Von der Freiheit der Interpretation

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In Schulungen für Telefonmarketing lernt man Fragen zu vermeiden, die auf der anderen Seite schnell und eindeutig mit ja oder nein beantwortet werden können. Unsere täglichen Entscheidungen versuchen wir nach Möglichkeit auf ja oder nein zu reduzieren – die Hose passt, oder nicht. Das Essen schmeckt, oder eben nicht. Die Bibel ist hier auch eindeutig: „Eure Rede sei  ja, ja – nein, nein. Alles andere ist von übel“. Was aber, wenn man die Frage nicht versteht oder die Konsequenzen, die sich aus einer Antwort ergeben, allzu schrecklich sind?

Die Frage, die heute im griechischen Referendum mit ja oder nein beantwortet werden soll, wird offensichtlich von fast jedem Griechen anders gedeutet, anders interpretiert. Jedem ist offensichtlich klar, dass die eigentliche Frage im Referendum eine Frage aus der Vergangenheit beantworten soll. Beinahe so als wolle man darüber abstimmen ob man gestern Weiß- oder Rotwein zum Fisch trinken solle. Vorbei, Geschichte. Also deutet man die Frage kurzerhand um, jeder gerade so, wie es ihm in die Argumente und das Weltbild passt. Die einen verbinden mit ihrem „JA“ oder „NEIN“ die Vertrauensfrage für oder gegen die Regierung. Andere sagen ja oder nein zum Euro, der EU, neuen Rettungspaketen. Am kreativsten finde ich Teile der Nein-Kampagnen, die heute schlicht Begriffe abwählen wollen wie Erpressung, Demütigung, Austerität, Bevormundung, Schäuble oder gleich Deutschland.

Wäre ich Grieche und hätte die Wahl, ich würde die Frage so interpretieren: Wer soll am 6.7. zu erneuten Verhandlungen nach Brüssel fahren: NEIN für Tsipras, JA für jemand anderes.

Bargeld ist Wahrgeld, Freiheit, unverzichtbar!

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In verschiedenen Ländern Europas wird seit einiger Zeit und immer mal wieder der Versuch unternommen, ein angebliches Relikt aus der Vergangenheit abzuschaffen: Das Bargeld. Für den Euroraum gibt es angeblich Überlegungen, dies bereits 2018 zu tun.

Natürlich wird uns das nicht als Verlust verkauft, es werden – ähnlich wie bei der Einführung des Euro – die Vorteile hervorgehoben. Der Euro erleichtert uns ja angeblich das Geldausgeben im Urlaub, weil nichts mehr umgerechnet werden muss und dem unbedarften Urlauber das Schleppen von Lira-Bündeln und Peseten-Haufen erspart bliebe. Nun wissen wir aber, dass es zum Urlaubserlebnis gehört, mit fremder Währung zu bezahlen und Preise zu vergleichen. Und wer möchte schon bei einem Ägypten-Urlaub auf die nützlichen 1$-Noten verzichten, wenn es das all überall fällige Bakschisch zu entrichten gilt und die Ägypter nur Scheine akzeptieren? Andere Währungen sind also durchaus nützlich, nicht zuletzt erzählen sie uns viel über das Selbstverständnis des ausgebenden Landes und dessen Geschichte. Aber zurück zum Versuch, uns das Bargeld als solches „madig“ zu machen. Was steckt dahinter?

Hauptargument der Befürworter der Abschaffung von Schein und Münze ist die Bekämpfung von Schwarzarbeit und Kriminalität. Gern werden auch die Kosten für den Bargeldverkehr ins Feld geführt. Beide Argumente sind leicht zu entkräften: Die Nennung des Begriffs Online-Kriminalität genügt bereits um festzustellen, dass die Kriminellen immer schon zwei Schritte weiter sind, als es Staat und Wirtschaft vermuten. Firmen wie  Amazon, Apple und Google zahlen auch nicht deshalb so wenig Steuern, weil sie große Mengen Bargeld beiseiteschaffen. Uns, den Verbrauchern, dem Plankton in der Zahlungskette würde es aber in Zukunft viel schwerer fallen, ein paar Euro von Oma oder den Zehner für den Nachbarn für die Urlaubsvertretung beim Blumengießen „einfach so“ zu bewegen. Haben sie schon mal darüber nachgedacht, wieviel Euro sie pro Jahr am Fiskus vorbei einnehmen oder ausgeben? Unabsichtlich natürlich, schon allein wegen der Beiläufigkeit und der geringen Mengen? Micro-Ökonomie, Tauschgeschäfte, Nachbarschaftshilfe, ein paar Münzen für den Akkordeonspieler, den Bettler oder die DGzRS*…sie würden sich wundern! Für sie selbst mögen 100 oder 200 Euro im Jahr nicht viel ausmachen. Aber was ist mit dem Bettler, der DGzRS oder dem Akkordeonspieler? Wollen sie letzterem zukünftig im Vorbeigehen per Bluetooth einen Euro überweisen? Wird aus seinem Smartphone ein „klimper, klimper“ ertönen, wenn die Transaktion beendet ist? Und haben sie schon mal einem sieben Jahre alten Kind Taschengeld auf ein Girokonto überwiesen, damit es lernt, mit Geld umzugehen? Wäre da noch die Schwarzarbeit. Aber auch hier gilt: Bargeld lässt sich zwar vor dem Fiskus verbergen, wer aber richtig Steuern hinterziehen will, braucht Konten für Buchgeld – wo genau, sei ihrer Phantasie überlassen.

Kosten verursacht bargeldloses Bezahlen übrigens auch! Allein die Kosten für die zahlreichen Sicherheitskonferenzen, auf denen sich IT-Spezialisten die Köpfe darüber zerbrechen, wie sie Hackerangriffe abwehren können…und die ganze Infrastruktur muss auch jemand bezahlen. Raten sie mal, wer!

Ich seh‘ in deine Konten, Kleines!

Wer im Internet surft, sucht oder kauft, hinterlässt Spuren. Wertvolle Spuren! Von einer Bar-Auszahlung am EC-Automaten wissen zunächst nur der Automatenbetreiber und ihre Bank. Das Geld, was sie dann in den Händen haben, unterliegt zwar auch der allgemeinen Inflation, kann aber nicht negativ verzinst werden. Sein Nennwert ist konstant. Wenigstens das haben wir nach Beendigung des Bretton-Wood-Systems noch beibehalten. Im Fiskalsystem zwischen Banken und Bundesbank oder EZB gibt es bereits Strafzinsen auf Einlagen – wer sagt, dass so etwas für Privatpersonen nicht auch eingeführt werden kann? Für eine Regierung wie die deutsche, die bei jeder Gelegenheit „private Vorsorge“ und „ausgeglichener Haushalt“ ruft, grenzt es übrigens an Schizophrenie, den Menschen das Sparen zu vermiesen indem sie auf jede Sparform den Finger legt. Einspruch, werden machen sagen. Sparen und Bargeld abschaffen – das sind zwei völlig verschiedene Dinge! Abgewiesen, sind sie nicht!

Wer in Deutschland jemals in die Lage kommt, „Hartz4“ beantragen zu müssen, der weiß, dass zunächst alle Sparkonten, Versicherungen, privaten Altersvorsorgeprogramme usw. zu verbrauchen sind, bevor es etwas aus der Hartz-Kasse gibt. Vorsorge? Unwichtig! Unmittelbaren Zugriff  auf ihr privates Vermögen hat der Staat und seine Behörden aber nur auf alles, was NICHT in Bar existiert. Derselbe Staat, der das Rentenkonto eines Hartz4-Emfägers plündert, wird diesem Menschen bei Renteneintritt kopfschüttelnd sagen, dass er hätte privat vorsorgen müssen.

Nun wird der eine oder andere Leser einwenden, dass der Staat so schlimm doch gar nicht sei (nicht mal der deutsche Staat) und dass ich hier nur den Teufel an die Wand malte. Wie wär‘s dann mit folgendem Beispiel: Sie haben einen offenen Rechtsstreit mit einer Firma,  Behörde oder vielleicht dem Finanzamt über Zahlungen, die von ihnen gefordert werden. Sie wiedersprechen, es handele sich um einen Irrtum – und vielleicht ist es wirklich einer! Vielleicht hat jemand ihre Online-Identität gekapert und kauft nun auf ihre Rechnung ein? Vielleicht irrt sich ein Finanzbeamter bei der Interpretation von Fristen, vielleicht ist ein Komma bei der Überweisung „verrutscht“…was, wenn ihr Konto plötzlich unberechtigterweise und überraschend leer, überzogen, gepfändet und/oder gesperrt ist? Am Freitag, beim Wochenendeinkauf werden sie das merken – so will es das Gesetz der maximalen Schweinerei! Dann, wenn sie sich nirgends beschweren können, Proteste nichts bringen und ein Wochenende, eine Feier oder eine Urlaubsreise vor ihnen liegen. Spätestens dann werden sie sich fragen, warum sie gegen die Abschaffung des Bargeldes nicht auf die Straße gegangen sind.

Großer Schein, böser Schein

Wann haben sie zuletzt einen 500 Euro Schein in der Hand gehabt? Was haben sie damit gekauft, was sie nicht besser und sicherer per Überweisung oder Kreditkarte hätten bezahlen konnten? Kennen sie Geschäfte, in denen sie mit diesen Scheinen zahlen können? Ein häufiges Argument für die Abschaffung des Bargeldes ist, das über ein Drittel der Bargeldsumme im Euroraum in Form von diesen 500 Euro Scheinen zirkuliert – oder versteckt ist. Und das obwohl man im täglichen Leben damit fast NICHTS anfangen kann. Das ist aber eher ein Argument für die Abschaffung dieser nutzlosen Banknote, nicht aber des gesamten Bargeldes. Große Geldmengen lassen sich mit diesen Banknoten platzsparend aufbewahren oder schmuggeln – aber das wusste man bereits bei der Einführung des Euro im Jahr 2001. Es mag im 20. Jahrhundert die Notwendigkeit von 1.000 DM oder 5.000 SF Banknoten gegeben haben, weil der bargeldlose Zahlungsverkehr noch in den Kinderschuhen steckte. Heute aber sind 500 oder 200 Euro Noten nicht mehr nötig, Argumente zur Abschaffung des Hunderters ließen sich auch finden. Mehr nicht.

So lange ist es noch nicht her, dass die Deutschen besser daran getan hätten, ihrem Staat und seiner Führungsriege nicht zu vertrauen. Es kann jederzeit und überall zu Verwerfungen kommen, die vielleicht an der Spitze des  Landes verursacht wurden, aber am anderen Ende der Pyramide als dürre Suppe ausgelöffelt werden müssen. Wer das nicht glaubt, schaue nach Griechenland und frage sich, warum die Menschen dort nicht mehr den Zahlen auf ihren Kontoauszügen, wohl aber den Scheinen in ihren Brieftaschen vertrauen.

Fazit

Bisher läuft die Entwicklung zwar weg vom Bargeld,  hin zu elektronischen Zahlungsmitteln, es gibt aber noch keinen Zwang. Beide Zahlungsarten ergänzen sich. Die komplette Abschaffung des Bargeldes wäre Zwang. Die Menschen müssten und würden andere Methoden finden, ihre Privatsphäre auch im elementaren, täglichen Leben zu schützen, um sich dem orwell‘schen Zugriff des Staates zu entziehen.

 

*Die DGzRS, also die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, so viel sei den Lesern der küstenarmen Alpen erklärt, finanziert sich ausschließlich über Spenden. Ein großer Teil davon kommt in Form kleiner Münzen zusammen. Die Spardosen in Form eines Schiffchens stehen vielerorts in Deutschland in Geschäften und Kneipen.

 

Griechenland in der „Demokritie“

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Worüber sollen die Griechen am 5.7. eigentlich abstimmen? Über ein Sparprogramm, das nicht mehr vorliegt? Über Rettungsgelder, die längst verfallen sind? Über Reformvorschläge, die keiner kennt und welche die Regierung Griechenlands ablehnt? Tsipras stellt sein Volk vor eine Wahl, die es nie hatte um Wahlversprechen zu erfüllen, die er nie hätte machen dürfen. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass diese links/rechte Gurkentruppe keine Regierung, sondern eine Katastrophe für Griechenland ist, wurde er heute erbracht.

„Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“ – Sprach Demokrit im 4. Jhd. v. C.

Vielleicht hätte man besser auf Heraklit gehört, der sagte:

„Richtiges Bewusstsein ist die größte Tugend, und Weisheit ist es, Wahres zu sagen und zu handeln nach der Natur, auf sie hinhörend.

Rette mich wer kann!

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Nun also doch. Tsipras bringt sich in Sicherheit, indem er ein Referendum durchführen lässt, bei dem er das griechische Volk über nichts weniger als den Verbleib im Euro abstimmen lässt. Das sagt er zwar nicht so explizit, er stellt die Frage anders: „Wollt ihr den totalen Sparkurs?“ und fügt gleich noch hinzu „Also ich will den auf keinen Fall!“.

Nicht dass ich hier falsch verstanden werde, das nun geplante Ausscheiden aus dem Euro halte ich für das Beste, was Griechenland derzeit tun kann. Die erratischen Handlungen der griechischen Regierung um das Ausscheiden herbeizuführen sind es, die mich fassungslos machen. Die Ankündigung des Referendums samt der Empfehlung mit Nein zu stimmen hat für klare Verhältnisse gesorgt. Für klar chaotische Verhältnisse. Es ist als hätte der Chefmeteorologe zur besten Sendezeit einen gigantischen Sturm angekündigt und  anstatt die Bevölkerung zur Ruhe zu gemahnen gesagt, er werde nun noch mal schnell einen Supermarkt plündern, weil ja morgen eh alles kaputt sei.

Das  wirklich schlimme an der Situation in Griechenland ist, das die Tsipras-Regierung nach dem Sturm immer noch an der Macht sein wird. Denn es wird das Volk gewesen sein, das Volk und die „Institutionen“, die den Grexit (der nun eher ein Graccident wird) verursacht haben werden. So zumindest wird Tsipras das der Welt verkaufen. Griechenland wird danach zwar mit einer geeigneteren Währung, aber ohne eine fähige und mutige Regierung, ohne Konzepte, ohne Reformen und ohne Freunde dastehen.

Ich ging noch vor einer Woche davon aus, dass die griechische Regierung sich nochmal so irgendwie durchschummelt und Reformlisten unterschreibt, die sie nie vor hat umzusetzen. Die Gläubiger würden jubeln obwohl  sie genau das auch wissen und zähneknirschend Geld nach Athen überweisen. Nun, es kommt offenbar anders.

Liebe Griechen,

wenn ihr am 5.7. zu den Urnen geht, um dem „Sparkurs“ eine Absage zu erteilen, denkt an Kalifornien!  Stellt euch vor, die Bürger dort hätten die Nase voll davon, Wasser sparen zu müssen (mehr als 25% pro Jahr) und würden die Wasserhähne wieder voll aufdrehen, weil sie die Demütigungen der örtlichen Wasserversorger nicht mehr ertragen können. Wasser ist leider eine endliche Ressource. Genau wie Geld und Geduld.