gens nicht die Kan­z­lerin in ihrem Inter­view, son­dern ein Gast der anschließen­den Deu­tungs-Runde des Kan­z­lerin­nen-Orakels. Die Min­is­ter­präsi­dentin des Saar­lan­des, Frau Kramp-Kar­ren­bauer (CDU), hielt sich näm­lich für beson­ders schlau als sie den Unter­schied zwis­chen „16 Jahre Kohl“ und den erwarteten „16 Jahre Merkel“ erk­lärte und warum let­zteres so viel bess­er sei: „…unter Merkel hat­te die CDU ver­schiedene Part­ner“. Poli­tis­che Promiskuität und Feigheit vor Min­der­heit­sregierun­gen als Erfol­gsrezept! Was trinken die eigentlich auf CDU-Prä­sid­i­umssitzun­gen oder bei Anne Will hin­ter den Kulis­sen? Aber die Lan­des­fürstin des Saar­lan­des verkün­dete ja auch, dass das Prä­sid­i­um der CDU Merkels Entschei­dung „wohlwol­lend zur Ken­nt­nis“ genom­men habe. Der Wein aus dem Saar­land hat ja einen guten Ruf. Aber ich hat­te ja keine Ahnung, dass er so gut ist!

Ein Kronprinz ist ein Fluch, kein Kronprinz auch

Noch vier Jahre, oder doch noch acht? Zwanzig Jahre hat noch kein Kan­zler der Bun­desre­pub­lik voll gemacht, das kön­nte also ein Ans­porn sein. Oder eine Frage der Alter­na­tivlosigkeit. Das Mit­tel­maß regiert in der CDU und bis es aus den Krabbel­grup­pen der Nach­wuch­sor­gan­i­sa­tio­nen jemand in Schlagdis­tanz zur ewigen Kan­z­lerin schaf­fen wird, kön­nen noch lock­er fünf bis acht Jahre verge­hen. Angela Merkel wird uns also noch eine ganze Weile erhal­ten bleiben. Was sagen Sie, Rot-Rot-Grün? Schon möglich, aber nur mit Angela Merkel als Kan­z­lerin. Denn das haben wir bei Anne Will gel­ernt: die Kan­z­lerin ist noch nicht fer­tig mit uns!

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3 Kommentare

  1. 12 Jahre sind ein Haufen Zeit.
    Da muss man sich schon sehr gut über­legen, ob man jemand länger im höch­sten Amt haben will: Hat sie Dinge wirk­lich gut abgeschlossen? Macht sie einen fit­ten Ein­druck? Hat Sie noch ein überzeu­gen­des Projekt?
    Wenn das alles mit NEIN beant­wortet wer­den muss und trotz­dem keine Alter­na­tive mehr im Haus ist, kom­men unweiger­lich die Grusel-Argumente:
    https://hintermbusch.wordpress.com/2016/11/21/mutti-macht-uns-den-schrempp/

  2. Wert­er Letsch, haben Sie Dank für Ihren tre­f­fend­en Kom­men­tar, den ich auf der “Achse” ent­deckt habe. Erlauben Sie mir fol­gen­den Hin­weis: Das Sub­stan­tiv ‘Schild’ gibt es im Deutschen mit zweier­lei Bedeu­tung, näm­lich a) Kennze­ichen, Verkehrschild usw., in welchem Fall es ein Neu­trum ist: das Schild; darüber hin­aus ist b) mit Schild ein Gegen­stand gemeint, mit welchem man sich als Krieger seit der Antike bis ins Spät­mit­te­lal­ter hinein vor her­an­fliegen­den Pfeilen, Speeren und Lanzen sowie Schw­ert- oder Axthieben zu schützen ver­suchte — und in diesem Fall ist das Sub­stan­tiv masku­li­nen Geschlechts: der Schild. Sicher­lich ken­nen Sie den Aus­druck ‘jeman­den auf den Schild heben’ — mit diesem Akt bekun­dete ein zumeist mil­itärisch­er Ver­band, dass ein­er sein­er Anführer von nun an DER Führer des Ver­ban­des sein sollte… Merke also: DAS Schild ist nicht iden­tisch mit DER Schild. Wollen Sie die Achgut-Zen­trale nicht ver­an­lassen, diesen Fehler zu beseitigen?

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