Woher haben Journalisten nur diese Obsession für Plastikmüll in Verbindung mit der Grillsaison? „Die nächste Grillsaison soll ohne Einwegplastik stattfinden“ titelt die FAZ und erinnert an das im nächste Jahr in Kraft tretende Verbot von Einweg-Plastik. „Ob Plastikgabeln für das Picknick oder Plastikstrohhalme für den Kindergeburtstag: Wegwerfprodukte wie diese sollen vom 3. Juli 2021 an nicht mehr verkauft werden dürfen.“ Ich weiß, an den Ufern von Main oder Isar mag das ein Problem sein, aber das liegt einerseits an den Menschen, die den Müll dort hinterlassen und andererseits an den großstädtischen Umständen. Vierter Stock, Altbau, kein Fahrstuhl (aber soo schöne, hohe Stuckdecken!), „Auto brauchen und wollen wir nicht“, „Wir machen alles mit dem Fahrrad und Öffis, wir sind schließlich umweltbewusst“ – logisch, dass man da nicht mit Tante Liesels gutem Goldrand-KPM und dem 100 kW Gasgrill „Krakatoa“ anrollen kann, Pappe und Plastik sind fahrradfreundlicher.

Der Müll bleibt am Isarstrand liegen und zurück in der Wohnung spült man für den nächsten Arbeitstag dann wieder den Mehrweg-Coffee-to-go-Becher lauwarm aus, weil man selbstverständlich auf Energieverbrauch und Umweltfreundlichkeit achtet! Es sei denn, man lebt eben nicht in München oder Frankfurt sondern auf dem Land.

Unser Grillgeschirr war nie aus Pappe, sondern aus Porzellan. Unser Besteck besteht niemals aus Plastik, sondern aus Edelstahl und der Kartoffelsalat kommt nicht von Homann und aus Wegwerf-Plastikdosen, sondern in einer Glasschüssel aus der Küche. So geht Grillsaison! Ganz Wegwerfplastikfrei, immer schon. Sucht euch doch bitte mal ein anderes, allgemeiner zutreffendes Feindbild, liebe FAZ-Redakteure.

Einwegplastik-Strohhalme auf Kindergeburtstagen?

Ich gebe außerdem zu bedenken, dass man schwerlich von „Single Use“ sprechen kann, wenn jeder Strohhalm nach seiner Erstverwendung zum Schlürfen von Himbeerbrause zur zweiten Nutzung den Rhein hinab in die Nordsee schwimmt, um dort eine Robbe zu töten. Das sind ja dann immerhin schon zwei Anwendungsfälle. So dramatisch stellen es uns die Panikverbreiter von der Verbotsfront ja gern dar, obwohl der überwältigende Anteil des Plastikmülls in den Weltmeeren gerade nicht aus europäischen, sondern aus chinesischen und indischen Flüssen kommt. Ja ja, ich weiß schon, was jetzt kommt: „Jeder einzelne Strohhalm im Rhein ist einer zu viel!“ – aber genau diese kompromisslose Form von kategorischem Imperativ, die jedem politischen Aktionismus und jeder Ideologie innewohnt, hat uns auch in die aktuelle Corona-Zwangslage gebracht.

Aber lassen wir das für den Moment, denn folgendes ist noch klarzustellen: Was die Reinhaltung der Meere angeht, hake ich mich (zwar zähneknirschend, aber freiwillig) sogar bei Hofreiter und Baerbock unter und verfolge begeistert jede Idee, das Plastik, das in den Ozeanen nichts verloren hat, zu entfernen oder gleich ganz zu vermeiden.

Das bevorstehende Plastikverbot in der EU erinnert mich jedoch in seiner Sinnlosigkeit an den Mann, der nachts unter einer Laterne am Boden kniet und seine Schlüssel sucht. Ein anderer Mann kommt hinzu und fragt „Sind Sie sicher, dass Sie die hier verloren haben?“ – „Nein, da drüben. Aber da ist es zu dunkel zum Suchen!“ Das Verbot von Einwegplastik in Europa ist genauso nutzlos. Dort, wo es hingegen tatsächlich in gewaltigen Mengen anfällt, schaut die EU weg.

Und noch was, liebe FAZ…glaubt ihr ernsthaft, dass deutsche Kinder, die in der Schule lernen, dass CO2 ein Gift ist, die Plastik für Teufelszeug halten und die zwar kaum etwas über Energieerhaltungssätze, Energieeffizienz oder Photosynthese lernen, aber bereits die zweite Klasse mit einem Diplom „richtiges Lüftung, Mülltrennung und Energiesparen“ verlassen, heute noch Plastikstrohhalme auf ihren Geburtstagspartys dulden? Die saugen ihre Himbeerbrause doch längst aus ökologisch katastrophal schlechteren Bambusröhrchen, auch wenn sie so nach Zimt oder Gras oder sonstwas schmeckt oder sie schlagen sich an „Glasstrohhalmen“ die Zähne aus. Plastikstrohhalme würde Generation „Kindergeburtstag 2020“ nur noch verwenden, um ihren unbelehrbaren Eltern die Augen auszustechen – was sie natürlich am Ende doch nicht tun, denn wer soll sie denn sonst freitags im SUV zur F4F-Demo fahren.

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3 Kommentare

  1. Zu diesem Thema einen kurzen Schwank aus dem realen Leben. Ich hatte für meinen Junior als schnellen Snake ein paar Fertignudelramen bei einem großen bekannten Versandhändler bestellt. Es ging um exakt 10 Stück, was vom Volumen einem mittelgroßen Schuhkarton entspräche. Was soll ich sagen, sie kamen alle einzeln, in 10 großen Versandtaschen. Ich brauchte übrigens kein Porto und Versand bezahlen. Der Preis einer Packung betrug 60 cent. Wer will mir da etwas vom Pferd erzählen???

  2. Psst, ein Tip für die Zukunft: die Apitheke Ihres Vertrauens kann Plastikstrohhalme künftig bestimmt unter einem Namen wie „Einnahmerohr“ oder ähnlichem bestellen.
    Klingt komsich, ist aber so – denn dafür werden sie nun mal (auch) gebraucht, falls man/frau/elefant aus welchen Gründen auch immer nicht ohne Hilfsmittel sein wohlverdientes Feierabendgetränk schlürfen kann.
    Wahrscheinlich aber kostet ein einzelner Strohhalm, pardon, ein einzelnes spezielles Hilfsmittel dann aber soviel, dass man/frau/elefant sich für dasselbe Geld jetzt noch einen Hundertjahresvorrat Strohhalme, pardon, Kindergeburtstagspartyutensilien zulegen könnte. Und falls Bedarf besteht wohl auch sollte.
    Das nennt sich wohl Fortschritt.

    • „denn dafür werden sie nun mal (auch) gebraucht, falls man/frau/elefant …“

      Elefant benötigt keinen oralen Saccharoselösungs-Applikator, der hat ’nen eingebauten.
      DAS nennt man „nachhaltig“!

      (Hmm, vielleicht DIE Idee für eine Innovaton in der plastischen Chirurgie: Die elefantöse Rhinoplastik!)

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