Ges­tern hat­te einer der groß­ar­tigs­ten Tex­te der Mensch­heit Geburts­tag: die ame­ri­ka­ni­sche Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung. Es darf des­halb als pein­li­che Pos­se betrach­tet wer­den, dass das Zitat einer der Pas­sa­gen die­ses Tex­tes bei Face­book – einem ame­ri­ka­ni­schen Unter­neh­men wohl­ge­merkt – als „Hass­re­de“ gelöscht wur­de. Pein­lich, pein­lich! Und schnell kor­ri­giert. Wer konn­te auch ahnen, dass ein Algo­rith­mus, der trai­niert ist, die Wor­te jedes Sat­zes los­ge­löst vom Kon­text zu einer Quer­sum­me der „poli­ti­cal cor­rect­ness“ zusam­men­zu­zie­hen, los­ge­las­sen auf his­to­ri­sche Tex­te, sol­che Ver­hee­run­gen anrich­tet! Wir hät­ten dies wis­sen kön­nen! Ja, müs­sen! Denn es spielt kei­ne Rol­le, wem man das Amt des Zen­sors über­trägt. Ent­schei­dend ist, dass es einen sol­chen nicht geben darf. Schlimm ist, dass es am Ver­ständ­nis für der­lei „Zen­sur­pan­nen“ nicht fehlt. Denn Jef­fer­sons Wort­wahl „Indian Sava­ges“ (india­ni­sche Wil­de) zu tadeln, hal­ten nicht weni­ge für rich­tig. Selbst bei der auf die­se Wei­se zen­sier­ten Zei­tung “The Vindicator*”.

„Hät­te Tho­mas Jef­fer­son „Urein­woh­ner Nord­ame­ri­kas in einer schwie­ri­gen Pha­se der kul­tu­rel­len Ent­wick­lung“ geschrie­ben, wäre das viel­leicht bes­ser gewe­sen“, meint man dort. Lei­der habe Jef­fer­son – wie vie­le ande­re zu sei­ner Zeit – kei­nen „ganz freund­li­chen Blick“ auf die Urein­woh­ner gehabt. „Und wenn man ganz ehr­lich ist, gibt es in der Pas­sa­ge eini­ge Din­ge, die man für hass­erfüllt hal­ten könn­te“, heißt es wei­ter. Das schmeckt schon ziem­lich bit­ter nach Ver­ständ­nis für Zensur.

Dum­mer­wei­se lässt sich Jef­fer­son für das trig­gern poli­ti­scher Befind­lich­kei­ten im 21. Jahr­hun­dert nicht mehr zur Ver­ant­wor­tung zie­hen. Aber man kann ihn tadeln, an sei­ner Gesin­nung zwei­feln und so nach­träg­lich alles, was er und sei­ne Zeit­ge­nos­sen schu­fen, für null und nich­tig erklä­ren. Denn heu­te lässt man ein­fach kei­nen ande­ren Kon­text zu als jenen, der die eige­nen Nar­ra­ti­ve der Gegen­wart abbil­det. Und so geht man mit der Axt durch die Geschich­te zurück bis zu deren Anfän­gen, um mora­li­sche Urtei­le nach­träg­lich zu exe­ku­tie­ren, für die man nicht befä­higt oder gar zustän­dig ist. Es ist die voll­ende­te Anma­ßung, im Besitz des rich­ti­gen mora­li­schen Maß­stabs zu sein. Und so wird es nicht mehr lan­ge dau­ern, bis die Neo-Puri­ta­ner bei Mat­thä­us im neu­en Tes­ta­ment anlan­gen, um in der Berg­pre­digt die Wen­dung „selig sind, die da geis­tig arm sind“ durch „intel­lek­tu­ell Her­aus­ge­for­der­te“ zu ersetz­ten und Jesus fol­ge­rich­tig zum Feind von Gleich­stel­lung und Inklu­si­on erklärt wird. (Der Strolch wag­te es sogar, Lah­me und Leprö­se zu hei­len, anstatt sie so zu lie­ben, wie sie eben waren und gleich­be­rech­tigt unter sei­ne Jün­ger zu mischen. Er war wohl noch dazu ein unver­bes­ser­li­cher “Body Negativist”.)

Der Ver­such, die eige­nen Moral­vor­stel­lun­gen in die Unend­lich­keit von Ver­gan­gen­heit und Zukunft aus­zu­deh­nen, ist übri­gens nicht neu. In der deut­schen Restau­ra­ti­on nach den Napo­leo­ni­schen Krie­gen, als die Mei­nungs­frei­heit ein­ge­schränkt, die Zen­sur wie­der ein­ge­führt und die Fürs­ten­herr­schaft gefes­tigt wur­de, gab es ver­gleich­ba­re Bestre­bun­gen der Geschichts­klit­te­rei. So schrieb Lud­wig Bör­ne fol­gen­de Wor­te über den Zen­sor Jar­ke, der in Met­ter­nichs Auf­trag im „Poli­ti­schen Wochen­blatt“ tabu­la rasa mit der reni­ten­ten Geschich­te machte:

„Die­ser Jar­ke ist ein merk­wür­di­ger Mensch. Man hat ihn von Ber­lin nach Wien beru­fen, wo er die hal­be Besol­dung von Gentz [Fried­rich von Genz] bekömmt. Aber er ver­dien­te nicht deren hun­derts­ten Teil, oder er ver­dien­te eine hun­dert­mal grö­ße­re – es kömmt nur dar­auf an, was man dem Gentz bezah­len woll­te, das Gute oder Schlech­te an ihm. Die­sen katho­lisch und toll gewor­de­nen Jar­ke lie­be ich unge­mein, denn er dient mir, wie gewiß auch vie­len andern, zum nütz­li­chen Spie­le und zum ange­neh­men Zeit­ver­trei­be. Er gibt seit einem Jah­re ein poli­ti­sches Wochen­blatt her­aus. Das ist eine unter­hal­ten­de Came­ra obscu­ra; dar­in gehen alle Nei­gun­gen und Abnei­gun­gen, Wün­sche und Ver­wün­schun­gen, Hoff­nun­gen und Befürch­tun­gen, Freu­den und Lei­den, Ängs­te und Toll­kühn­hei­ten und alle Zwe­cke und Mit­tel­chen der Mon­ar­chis­ten und Aris­to­kra­ten mit ihren Schat­ten hin­ter­ein­an­der vor­über. Der gefäl­li­ge Jar­ke! Er ver­rät alles, er warnt alle. Die ver­bor­gens­ten Geheim­nis­se der gro­ßen Welt schreibt er auf die Wand mei­nes klei­nen Zim­mers. Ich erfah­re von ihm und erzäh­le jetzt Ihnen, was sie mit uns vor­ha­ben. Sie wol­len nicht allein die Früch­te und Blü­ten und Blät­ter und Zwei­ge und Stäm­me der Revo­lu­ti­on zer­stö­ren son­dern auch ihre Wur­zeln, ihre tiefs­ten, aus­ge­brei­tets­ten, fes­tes­ten Wur­zeln, und blie­be die hal­be Erde dar­an hän­gen. Der Hof­gärt­ner Jar­ke geht mit Mes­ser und Schau­fel und Beil umher, von einem Fel­de, von einem Lan­de in das ande­re, von einem Vol­ke zum andern. Nach­dem er alle Revo­lu­ti­ons­wur­zeln aus­ge­rot­tet und ver­brannt, nach­dem er die Gegen­wart zer­stört hat, geht er zur Ver­gan­gen­heit zurück. Nach­dem er der Revo­lu­ti­on den Kopf abge­schla­gen und die unglück­li­che Delin­quen­tin aus­ge­lit­ten hat, ver­bie­tet er ihrer längst­ver­stor­be­nen, längst­ver­wes­ten Groß­mutter das Hei­ra­ten; er macht die Ver­gan­gen­heit zur Toch­ter der Gegen­wart. Ist das nicht toll? Die­sen Som­mer eifer­te er gegen das Fest von Ham­bach. Das unschul­di­ge Fest! Der gute Ham­mel! Der Wolf von Bun­des­tag, der oben am Flus­se soff, warf dem Scha­fe von deut­schem Vol­ke, das wei­ter unten trank, vor: es trü­be ihm das Was­ser, und er müs­se es auf­fres­sen. Herr Jar­ke ist Zun­ge des Wol­fes. Dann rot­tet er die Revo­lu­ti­on in Baden, Rhein­bay­ern, Hes­sen, Sach­sen aus; dann die eng­li­sche Reform­bill; dann die pol­ni­sche, die bel­gi­sche, die fran­zö­si­sche Juli­us­re­vo­lu­ti­on. Dann ver­tei­digt er die gött­li­chen Rech­te des Don Miguel. So geht er immer wei­ter zurück. Vor vier Wochen zer­stör­te er den Lafay­et­te, nicht den Lafay­et­te der Juli­re­vo­lu­ti­on, son­dern den Lafay­et­te vor fünf­zig Jah­ren, der für die ame­ri­ka­ni­sche und die ers­te fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on kämpft. Jar­ke auf den Stie­feln Lafayette’s her­um­krie­chen! Es war mir, als sähe ich einen Hund an dem Fuße der größ­ten Pyra­mi­de schar­ren, mit dem Gedan­ken, sie umzu­wer­fen! Immer zurück! Vor vier­zehn Tagen setz­te er sei­ne Schau­fel an die hun­dert­und­fünf­zig­jäh­ri­ge eng­li­sche Revo­lu­ti­on, die von 1688. Bald kömmt die Rei­he an den älte­ren Bru­tus, der die Tar­qui­nier ver­jagt, und so wird Herr Jar­ke end­lich zum lie­ben Got­te selbst kom­men, der die Unvor­sich­tig­keit began­gen, Adam und Eva zu erschaf­fen, ehe er noch für einen König gesorgt hat­te, wodurch sich die Mensch­heit in den Kopf gesetzt, sie kön­ne auch ohne Fürs­ten bestehen. Herr Jar­ke soll­te aber nicht ver­ges­sen, daß, sobald er mit Gott fer­tig gewor­den, man ihn in Wien nicht mehr braucht. Und dann Adieu Hof­rat, Adieu Besol­dung. Er wird wohl den Ver­stand haben, die­se eine Wur­zel des Ham­ba­cher Fes­tes ste­hen zu lassen.“**

Die Tat­sa­che, dass wir heu­te die Gen­zens und Jar­kes nicht mehr brau­chen, um Zen­sur zu üben, weil die­ses schmut­zi­ge Hand­werk auto­ma­ti­siert wer­den kann, macht alles nur noch schlim­mer. Den Rücken Jar­kes konn­te noch der ver­ba­le Stock sei­ner Zeit­ge­nos­sen tref­fen, zumal er in ver­ba­len Schlä­ge­rei­en geüb­te Geg­ner wie Bör­ne hat­te. Unse­re heu­ti­gen Zen­so­ren müs­sen ihre Anony­mi­tät jedoch nicht mehr ver­las­sen. Es macht ein­fach kei­nen Spaß, einen Com­pu­ter zu verdreschen.

 

* “The Vin­di­ca­tor” ist auf­grund der Daten­schutz­be­stim­mun­gen der EU in sel­bi­ger nicht auf­ruf­bar. Eine VPN-Ver­bin­dung ist nötig. Die Moral­wäch­ter und Daten­be­schüt­zer in Brüs­sel, sie leben hoch, hoch, hoch!

** aus: „Lud­wig Bör­ne“, 4. Buch, (Hein­rich Heine)

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8 Kommentare

  1. Viel­leicht schlägt Poes Gesetz bei mir zu (NICHT Edgar Allen Poe, Nathan Poe), aber die Pas­sa­ge mit den Urein­woh­nern an einem schwie­ri­gen Punkt ihrer kul­tu­rel­len Ent­wi­ckung habe ich für Iro­nie gehal­ten, die auto­ma­ti­sier­te Zen­sur aufspießt?

  2. Roger, aber hal­lo, in der Bibel (Luther) steht: “ selig sind, die da geist­Lich arm sind..“ Das ist ganz was anders wie “geis­tig arm“. Kein sehr gelun­ge­nes Beispiel..

    • Selig sind vor allem jene, die eine Brief­waa­ge dabei haben, denn ihnen wird voll ein­ge­schenkt wer­den. Oder so ähnlich. 😉

      • Dum­me Fra­ge: Macht die­ses “Bea­ti pau­pe­res spi­ri­tu” über­haupt irgend­ei­nen Sinn? Also die latei­ni­sche Vul­ga­ta-Phra­se lässt sich auch über­set­zen mit “Geseg­net vom Geist sei­en die Armen”. Aber das Mat­thä­us-Evan­ge­li­um ist grie­chisch. Viel­leicht sind im Grie­chi­schen die Geseg­ne­ten geist­lich oder geis­tig arm.

        • Na ja, die Chris­ten gehen zum Glück und im Gegen­satz zu gewis­sen ande­ren nicht von der gött­li­chen Quel­le ihrer Tex­te aus. Da ist folg­lich viel Spielraum. 😉

    • Aber mal im Ernst: klar, ich habe das Zitat etwas ver­än­dert. Der Kon­text lässt sich jedoch, auf die Zeit Luthers bezo­gen, auf das­sel­be her­un­ter­bre­chen. Bil­dung = Geist­LICH = GeistICH. Dass wir dan­ke der Auf­klä­rung heu­te “Geis­tig” von “Geist­lich” tren­nen, ist natür­lich pri­ma. Im Text muss­te ich also etwas schum­meln und ver­kür­zen, damit das Bild noch funk­tio­niert. Aber: Cha­peau, gut aufgepasst!

  3. Aus­ge­zeich­ne­ter Artikel.
    Mir gefällt auch sehr die Iro­nie im ers­ten Sternchen. 🙂

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