image_thumb-6272Ich dachte eigent­lich lange Zeit, mit der CDU und ihren Kanz­lern und Kan­di­da­ten sei ich durch. Dass ich es noch erleben würde, dass ich Mitleid mit dieser Partei habe, hätte ich lange nicht für möglich gehal­ten. Hatte ich doch die Ehre, einen wahl­kämp­fen­den Helmut Kohl Anfang der 90er Jahre in Hal­ber­stadt zu erleben – und live mit­zu­be­kom­men, wie sich der Kanzler der Einheit bei einem großen Wahl­kampf­auf­tritt über eine in meiner Nähe ste­hende Gruppe von viel­leicht fünf Buuh-Rufern auf­regte, die er auf‘s übelste beschimpfte. Irgend­wann wurde es dem Kanzler zu bunt, denn auf den Ruf „Zugriff“ des Ein­satz­lei­ters hin flog wie aus dem Nichts ein Dutzend Poli­zei­be­amte heran, um die unhöf­li­chen Jugend­li­chen dorthin zu drücken, wo sie Kohls Meinung nach hin­ge­hör­ten: in den Dreck. Das war unschön, unde­mo­kra­tisch und voll­kom­men unver­hält­nis­mä­ßig – selbst für die­je­ni­gen, die den selbst­ge­rech­ten Phrasen Kohls nicht skep­tisch gegen­über­stan­den. Dieser dicke Mann da oben auf der Bühne jedoch war es, der einige Jahre später von eben der Angela Merkel poli­tisch erdolcht wurde, die nun ange­kün­digt hat, mit Kohls Amts­zeit von 16 Jahren zumin­dest gleich­zie­hen zu wollen.

Dabei hatte ich eigent­lich nichts Anderes erwar­tet. Wäre ich Eng­län­der, hätte ich wohl einige Pfund zum Buch­ma­cher meines Ver­trau­ens getra­gen, wobei die Quoten lausig gewesen wären! Ich und viele andere waren sicher, sie tritt wieder an und ich ver­su­che auch gleich zu erklä­ren, warum es so kommen musste.

Merkel bei Will

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Wie es sich für eine echte One-Woman-Kanz­le­rin gehört, kündigt sie ihre erneute Kanz­le­rin­nen­schaft in einer One-Women-Talk­show an. Anne Will hatte die Ehre, ver­mut­lich wird Merkel ihre vierte Amts­zeit deshalb bei Maisch­ber­ger oder Illner begin­nen (wollen). Lange habe sie, die Kanz­le­rin, nach­ge­dacht, hin und her sogar. Und dann habe sie ent­schie­den, dass sie uns, dem Volk, noch so viel zu geben hat. Sie kann zum Bei­spiel „in der Tona­li­tät“ etwas für uns tun und in der Sache auch. Aha.

Mir schien es eher, als hätte die letzte Tagung auf der sie war, ihren Kopf der­ma­ßen aus­ge­füllt und beun­ru­higt, dass dort für Land und so Sachen eigent­lich kein Platz mehr sei. In jedem zweiten Satz irgend­was mit Digi­ta­li­sie­rung und Medien und Kindern, die in München arbei­ten und die Eltern in Meck­len­burg hätten keinen Breit­band­an­schluss. Man hört sie reden und denkt „wow, so leicht ist es also, Merkels Hirn mit einem Thema zu fluten, bis sie an nichts Anderes mehr denken kann, selbst wenn es im Gespräch um viel Grund­sätz­li­che­res geht“ – und ich muss sagen, das war das schlimmste Déjà-vu des Abends. Schlim­mer als jedes, das ich bei der Viel­zahl von Phrasen und Null­sätze ihrer Reden sowieso schon ständig habe. Ich kann mich noch an die Fixie­rung eines gewis­sen Erich Hon­ecker auf die Mikro­elek­tro­nik erin­nern, von der er so viel ver­stand, wie Merkel von der Digi­ta­li­sie­rung. Die DDR stand kurz vor dem Kollaps, aber Erich musste unbe­dingt den Megabit-Chip ent­wi­ckeln oder besser gesagt kopie­ren lassen.

Nun grüßt er aus der Gruft, während sich Mutti Sorgen um die digi­ta­len Her­aus­for­de­run­gen macht und das Land in vie­ler­lei Hin­sicht vor sich hin brö­ckelt. Genau wegen solcher Dinge fühlen sich die Men­schen „nicht mit­ge­nom­men“, Frau Merkel. Und mal ehrlich, die Men­schen in Deutsch­land suchen gar nicht nach einem „Weg zurück aus der Digi­ta­li­sie­rung“, wer hat der Kanz­le­rin denn sowas ein­ge­flüs­tert? Suchte sie etwa nach diesem „Weg zurück“? Hat man ihr auf der Digital-Kon­fe­renz erklärt, dass dies nicht so einfach sei? Allein schon solche Äuße­run­gen zeigen mir, dass sie von der Lebens­wirk­lich­keit der Men­schen mitt­ler­weile weit ent­fernt ist – elf Jahre ent­fernt, um genau zu sein.

Politik trifft Wirklichkeit

Anne Will bestand auf die Beant­wor­tung der Frage, ob Merkel sich eher als Teil der Lösung oder des Pro­blems betrachte. Und jetzt endlich, nach elf Jahren in denen viele Beob­ach­ter Merkels Politik als mäßi­gend, vor­sich­tig und „mit Augen­maß“ beschrie­ben, kommt sie mit der bit­te­ren Wahr­heit heraus: Kanz­le­rin Merkel „passt ihre Politik der Wirk­lich­keit an“!

Moment mal, werden Sie sagen. Das muss die Politik doch auch machen, oder? Da möchte ich doch respekt­voll wider­spre­chen, weil dieser Modus Ope­randi erstens die Frage auf­wirft, was zuerst da ist, die Politik oder die Wirk­lich­keit und zwei­tens, ob man unter dieser Prä­misse über­haupt „gestal­ten“ oder doch nur ver­wal­ten kann. Wohin die Reise geht? Fragt nicht die Kanz­le­rin! Die steht morgens auf, hält den feuch­ten Finger aus dem Fenster und sagt „da lang“.

Diese Pas­si­vi­tät und Ide­en­lo­sig­keit kol­li­diert immer wieder mit den Worten, die Angela Merkel über ihrem Volk aus­gießt und auch im Inter­view mit Anne Will macht sie da keine Aus­nahme: „Ich kann bei­tra­gen, ich bin neu­gie­rig, ich bin kom­pro­miss­be­reit, ich finde Ant­wor­ten, ich habe ver­hin­dert, ich biete Lösun­gen…“. Merkels Sprache liebt das Per­sön­li­che, ihr Handeln das Unbe­stimmte.

Was kann sie also „dem Land geben“, wie sie immer wie­der­holt? Was gibt sie uns, wenn sie „ent­schie­den hat, die Kanz­ler­schaft erneut zu wollen“? Wendet sie sich mit einer Bot­schaft an uns und wer sind die Men­schen, die Merkel erneut auf den Schild heben sollen? Sie spricht das Wort „deutsch“ offen­bar nicht so gern aus, spricht lieber von „den vor kurzem her­ge­kom­me­nen und denen, die schon länger hier leben“. Das klingt nicht nach „my fellow germans“, sondern nach Zuge­hö­rig­keit zur einer belie­bi­gen Ver­wal­tungs­ein­heit, einer zufäl­li­gen Gruppe von Kunden, die im Ser­vice­be­reich von IKEA eine War­te­num­mer gezogen haben. Manche warten nur schon etwas länger – worauf auch immer.

Fatalismus als Regierungsprogramm

Nach fast zwölf Jahren Kanz­ler­schaft sollte man schon mal ansatz­weise erken­nen können, in welche Rich­tung sich das Land ent­wi­ckelt und welchen Anteil die Regie­rungs­chefin mit ihrer „Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz“ daran hat, oder? Ach was, kannste ver­ges­sen! Denn Angela Merkel sagt „Man kann nicht sehen was man ver­hin­dert hat“ – bedeu­tet natür­lich im Umkehr­schluss auch, dass man nicht sagen kann, was erreicht wurde! Ob man etwas tut oder lässt, im Grunde egal. Gegen­be­weis? Fehl­an­zeige! Ausgang? Unge­wiss! Warum also noch vier Jahre so weiter machen? Das kann Frau Merkel uns leider auch nicht sagen. Aber wer kann schon sagen, ob ein anderer Kanzler den Job besser machen würde? Warum also was ändern, wenn es sowieso nichts ändert? Hard-Core Fata­lis­ten stehen morgens irgend­wann einfach nicht mehr auf, weil eh alles egal ist. Was Frau Merkel morgens aus dem Bett treibt, bleibt ihr Geheim­nis.

Aber die Kanz­le­rin­nen­flüs­te­rer sorgen schon dafür, das Hirn der Chefin Tag für Tag mit etwas zu fluten, aus dessen Umset­zung sich in den nächs­ten Jahren köst­li­cher Honig wird saugen lassen. Bei Anne Will hörten die erstaun­ten Zuschauer, dass „Arbeits­un­fä­hig­keit das größtes Risiko für Alters­arm­mut“ sei. Ohne das Thema klein reden zu wollen, denke ich doch, das größte Risiko sind zu geringe Löhne und prekäre Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nisse, eine zu geringe Basis der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung, eine immer größer wer­dende Zahl von Ren­ten­an­sprü­chen und die Tat­sa­che, dass die private Vor­sorge in Zeiten von Nega­tiv­zin­sen, von denen aus­ge­rech­net der deut­sche Staat pro­fi­tiert, extrem schwie­rig gewor­den ist – aber ich kann mich natür­lich irren, ich bin nicht Kanzler! Aller­dings würde ich mich nicht wundern, wenn gewiefte Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men der Kanz­le­rin dem­nächst eine staat­lich geför­derte private Vor­sorge gegen Arbeits­un­fä­hig­keit ein­flüs­tern. Man darf gespannt sein. Beson­ders, was es die­je­ni­gen kostet, die schon erfolg­reich „geries­tert“ und „gerüh­rupt“ haben.

16 Jahre Kanz­ler­schaft werden auf den letzten Metern manch­mal zur Qual, wer wüsste das besser als der Mann, der das schon hinter sich hat. Nach der Spen­den­af­färe stand die CDU unter Kohl Ende der 90er Jahre ver­dammt schlecht da. Heute ist alles anders und doch ver­gleich­bar. Aber anders als vor 12 Jahren steht heute niemand mit dem Dolch in der Hand da, um das poli­ti­sche Erbe anzu­tre­ten – oder auch nur die Scher­ben auf­zu­sam­meln. Zur Rettung des Kon­ser­va­ti­vis­mus der CDU hätte es eines beherz­ten „inneren Put­sches“ bedürft. Ein Rück­tritt oder ein Ver­zicht auf die erneute Kanz­ler­kan­di­da­tur hätte nicht genügt, um Glaub­wür­dig­keit zurück zu erlan­gen. Doch es ist keine fähige Hand in Sicht, die Angst vor der poli­ti­schen Vater­mör­de­rin Merkel steckt allen übrig geblie­be­nen noch in den Knochen. Wir alle zahlen den Preis für zwölf Jahre poli­ti­schen Oppor­tu­nis­mus, den viele für den „großen Plan der Demo­kra­tie“ gehal­ten haben. Der ent­puppte sich aber letzt­lich als poli­ti­sche Gleich­schal­tung der Politik in Deutsch­land – womit mich die Merkel-Meta­pher von der „Tona­li­tät“ unwei­ger­lich an die „Block­flö­ten von der Natio­na­len Front der DDR“ denken lässt. Wenn es das ist, was Frau Merkel Deutsch­land „zu geben“ hat, würde ich gern ver­zich­ten.

CDU am Boden und Kramp-Karrenbauer tritt nach

Die ulti­ma­tive Demü­ti­gung der CDU schafft übri­gens nicht die Kanz­le­rin in ihrem Inter­view, sondern ein Gast der anschlie­ßen­den Deu­tungs-Runde des Kanz­le­rin­nen-Orakels. Die Minis­ter­prä­si­den­tin des Saar­lan­des, Frau Kramp-Kar­ren­bauer (CDU), hielt sich nämlich für beson­ders schlau als sie den Unter­schied zwi­schen „16 Jahre Kohl“ und den erwar­te­ten „16 Jahre Merkel“ erklärte und warum letz­te­res so viel besser sei: „…unter Merkel hatte die CDU ver­schie­dene Partner“. Poli­ti­sche Pro­mis­kui­tät und Feig­heit vor Min­der­heits­re­gie­run­gen als Erfolgs­re­zept! Was trinken die eigent­lich auf CDU-Prä­si­di­ums­sit­zun­gen oder bei Anne Will hinter den Kulis­sen? Aber die Lan­des­fürs­tin des Saar­lan­des ver­kün­dete ja auch, dass das Prä­si­dium der CDU Merkels Ent­schei­dung „wohl­wol­lend zur Kennt­nis“ genom­men habe. Der Wein aus dem Saar­land hat ja einen guten Ruf. Aber ich hatte ja keine Ahnung, dass er so gut ist!

Ein Kronprinz ist ein Fluch, kein Kronprinz auch

Noch vier Jahre, oder doch noch acht? Zwanzig Jahre hat noch kein Kanzler der Bun­des­re­pu­blik voll gemacht, das könnte also ein Ansporn sein. Oder eine Frage der Alter­na­tiv­lo­sig­keit. Das Mit­tel­maß regiert in der CDU und bis es aus den Krab­bel­grup­pen der Nach­wuchs­or­ga­ni­sa­tio­nen jemand in Schlag­di­stanz zur ewigen Kanz­le­rin schaf­fen wird, können noch locker fünf bis acht Jahre ver­ge­hen. Angela Merkel wird uns also noch eine ganze Weile erhal­ten bleiben. Was sagen Sie, Rot-Rot-Grün? Schon möglich, aber nur mit Angela Merkel als Kanz­le­rin. Denn das haben wir bei Anne Will gelernt: die Kanz­le­rin ist noch nicht fertig mit uns!

3 Kommentare

  1. 12 Jahre sind ein Haufen Zeit.
    Da muss man sich schon sehr gut über­le­gen, ob man jemand länger im höchs­ten Amt haben will: Hat sie Dinge wirk­lich gut abge­schlos­sen? Macht sie einen fitten Ein­druck? Hat Sie noch ein über­zeu­gen­des Projekt?
    Wenn das alles mit NEIN beant­wor­tet werden muss und trotz­dem keine Alter­na­tive mehr im Haus ist, kommen unwei­ger­lich die Grusel-Argu­mente:
    https://​hin​ter​mbusch​.word​press​.com/​2​0​1​6​/​1​1​/​2​1​/​m​u​t​t​i​-​m​a​c​h​t​-​u​n​s​-​d​e​n​-​s​c​h​r​e​m​pp/

  2. Werter Letsch, haben Sie Dank für Ihren tref­fen­den Kom­men­tar, den ich auf der „Achse” ent­deckt habe. Erlau­ben Sie mir fol­gen­den Hinweis: Das Sub­stan­tiv ‚Schild’ gibt es im Deut­schen mit zwei­er­lei Bedeu­tung, nämlich a) Kenn­zei­chen, Ver­kehrschild usw., in welchem Fall es ein Neutrum ist: das Schild; darüber hinaus ist b) mit Schild ein Gegen­stand gemeint, mit welchem man sich als Krieger seit der Antike bis ins Spät­mit­tel­al­ter hinein vor her­an­flie­gen­den Pfeilen, Speeren und Lanzen sowie Schwert- oder Axt­hie­ben zu schüt­zen ver­suchte – und in diesem Fall ist das Sub­stan­tiv mas­ku­li­nen Geschlechts: der Schild. Sicher­lich kennen Sie den Aus­druck ‚jeman­den auf den Schild heben’ – mit diesem Akt bekun­dete ein zumeist mili­tä­ri­scher Verband, dass einer seiner Anfüh­rer von nun an DER Führer des Ver­ban­des sein sollte… Merke also: DAS Schild ist nicht iden­tisch mit DER Schild. Wollen Sie die Achgut-Zen­trale nicht ver­an­las­sen, diesen Fehler zu besei­ti­gen?

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