Fotojournalismus in der Flüchtlingskrise
Fotojournalismus in der Flüchtlingskrise

Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal einem Foto nicht trauten? Ich meine nicht die üblichen Selfies oder Urlaubsbilder, auf denen man immer zu dick erscheint oder blöd guckt. Nicht das lustige Foto in Ihrem Führerschein – besonders, wenn es noch ein grauer oder roter ist. Auch nicht den wie üblich mit Photoshop aufgehübschten Bilder in Hochglanzmagazinen. Ein paar Krähenfüße weniger bei der Beauty-Prinzessin von Neunzehnhundertschwarzweiss, ein sanft zurück geschubstes Speckröllchen beim französischen (Ex)Präsidenten … das sind kaum noch Aufreger. Nein, ich spreche von den Bildern, die von der internationalen Empörungs- und Mitleidindustrie seit einiger Zeit wie am Fließband produziert werden.

Der Fotojournalismus ist ja ein Kind des 20. Jahrhunderts. Erst als die Kameratechnik hinreichend entwickelt war, lohnte es sich, Fotografen an die Brennpunkte der Berichterstattung zu schicken. Es hat schon früh den Versuch gegeben, durch extrem einseitige und selektive Berichterstattung bei Freund und Feind möglichst viel Wirkung zu erzielen – erinnert sei nur an Göbbels Propagandaministerium. Später, etwa im Vietnamkrieg, versuchte die amerikanische Armee das Ausmaß der Kriegsführung auch durch Bilder „Mainstream-kompatibel“ zu machen – was aber durch die parallele unabhängige Berichterstattung durch US- und anderen Medien ein wirksames Korrektiv hatte.

Sicher kennt jeder einige Bild-Ikonen des Fotojournalismus. Etwa das Bild der GI’s, die auf Iwojima die US-Flagge aufrichten, oder den Soldat der Roten Armee, der dies auf dem Reichstag mit der sowjetischen Flagge tat oder das nackte vietnamesische Mädchen, das schreiend und von Napalm verbrannt auf einer Straße vor den Flammen flieht. So unterschiedlich diese Bilder auch sind, sie haben eines gemein: Sie sind authentisch, zufällig und lassen nichts weg. Belichtung, Blickwinkel und Bildausschnitt beruhen auf technischen Gegebenheiten, sie Szene ist nicht gestellt. Zugegeben, der Rotarmist hatte für die gewünschte Wirkung zu viele Armbanduhren am Handgelenk, die wurden später wegretuschiert – Stalins Spezialisten waren Pioniere in Sachen Fotoretusche – aber sonst … die Kernaussagen sind echt.

Sieht man heute die Bilder verzweifelter Flüchtlinge, fällt aber zum Beispiel auf, dass überproportional viele Frauen und Kinder abgebildet werden. Nicht umsonst heißt es ja bei der Rettung Schiffbrüchiger „Frauen und Kinder zuerst“. Ich merke gerade, dass dies ein schlechter Vergleich ist. Bedeutete dies doch nach meinem Verständnis auch, dass es zunächst mal die Frauen und Kinder hätten sein müssten, denen man den Weg in die Freiheit bei Schleppern erkauft. Andere Länder, andere (Un)sitten. Wir kennen natürlich die wirklichen Zahlenverhältnisse. Aber unsere Kollegen hinter den Kameras, das wissen wir natürlich, wollen besonders viel Mitleid erzeugen – und das geht mit Frauen und Kindern natürlich besser als mit bärtigen Männern. Stellen Sie sich vor, liebe Leser, eines Tages wäre das Warzenschwein vom Aussterben bedroht – das arme Tier hätte total verschissen, weil es einfach keine starke Lobby zusammen bekäme. Auf Fotografen jedenfalls könnte es nicht hoffen!

Wenn ich nun Bilder aus dem griechischen Idomeni sehe, verdreckte Kinder, weinende Frauen vor Stacheldraht, Säuglinge, die über dem Schlamm aus Wasserflaschen gebadet werden…all das Elend, das uns die Bilder verkaufen, werde ich misstrauisch. Denn da ich weiß, dass niemand, absolut NIEMAND gezwungen ist, dort zu sein und in Dreck und Kälte hinter Stacheldraht zu leben, frage ich mich, wer von dieser geschmacklosen und menschenverachtenden Inszenierung profitiert. Wer nur ermuntert diese Menschen, den illegalen Grenzdurchbruch in Richtung Mazedonien und weiter nach Deutschland als ihr verbrieftes Recht zu betrachten?

Bekannte Bildsprache

Fotojournalismus in Palästina
Fotojournalismus in Palästina (Foto: Lizas Welt)

Und da fällt mir ein, dass ich solche oder doch zumindest ähnliche Bilder schon mal irgendwo gesehen habe. Und das verblüffende ist, das die Bilder auch dort in derselben manipulativen Art verwendet werden. Ich spreche von den palästinensischen Autonomiegebieten und dem Gazastreifen.

Seit Jahrzehnten tobt dort ein Krieg der Bilder, Behauptungen und Beschuldigungen, seit Jahrzehnten verkaufen Hamas und Fatah der Welt ihre perpetuierte Opferrolle, während sie ihre Kinder vorsätzlich in Perspektivlosigkeit halten. Unvergessen bleibt mir der Versuch der Hamas aus dem Jahr 2006, mit Hilfe von Fotojournalisten und gestellten Bildern der Welt die Mähr vom totalen Stromausfall in Gaza zu verkaufen. Gut, dass in solchen Momenten nicht nur Scheuklappenträger wie Todenhöfer vor Ort sind, sondern auch echte Journalisten wie Urich W. Sahm, der von diesem „merkwürdigen Stromausfall“ berichtet (hier einige Fotos zur Erinnerung).

Nicht viel anders verhält es sich mittlerweile in Idomeni, wo sich neben tausenden Flüchtlingen auch hunderte Fotografen aufhalten, um im richtigen Augenblick das perfekte Bild zu machen. Auf dem vom „Kommando Norbert Blüm“ provozierten Treck und besonders am Fluss waren die Fotografen in der Mehrheit – und hatten auch noch für sich selbst die seichtesten Stellen im Fluss ausgesucht, wohl aus Angst um ihre teure Ausrüstung. Was dachten die lieben Kollegen Fotografen bei der Nachricht, dass auch Menschen bei der Aktion ums Leben kamen? Womöglich „verdammt, warum war ausgerechnet jetzt der Akku leer“? Brauchen wir mehr Bilder von toten Kindern am Strand? Gibt es einen Wettbewerb unter Fotografen, mit dem Hammer die Betroffenheit wie auf dem Jahrmarkt bis nach ganz oben zum Glöckchen zu treiben? Ein sehr unschönes Klingeling, denn nach einem solchen Ton ist nur noch Schweigen. Es gibt keine nach oben offen Betroffenheitsskala.

„Die Bilder lügen nicht!“ werden die Fotografen vielleicht einwenden. Aber wenn durch geschickt gewählten Bildausschnitt Teile der Wahrheit weggelassen werden, zeigt das eine große moralische Flexibilität. Andererseits wissen die Weglasser und Nur-in-eine-Richtung-Gucker sehr genau was moralisch sagen wir mal „ein G’schmäckle“ hat. Anders als 1988 in Gladbeck sorgten sie 2016 in Idomeni dafür, zumindest bei der Veröffentlichung nicht mit in Bild und Ton zu geraten, wenn das Unheil seinen Lauf nimmt. Ähnlich wie 1988 sind sie jedoch wieder Teil der Logistik und der Inszenierung. Genau wie 1988 konnte es ihnen gar nicht furchtbar genug zugehen am Tatort.

Was dem Korrespondenten in Idomeni Stacheldraht, Schlamm und Grenzdurchbruchversuche sind, sind dem Korrespondenten in Palästina Grenzmauer, „militante Siedler“ und Intifada. Hier wie da blendet man im Dienst der Betroffenheitsindustrie alles aus, was hinter der perfekt inszenierten Kameraeinstellung liegt oder nicht ins Bild passt, das man im Kopf schon fertig hat. Hier wie da sorgt eine Armee von NGO’s und Stichwortgebern aus der Politik dafür, dass Fakten und Ursachen irrelevant werden. Kein Wort darüber, dass es in beiden Fällen die Kinder sind, die das unverantwortliche Verhalten ihrer Eltern ausbaden müssen. In Idomeni werden sie durch ihre Eltern dazu gezwungen, im Dreck zu leben und dann auch noch formatfüllend in die Kamera gehalten. In Palästina vergiften ihnen bereits die Eltern den Verstand mit antisemitischer Propaganda, lassen sie mit Messern auf wehrlose Passanten los oder in TV-Kindersendungen „tötet alle Juden“ singen.

Sowohl in Idomeni als auch in Palästina projizieren die Eltern ihr grandioses Versagen beim Schutz ihrer Kinder auf andere, um in ihrer Opferrolle zu verharren. Hier sind die mazedonischen und griechischen Behörden, dort sind wie immer die Israelis Schuld an allem Elend. An beiden Orten kam es schon nach kurzer Zeit zu einer unheilvollen Symbiose zwischen den Akteuren vor uns hinter den Kameras. An beiden Orten kehren die Kameraleute nach getaner Arbeit in ihre warmen und komfortablen Hotels zurück um sich in Bett und Bar auf die nächste Inszenierung vorzubereiten. Man braucht einander, man profitiert voneinander. Ohne verdreckte Kinder keine wirksamen Gruselbilder, ohne Gruselbilder keine Erfolgversprechende Erpressung weiter nördlich gelegener europäischer Staaten. Mitleid für Klicks, Klicks für Geld, Geld für Mitleid.

Und diese Es ist nun auf dem Weg nach hause, auf den Weg nach Europa – denn hier wurde es geboren. Aufgewachsen unter der Obhut zahlreicher NGO’s, genährt von als Toleranz getarnter Ignoranz und gebadet in multikulti-bunt getünchtem deutschem Sündenstolz.

Welcome home, Palästina-Syndrom!

 

Nachtrag: Ja, es stimmt noch einiges mehr nicht mit dem Bild des Rotarmisten auf dem Dach des Reichstages. Denn da die Szene eigentlich nachts stattfand und die Fahne nur improvisiert an einem Rohr befestigt wurde, stellte man die Szene kurzerhand nochmal nach (hier die Geschichte des Bildes ). Allerdings ist auch der Welt hier ein Fehler unterlaufen – es war die Fahne der Sowjetunion, nicht die Russlands.

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