Dein Schwachpunkt ist eine „Achillesferse“, der Weg durch die Instanzen der Gerichte kann einer „Odyssee“ gleichen, und wer hätte nicht gern einen Mentor oder ließe sich niemals bezirzen? Homers Epen leben als Metaphern im moralischen und linguistischen Betriebssystem der westlichen Zivilisation, ohne dass man sich dessen im Alltag immer bewusst sein muss. Ein gewisses Basisinteresse ist einem Regisseur also sicher, wenn er sich den Gründungsmythen abendländischer Zivilisation zuwendet.

Als sich Wolfgang Petersen 2004 für seinen Film „Troja“ an den Stoff von Homers „Ilias“ machte, nahm man das eher beiläufig und erst im Kino zur Kenntnis. Christopher Nolan konnte für „Die Odyssee“ mit weniger Vertrauensvorschuss rechnen. Zu viel hat Hollywood seinem Publikum in den letzten Jahren zugemutet, hat seine Helden zerstört oder der Lächerlichkeit preisgegeben und ihre Motive bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Auf der Suche nach mehr Inklusion, Diversität und Queerness ist eine ganze Branche ausgrenzend, gleichgeschaltet und verrückt geworden.

Die schon früh bekannten Trailer zu Nolans „Die Odyssee“ ließen genau das erwarten. Lupita Amondi Nyong’o als schwarze Helena, Elliot (früher Ellen) Page als grimmiger griechischer Krieger – das übertreibende Gerücht machte Page gleich zum Achilles – divers genug ist ein Cast erst dann, wenn jede Erwartung enttäuscht, jede Vorstellung im Kopf der Rezipienten negiert und lächerlich gemacht ist. Man kann das woke nennen oder „progressiv“, doch dieser Trend zieht sich wie ein roter Faden durch alle darstellenden Künste und ist nichts als ein Ausdruck der Einfallslosigkeit. Objekt der Kunst ist heute der Betrachter und die Reaktion, die sie in seinem Gesicht erzeugen kann. Aktionskünstler werfen mit Butter oder baden in Urin. Kein Theater kommt noch ohne Blut und Exkremente aus, und das Kino, wo all das sowieso zuhause ist, muss die Hauptfiguren brechen und als ihr ganzes Gegenteil wieder zusammensetzen. Wer sich im Publikum empört oder auch nur zuckt, gehört nicht dazu.

Doch weder die Besetzung der Helena (und deren Halbschwester Klytämnestra) mit Nyong’o noch die eines griechischen Soldaten mit Page sind das skeptische Hochziehen einer Augenbraue wert. Nicht darunter leidet der Film. Die Rolle des Sinon, den Nolan sich wohl aus Vergils Aeneis ausgeborgt hat, verbindet Anfang und Ende der Erzählung ganz gut und es gibt auch kein albernes, unglaubwürdiges Schwertgefuchtel von Ellion Page. Also, vergesst Helena und Sinon, vergesst die Trailer. Der Film hat ganz andere Probleme.

Überwältigungskino mit Monstern aus dem Digitalzoo

Die größten davon heißen „Schuld“ und „manichäische Weltsicht“ der woken Postmoderne, die ihre verurteilenden Blicke selbst auf Mythen aus grauer Vorzeit noch durch die Brille eines queer-feministischen Proseminars werfen muss. Nichts hat Bestand vor diesem Blick, alles muss umgedeutet, dekonstruiert und entzaubert werden. Odysseus schleppt sich eher durch die Handlung, als dass er sie bestimmt. Wie Aeneas seinen alten Vater trägt Odysseus einen Sack voller Schuld und schlechtem Gewissen aus den brennenden Trümmern Trojas. Natürlich war es falsch, die Stadt anzugreifen. Natürlich trägt Odysseus die größte Schuld, weil er die Idee mit dem Pferd hatte. Natürlich dient jede List des Odysseus nur der Aufrechterhaltung des Partriarchats und der Unterdrückung der Frau. Natürlich ist das alles aber auch postfaktisch, besserwisserisch und sterbenslangweilig.

Matt Damon findet erst in den letzten Minuten ins eigenständige Handeln und treibt die Geschichte voran, als er seinen moralischen Rucksack mal ablegen und sich nach der Heimkehr mit den lästigen Freiern in seinem Palast befassen darf. Für einen Moment – und es ist wirklich kaum mehr als eine Sekunde – blitzt dann sogar Nolans Fähigkeit auf, den Betrachtern Schauer über die Rücken zu jagen. Ich will hier nicht spoilern, deshalb nur so viel: Odysseus’ Bogen ist der Gegenstand, den Nolan dafür benutzt. Wer den Film gesehen hat, wird den Moment erkannt haben.

Der Plot hält sich ziemlich genau an die Stationen der Reise aus Homers Legende, und es sind zweifellos cineastisch gelungene Szenen dabei. Doch ist das letztlich Überwältigungskino mit Monstern aus dem Digitalzoo. Nolan hält es offenbar nicht mal für nötig, Szene und Publikum mit einem konsistenten Soundtrack zusammenzuhalten. Stattdessen ein Klangteppich aus dem Metallbaukasten. Da dröhnt und zischt und klirrt es, saugt den Protagonisten das Leben aus und fungiert im Hintergrund als fleißiger Schuldverstärker. Nur in den Begebenheiten auf der Insel der Circe hätte es dafür der Klänge gar nicht bedurft, denn dass der woke Zeitgeist aus der Verwandlung der Crew des Odysseus in Schweine die Feststellung machen würde, dass sie ja sowieso schon welche sind, war doch irgendwie erwartbar. Die Minuten dauernde Mensch-Schwein-Metamorphose der Männer unter der formenden Hand der Zauberin, die schon mal bis zum Ellenbogen in deren Hälsen steckt, geben dem latenten Hass der Diversity-Priester auf alles Männliche ordentlich Zucker.

Dafür schreibt man die Rolle der Circe neu – von der mächtigen, Schicksale von Menschen und Göttern beeinflussenden mythologischen Figur zur wehrlosen, verängstigten Frau, die von Odysseus Männern nur das Schlimmste zu erwarten hat, was dann deren Folter und Verwandlung rechtfertigt. Da ist sie wieder, die wertende Elle der Gegenwart, angelegt auf die Gewänder der Mythologie. Und die Gegenwart gewinnt immer, nichts findet vor ihrem Allwissen Gnade. Jeder Krieg ist vermeidbar, jede Gewalt ist illegitim, die Welt teilt sich in Opfer und Unterdrücker, Frauen und Männer, arm und reich, schwarz und weiß, jeder Schurke ist sich seiner Schändlichkeit und dem Urteil der Nachwelt voll bewusst. Die Götter sind tot, abwesend oder nur mäßig am Treiben der Menschen interessiert wie Zendaya, die in der Rolle der Athene gelegentlich mit Odysseus spricht.

Hollywood ist ideenlos, müde und seiner selbst überdrüssig

Drei Stunden älter verlasse ich das Kino mit versteinerter Miene und stelle fest, dass selbst das Popcorn zuhause besser schmeckt. Hollywood ist ideenlos, müde und seiner selbst überdrüssig geworden. Eine Handvoll Filmemacher und ein paar mehr Schauspieler, die sich mit Prequels und Sequels selbst kopieren und politisch opportune Narrative wiederkäuen. Da läuft im Vorprogramm der Trailer für den letzten Teil der Dune-Trilogie, natürlich mit Zendaya, die wir gleich in „Die Odyssee“ sehen werden. Als nächstes ein Trailer für den hundertundachzigsten Aufguss von „Spiderman“ mit Tom Holland als Peter Parker, den wir gleich im Film als Odysseus‘ Sohn Telemachus erleben. In der Rolle der Mary Jane, der Freundin von Peter Parker: Zendaya, die gleich ihren Auftritt als Athena haben wird. Man verlässt das Kino, und wer lächelt da vom hauswandhohen Plakat für das Sequel von „Der Teufel trägt Prada“ herab? Anne Hathaway alias Penelope, die gerade noch die Frau des Odysseus war.

Das Dilemma ist selbstverstärkend. Ohne die großen Namen bekommt man die Investoren und das Geld nicht zusammen. Durch die großen Stars werden die Filme immer teurer, die Rollen verschwinden hinter den Namen der Stars. Man sieht nicht Odysseus, Penelope oder Calypso, sondern Matt Damon, Anne Hathaway oder Charlize Theron. Statt fesselnder Geschichten sollen Besetzungslisten die Zuschauer in die Kinos bringen, und ich bin nicht sicher, dass das langfristig gelingt.

Nolans „Odyssee“ hat wohl etwa 250 Millionen Dollar Produktionskosten verschlungen, rechnet man das weltweite Marketing mit ein, darf man diese Zahl für die Gesamtkosten üblicherweise verdoppeln. Die reinen Produktionskosten hat der Film schon in der ersten Woche eingespielt, er wird also kein Flop werden, so viel ist sicher. Und auch ich bin gern bereit, über viele befremdlichen Details hinwegzusehen. Etwa dass die griechischen Inseln auf Odysseus Reise wirken, als lägen sie irgendwo in Schottland oder die Rüstung des Agamemnon vom selben Schneider zu stammen scheint, der schon Nolans „Bat Men“ ausstattete.

In den fast drei Stunden kann gut unterhalten werden, wer es schafft, die Achillesferse des Westens, auf die Nolan zielt, im Kopf gut abzuschirmen. Nämlich sich selbst, seinen Ahnen, kollektiven Mythen und Helden die Schuld an sämtlichen Übeln dieser Welt auf die Schultern zu laden. Wer hingegen solche Versuche begrüßt, wird von dem Film begeistert sein. Wer sie nicht ausblenden kann oder will, sollte diesen Lotus besser nicht essen und Nolans Insel der Calypso meiden.

Zuerst veröffentlicht auf achgut.com

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