Grundstürzende Ereignisse – die guten wie die schrecklichen – haben die Angewohnheit, sich tief ins Gedächtnis einzugraben und unsere ganze räumliche Umgebung gleich mitzunehmen. Jeder, der auch nur ein Fünkchen Sympathie für Israel hat, weiß deshalb, wo er war, als die ersten Nachrichten über die Terroranschläge der Hamas am 7. Oktober 2023 eintrafen. Unterwegs auf der Autobahn zwischen Magdeburg und Berlin sagte ich zu mir selbst „das kann nicht sein!“ Mit der Meldung im Radio konnte einfach etwas nicht stimmen! Die IDF würde doch nie zulassen, … die haben doch sicher … die werden doch … aber die Nachrichten verschlechterten sich von Stunde zu Stunde. Erste Bilder tauchten auf Handys auf. Blut und Bangen, blasse und tränengequälte Gesichter, die sich über Nachrichten von Kindern, Enkeln, Neffen und Nichten in Israel beugten. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so nutzlos gefühlt wie an jenem Abend, an dem wir eigentlich das jährliche Achse-Fest feiern wollten, gemeinsam mit einigen Autoren jenes Buches, das Gegenstand dieses Textes ist. Statt Freude folgte vor drei Jahren eine schlechte Nachricht auf die andere, und ich konnte nicht mal mit ein paar lumpigen Papiertaschentüchern aushelfen, weil ich keine dabei hatte.
Die achtzehn Autoren des Buches „So geschah es. 7. Oktober. Vor aller Augen.“, herausgegeben von Simone Schermann und Chaim Noll, legen nicht nur den Finger in noch offene Wunden, sie gehen auf die Suche auch den Ursachen unserer Verwunderung und unserer ungläubigen Rufe, dass „so etwas“ doch gar nicht sein könne. Denn wie so oft nach Ereignissen jenseits aller Vorstellungskraft schießen die Verschwörungstheorien ins Kraut. Umso schneller, wenn sie sich an die Mutter aller Verschwörungstheorien ansaugen können, an die Legende „vom Juden“, der bei allem, was passiert, die Fäden zieht, selbst dann, wenn es vor allem Juden sind, die zu Opfern werden. Die Frage nach dem Wie und Warum des Terrors vom 7. Oktober ist jedoch beantwortet, und damit die Gewissheit nicht den Relativismen, Verdächtigungen und spitzfindigen Theorien zum Opfer fällt, muss es Bücher wie dieses geben.
„Sie haben uns überrascht, und jetzt zahlen wir den Preis für unsere Selbstzufriedenheit und die inneren Spaltungen. […] Im Gegensatz zur Vergangenheit des jüdischen Volkes wird dieses Massaker seinen Preis haben“, schreibt Jonatan Shay, einer der Autoren, der über seinen Wiedereintritt in die Armee berichtet. Zum ersten Mal nach vierzehn Jahren trägt er wieder Uniform. Wer mag sich vorstellen, welchen Preis er zahlen musste, dessen Einheit mit der Bergung der Opfer der Raketenangriffe der Hisbollah im Norden Israels befasst war? Aus jeder Zeile spricht ein neuer israelischer Realismus gegenüber den Bedrohungen. Eine nüchterne Betrachtung ohne Wunschdenken, zu der man in Europa derzeit gar nicht fähig ist.
Überraschung und Spaltung verfliegen nämlich schnell, wenn die Bedrohung, von der man dachte, sie sei berechenbar und auszuhalten, plötzlich die Tür eintritt. Während man im Westen gern vom „Frieden“ spricht, sagt Jonatan lieber „ruhige Zeiten“, denn das Wort Frieden werde in der Region als Schwäche interpretiert. Und noch etwas Erstaunliches liest man zwischen den Zeilen, nicht nur in Jonatan Shays Beschreibung, sondern in denen aller Autoren, die im Buch eine israelische Innenansicht wiedergeben: Eine böse Vorahnung oder Furcht ist verschwunden. Die Befürchtung, einem drohenden gleichzeitigen Angriff von Hamas, Hisbollah und dem Iran trotz aller selbstbewussten Erklärungen der Armee vielleicht doch nicht gewachsen zu sein. Der 7. Oktober und die folgenden Militäroperationen, die iranischen Raketen, die Raketen der Hisbollah, die Raketen der Huthi, die Hinterhalte der Hamas bewiesen das Gegenteil. Israel hielt stand, der Vorhang der Ungewissheit ist weggezogen worden, und es war der Iran selbst mit seinen Hamas-Helfern, der ihn weggezogen und für Klarheit gesorgt hat. Nur lief das ganz anders, als in Teheran beabsichtigt.
Kein Entkommen, kein Erbarmen, kein Verhandeln oder Erklären
Einen Vorhang ganz anderer Art zieht Simone Schermann mit ihrem Beitrag zum Buch weg, den des Verdrängens. Viele der Schilderungen der Gräuel der Hamas in den Kibbuzim, den Armeestützpunkten und dem Nova-Festival-Gelände, zu Protokoll gegeben von Überlebenden und Rettungskräften, sind bekannt. Sie so komprimiert und sachlich hintereinander weg zu lesen, überfordert mich fast. Viele Schilderungen kenne ich vom Hören, gefiltert und aufbereitet von Journalisten oder der Armee. Bilder und Videos der Ermordeten – sofern sie nicht von den Mördern selbst stammten – waren aus Respekt vor Opfern und zur Schonung des Betrachters verpixelt. Worte lassen sich aber nicht verpixeln. Immer wieder ertappe ich mich beim Lesen dabei, ganze Absätze zu überspringen. Ich muss mich zwingen, all das zu lesen und den Horror im Kopf zu Bildern werden zu lassen. Die Namen, die Grausamkeiten, die irrsinnige Freude der Täter. Es sind Schilderungen, die man dem Leser nicht ersparen kann.
Schermann schildert sehr plastisch, wie sich die Terroristen an den möglichen Fluchtrouten positioniert hatten, um so systematisch Jagd auf die vom Nova-Festival fliehenden Menschen machen zu können. Sie schildert die überall nach gleichen Mustern und systematisch ablaufenden bestialischen Vergewaltigungen und Verstümmelungen, die offensichtlich als Kriegswaffe angewendet wurden. Hier, wie im Delirium des Hasses, fand er tatsächlich statt, der Auftakt zum Genozid, den die Hamas-Versteher heute in der Antwort Israels sehen wollen, als die Armee zur Befreiung der verschleppten Geiseln in den Gaza-Streifen einrückte. Unterschiedslos alle Bewohner der Kibbuzim, alle Besucher des Nova-Festivals und alle Besatzungen der überrannten israelischen Wachposten waren Ziel des Angriffs. Frauen, Kinder, alte Menschen. Kein Entkommen, kein Erbarmen, kein Verhandeln oder Erklären. Keine Menschlichkeit weit und breit.
Doch all der Bilder und Berichte zum Hohn dauerte es keine 24 Stunden, bis sich auf europäischen und amerikanischen Straßen und Plätzen und in Universitäten die ersten „das kann doch nicht wahr sein“ in „es ist nie geschehen“ gewandelt hatten. Wer jemanden kennt, dem in dieser Weise der Kopf verdreht wurde, der schenke demjenigen dieses Buch.
Die von Schermann beschriebene Systematik des Terroranschlags macht deutlich, dass wenn die Munition der Hamas am 7. Oktober gereicht hätte, wenn ihre Kräfte nach all der Mordbrennerei nicht erlahmt wären, wenn nicht zahlreiche Israelis auf eigene Faust und schlecht bewaffnet sich ihnen freiwillig in den Weg gestellt und wenn die israelische Armee nicht nach endlos langen Stunden die Initiative zurückerlangt hätte … die Hamas hätte es an diesem Tag nicht nur bei dem Versuch belassen, einen weiteren Genozid an den Juden zu vollenden. Hätte es dann wohl Worte der Rührung und des Bedauerns gegeben an den Universitäten des Westens, statt sich nach dem Terroranschlag schnell auf die Seite der Mörder zu schlagen, denen Israel zur Belohnung für tausendfachen Mord einen Staat geben solle – am liebsten auch noch den eigenen dazu?
„In der ‚guten‘ Gesellschaft ist es wieder möglich geworden, sich als Antisemit zu outen.“
„Mit der Hinnahme des Hamas-Terrors erfolgt der Abstieg des Westens in die Barbarei, die Abkehr von Humantität und allen höheren Werten.“ Ich teile die Diagnose im Buch, frage mich allerdings, ob von dieser Humanität außer in Sonntagsreden noch viel übrig war, schon bevor die Mordbanden der Hamas Teile Israels überrannten. Unsere „Humanität“ ließ uns 1972 die Olympischen Spiele nach dem Anschlag auf das israelische Olympiateam einfach fortsetzen, und auch wenn mal ausnahmsweise keine Juden betroffen sind, setzten unsere „Humanisten“ seltsame Prioritäten: Auch die Journalisten, die 1988 beim „Gladbecker Geiseldrama“ in der Kölner Fußgängerzone das Fluchtauto der Geiselnehmer umtanzten, interessierten sich mehr für die Ziele der Verbrecher als für das Befinden der vor Angst zitternden Geisel Silke Bischoff. Im Westen wird Humanität gern mit Äquidistanz verwechselt und unsere Unterstützung erhält, wer am glaubhaftesten seine Waffen auf uns richten könnte.
Das Buch spricht aber nicht nur über Opfer und Täter, Eldad Beck steuert eine umfangreiche Dokumentation über die Lage jüdischer Gemeinden in Europa bei, die so ausführlich wie deprimierend ist: „In der ‚guten‘ Gesellschaft, bei den ‚Eliten‘, unter den politisch Korrekten ist es wieder möglich geworden, sich als Antisemit zu outen – wenn man das Wort ‚Jude‘ durch ‚Zionist‘ oder ‚Israeli‘ ersetzt.“
Eskalation und Feigheit ziehen sich leider wie ein roter Faden durch die Stationen in Becks Interviews. Da gibt es nach dem 7. Oktober plötzlich „Komplikationen“ bei der Einrichtung eines Holocaust-Museums in Bosnien-Herzegowina, wo man mit dem Museumsbau warten will, „bis sich die Lage beruhig“ habe. In Belgien will ein Gericht keine Straftat erkennen, wenn ein Schriftsteller schreibt, „jedem Juden, dem er begegnet, ein scharfes Messer in die Kehle rammen“ zu wollen, während über 80 Prozent der antisemitischen Vorfälle dort nicht einmal der Polizei gemeldet werden. Die Betroffenen wissen, dass eine Anzeige sinnlos ist.
Wiederholt begegnet man in Becks Berichten dem Phänomen, dass ihre Lage von jüdischen Gemeinden zwar als schlimm beschrieben wird, aber irgendwie sei sie noch nicht sehr schlimm. Was für feine Abstufungen! Es ist die Fähigkeit (oder der Fluch) der Diaspora, sich wachsendem Druck durch Verhaltensänderungen irgendwie anzupassen, selbst wenn man weiß oder ahnt, die Lage dadurch langfristig eher zu verschlechtern.
„Es war perfekt, ein toter Jude zu sein, aber es ist schlecht, wenn ein Jude zurückschlägt.“
In Israel hat der 7. Oktober solche Tendenzen zur Selbsttäuschung offenbar hinweggefegt. Zu lange hatte man Raketenalarme mit Technologie, Routine, Schutzräumen und dem Langmut des „Es könnte schlimmer kommen“ überspielt. Selbstzufriedenheit nennt es Jonatan Shay im Buch. Ich nenne es die Reste eines übergestülpten eurozentrischen Pazifismus, der sehr generös und bequem ist, wenn man ihn sich leisten kann. Also wenn das Schlimmste, was man als Land von seinen Nachbarn zu befürchten hat, eine Rauferei auf dem Oktoberfest oder ein schiefer Nazivergleich als ultimativer Fluch ist.
Während ich mich im Buch durch die O-Töne und Milljöh-Studien lese, finde ich eine alte Regel bestätigt: Antisemitismus entzieht sich jedem quantifizierbaren Maßstab und kommt sogar ganz ohne Juden aus. Und ist es mit dem institutionalisierten „Kampf gegen Antisemitismus“, der gern gegen die Dämonen der Vergangenheit geführt wird, nicht ebenso? Unsere Politiker beweinen die Toten und fühlt sich von der Angewohnheit der Lebenden gestört, bei der Interpretation der Geschichte und der Lehren, die daraus zu ziehen sind, ein Wörtchen mitreden zu wollen. Oder um Roland Kahns aus den Niederlanden im Buch zu zitieren: „Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Welt sah, was in den Konzentrationslagern geschah, schämten sich die Niederländer zu sehr, um ihren Antisemitismus zu zeigen. Als die Juden an Macht gewannen, kehrte der alte Antisemitismus zurück. Es war perfekt, ein toter Jude zu sein, aber es ist schlecht, wenn ein Jude zurückschlägt.“
„Was uns erschreckt, ist ihr Hass. […] Und dass sich dieser Hass nicht besänftigen lässt. […] Die gnadenlose Vernichtung des Gegners wird trainiert, von klein auf. Natürlich veranlagte Regungen wie Mitgefühl mit Menschen, ganz gleich, ob sie eigene Leute sind oder Fremde, werden durch eine religiös motivierte Verachtung erst delegitimiert und dann adressiert. Grausamkeit gilt als Bestandteil der Kriegs- und Lebenskunst des muslimischen Mannes“, schreibt Chaim Noll über die palästinensischen Nachbarn, und es folgt eine akribische Darstellung der Strukturen und einer Ideologie, die Monster hervorbringt.
Und doch folgt der entsetzten Feststellung keine gedrückte Stimmung wie in der europäischen Diaspora im Buch. Der Kontrast zu Texten der israelischen Autoren im Buch, in denen ein kontinuierlicher Optimismus mitschwingt, könnte kaum größer sein. Man analysiert die Lage, kommt zu Schlussfolgerungen und handelt. Noll weiter: „Um es kurz zu machen: Gnade haben wir von den Glaubenskriegern Allahs nicht zu erwarten. Auch keine Fairness im Kampf oder ähnliche westliche Skrupel. Gegenüber dem verachteten Gegner ist jede Täuschung und Tücke, jeder Hinterhalt, jede Falle und Falschheit erlaubt. Wir leben daher in ständiger Gefahr und sollen es spüren.“
Der Optimismus ist zurück in Israel
Drei Jahre nach den beispiellosen Terroranschlägen zeichnet „So geschah es. 7. Oktober. Vor aller Augen.“ von Schermann, Noll und sechzehn weiteren Autoren eine sehr ambivalente Einschätzung der Lage. In Europa und den USA ist der Antisemitismus wieder auf dem Vormarsch, und es ist nicht der plumpe Prügelnde von Rechtsaußen, vielmehr kleidet er sich in akademische Sprache, definiert Geschichte um, bildet Solidaritätskomitees und führt ständig das Menschenrecht im Munde.
Doch der 7. Oktober hat auch Israel und den Nahen Osten verändert. Aus Jerusalem schaut man nicht mehr nach Europa, um zu erfühlen, ob man dort Bauchschmerzen mit der Art und Weise hat, wie man die Sicherheit der Bevölkerung gewährleistet. Unterstützung ist von dort nicht zu erwarten und auch die der USA ist nicht mehr so bedingungslos wie früher. Angesichts der Bedrohung durch den Iran für die ganze Region tun sich jedoch plötzlich Wege der Kooperation mit den Nachbarn auf, die vor wenigen Jahren noch völlig utopisch klangen. Der Optimismus ist zurück in Israel und er richtet sich auf das Land selbst und seine Stellung in der Region.
Die Aussichten für Europa mögen im Moment trüb erscheinen, die für Israel sind es nicht. Dem Horror folgte nicht die Verzweiflung, sondern der Realismus. Oder um mit den Worten von Artur Abramovych zu enden: „Solange Israel konsequent gegen seine Feinde vorgeht, wird es die einstige Gunst der vom Selbsthass befallenen Linken nicht zurückerobern können. Einen Verzicht auf militärische Erfolge ist diese fragwürdige Gunst schlechterdings nicht wert.“
Mögen wir alle ruhigere Zeiten erleben als die im Buch beschriebenen! Unbedingte Leseempfehlung!
Dieser Beitrag erschien zuerst in der Jüdischen Rundschau.