YouTube

Mit dem Laden des Videos akzep­tieren Sie die Daten­schutzerk­lärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Es gibt Men­schen, die möchte ich nur zu gern mal an bei­den Schul­tern pack­en, kräftig schüt­teln und ihnen dabei tief in die Augen sehen. Nur um festzustellen, wie leicht sich die Murmeln dahin­ter in Bewe­gung set­zten lassen. Ein heißer Kan­di­dat dafür ist Vítor Con­stân­cio, der Vizepräsi­dent der EZB, aus dem der Spiegel ein Inter­view her­aus­geschüt­telt hat. Die dabei her­aus­gepurzel­ten Glas­murmeln möchte ich ihnen nicht voren­thal­ten. Con­stân­cio zeigte sich näm­lich verblüfft, dass die Deutschen die aktuell niedri­gen Zin­sen nicht nutzen, um mehr Schulden zu machen. Alle machen das, nur die Deutschen nicht. Über­all kaufen die EU-Bürg­er ihre Immo­bilien auf Pump, nur die Deutschen wollen ein­fach nicht mit­machen. Über­haupt ist der por­tugiesis­che EZB-Vize unzufrieden mit den Deutschen:

„Dieser strik­te Ansatz [Respekt vor Regeln, Anm. d. Autors] hat aber in Krisen­zeit­en auch eine Schwäche, umso mehr, wenn eine rasche und flex­i­ble* Reak­tion notwendig ist.“ 

Wir ler­nen: in Krisen­zeit­en muss man flex­i­bel sein. Was vor allem bedeutet, sich Geld zu bor­gen, wenn man keins hat. Nun gibt es das Sprich­wort „Schulden muss man sich leis­ten kön­nen“, welch­es besagt, dass man nur die Schulden haben sollte, deren Kosten man tra­gen kann. Die taumelig niedri­gen Zin­sen geben die Banken näm­lich logis­cher­weise nicht bedin­gungs­los an ihre Kun­den weit­er. Eine Zins­bindung von zehn Jahren ist das Äußer­ste, was man bekom­men kann. Wohin die Reise danach geht? Ungewiss. Find­et man im Ern­st­fall eine Bank zur Umschul­dung? Auch ungewiss. Die Immo­bilien­preise sind außer­dem in Deutsch­land ger­ade in den let­zten drei Jahren auf­grund weg­brechen­der Alter­na­tiv­en zum Beton­gold der­art durch die Decke gegan­gen, dass die Zin­sen gar nicht so sehr lock­en kön­nen, wie die Preise abschrecken.

Die Zinslüge

Die Erin­nerung an die gigan­tis­che Pleite auf dem amerikanis­chen Häuser­markt vor zehn Jahren ist noch gut im Gedächt­nis, eben­so die Beben, die in Por­tu­gal, Griechen­land und ins­beson­dere Spanien Banken und Baupro­jek­te wie die Fliegen ster­ben ließen. Alles kred­it­fi­nanziert, alles auf Sand gebaut, alle Träume geplatzt. Dass ein­er der EZB-Fürsten nun glaubt, wenn die Deutschen mehr wie die Spanier wären und mehr auf Kred­it kaufen wür­den, wären wir der Ret­tung schon etwas näher, ist lediglich ein Beleg dafür, dass er an das ewige Leben nach dem Tod glaubt, keines­falls jedoch ein Beleg für seinen Sachver­stand. Die deutschen Banken indes sind etwas schlauer als die Magi­er der EZB und vergeben keine NIN­JA-Dar­lehn (No Income, No Job), son­dern behar­ren doch tat­säch­lich und betrieb­swirtschaftlich nachvol­lziehbar auf Einkom­men­snach­weisen und einem gewis­sen Eigenkap­i­tal-Anteil, der noch dazu für einen Immo­bilienkauf deut­lich höher ist, als es zur Grün­dung ein­er Bank nötig wäre. By the way wäre die Chance auf Ret­tung bei finanzieller Not­lage im Falle ein­er Bank auch höher. Doch man traut dem Brat­en in Deutsch­land nicht, denn der Duft der niedri­gen Zin­sen ist ein trügerisch­er und kün­stlich ist er noch dazu. Die Kopfnote riecht unan­genehm nach staatlich­er Reg­ulierung und Druck­er­presse und die Basis­note aus Mark­t­fäul­nis kommt immer stärk­er durch.

Wie sagte Con­stân­cio doch so schön, man muss „flex­i­bel sein“? Die Flex­i­bil­ität ist aber schnell dahin, wenn Kred­ite, die auf Kante genäht sind, sich plöt­zlich ver­teuern. Das geht Staat­en genau­so wie Pri­vatleuten. Doch während die Eurolän­der ihre notlei­den­den Papiere der EZB in die Keller schieben kön­nen, hat der Pri­vat­mann, der sich mit ein­er echt­en Bank auseinan­der­set­zen muss, deut­lich weniger Glück. Es sein denn, Herr Con­stân­cio möchte uns durch die Blume ein gigan­tis­ches Aufkauf­pro­gramm von pri­vat­en Hypotheken ankündi­gen. Das wäre natür­lich der per­fek­te Anreiz, noch ein Stock­w­erk und ein weit­eres Kel­lergeschoss zu bauen ­– kostet dann ja nix!

Bleibt noch die Frage, wo das geforderte Eigenkap­i­tal herkom­men soll, dass man in den Taschen haben muss, wenn man zur Bank geht, um einen Kred­it zwecks Immo­bilienkauf zu erlan­gen. Nir­gends in Europa (außer in Bel­gien) ist die Steuer­last so hoch wie in Deutsch­land. Nir­gends ist auch eine gekaufte Immo­bilie so unsich­er, wie in Deutsch­land, wo es im Falle von Job­ver­lust und dro­hen­dem sozialen Absturz üblich ist, zunächst das Eigen­tum wie ein Pfef­fer­kuchen­haus selb­st zu ver­speisen, bevor der Staat, der ange­blich gut gewirtschaftet hat, ein But­ter­brot schmiert. Nun kommt als näch­stes die Plas­tik­s­teuer und Zarin Angela die Einzi­gar­tige denkt bere­its laut über eine Daten­s­teuer nach – die Taschen des Bürg­ers leeren sich also schon auf dem Weg zur Bank unaufhör­lich weit­er. Wenn dann noch Grun­der­werb­s­teuern, Grund­s­teuer und Notarkosten bezahlt wer­den müssen und die Gemeinde vielle­icht die Idee hat, hin­ter ihrem Haus eine weit­ere Straße zu bauen und ihnen dafür weit­ere Erschließungskosten in Rech­nung stellen kann, über­legen sie sich vielle­icht noch mal, ob sie wirk­lich zur Bank oder doch lieber ins Reise­büro gehen soll­ten. Die Deutschen sind Reisewelt­meis­ter, weil ihnen der Staat und die EU sys­tem­a­tisch das Anle­gen und Sparen ver­dor­ben haben. Und während in Frankre­ich oder Griechen­land wochen­lange Streiks üblich sind und die Wirtschaft zusät­zlich läh­men, kön­nen sich – zum Glück für die EU – deutsche Steuerzahler (und hier sind aus­drück­lich Arbeit­ge­ber und Arbeit­nehmer gemeint) man­gels Reser­ven Streiks gar nicht leis­ten. Da hat die EZB aber noch mal Glück gehabt!

Bankenunion und verdorbene Muscheln

Übri­gens sieht auch Con­stân­cio, wen wundert’s, in der Haf­tungs­ge­mein­schaft aller Euro-Banken natür­lich eine ein­fache, gute Idee. Die Beze­ich­nung „Banke­nunion“ führt allerd­ings in die Irre. Fusion­iert wer­den hier nicht die Banken, son­dern die Risiken.

„Man sollte meinen, dass die Banke­nunion die ein­fach­ste dieser Refor­men wäre. Es bräuchte dazu vor allem noch die Ein­führung eines gemein­samen Europäis­chen Ein­la­gen­sicherungssys­tems, damit die Erspar­nisse von Bankkun­den im Falle ein­er Bank­in­sol­venz auf europäis­ch­er Ebene abgesichert sind. Das würde das Ver­trauen in den Euro zusät­zlich stärken, weil unser Geld nun mal im Wesentlichen aus Bankein­la­gen besteht.“

Con­stân­cio liegt falsch, doch wie macht man ihm das begrei­flich? Ich ver­suche es mal mit einem Ver­gle­ich, den sich­er jed­er Por­tugiese ver­ste­hen würde. Nehmen wir an, es gäbe einen Haf­tungsver­bund für alle Köche, die das por­tugiesis­che Nation­al­gericht „Amêi­joas à Bul­hão Pato“ – Venus­muscheln mit Zwiebeln und Knoblauch in Weißwein – zubere­it­en. Jed­er Koch zahlt dieselbe Ver­sicherung­sprämie, ganz gle­ich wie sorgfältig er arbeit­et oder wie häu­fig er seine Gäste mit ver­dor­be­nen Muscheln vergiftet. Jedem Gast wird ver­mit­telt, dass es über­all gle­icher­maßen sich­er sei, sein Brot in den Weißwein­sud zu tunken. Im Hin­ter­grund agiert die Ver­sicherung und räumt die Schä­den auf, im Vorder­grund kön­nen alle Köche, die guten wie die schlecht­en, mit densel­ben Kon­di­tio­nen wer­ben. Ich finde ja, jed­er Koch sollte für seine eige­nen Kün­ste Rede und Antwort ste­hen. Ein Muschel-Restau­rant, dass wegen Schlam­perei schließen musste, ist für das Funk­tion­ieren des Mark­tes eben­so erhol­sam, wie eine geschlossene Bank, die sich durch Fehlein­schätzun­gen oder unfähige Köche Banker zu viele Risiken ins Port­fo­lio geladen hat. Eine Banke­nunion wäre, genau wie eine Venus­muschel-Union, nicht die ein­fach­ste, son­dern die ver­heerend­ste aller denkbaren Refor­men. „Und die Gäste der Restau­rants?“ rufen die Zwei­fler. „Wer schützt die Gäste vor ver­dor­be­nen Muscheln, wenn es keine Ver­sicherung gibt, die für alle Risiken haftet?“ — nun, wie wäre es, wenn die Gäste wieder ihre Nasen trainieren und benutzen, wie sie das seit Jahrhun­derten erfol­gre­ich getan haben?

Ende Mai schei­det der Por­tugiese Con­stân­cio aus der EZB aus, sein Nach­fol­ger wird ein Spanier, näm­lich der bish­erige spanis­che Wirtschaftsmin­is­ter Luis de Guin­dos. Er darf sich mein Gle­ich­nis natür­lich mit Pael­la denken, das Ergeb­nis ist immer eine flächen­deck­ende Fischvergiftung.

 

* Zu welch­er Flex­i­bil­ität über­schuldete Staat­en in der Lage sind, kon­nten wir soeben in Ital­ien bewun­dern. Während die Koali­tionsver­hand­lun­gen zwis­chen Lega und Cinque Stelle den Wäh­lern einen der­ar­ti­gen Gol­dregen aus Wün­schdirwas ver­sprachen, als wür­den das Sams, die Zah­n­fee und Gan­dalf gemein­sam einen Kinderge­burt­stag aus­richt­en, kassierte Staat­spräsi­dent Mattarel­la, bevor es zum Schwur kam, gle­ich die ganze Wahl und bes­timmte, dass Mc Gyver übernehmen soll. Solche Flex­i­bil­ität ist natür­lich vor­bildlich und drin­gen auch für Deutsch­land anzustreben. 

Vorheriger ArtikelArtikuliert euch besser!
Nächster ArtikelDie gleichen Fragen: Erklärung 2018 und BAMF-Untersuchungsausschuss

4 Kommentare

  1. Seit der Euro-Ein­führung bis heute hat sich das EWU-BIP um den Fak­tor 1,4 ver­größert und die Gesamt­in­fla­tion in diesem Zeitraum war 23%, während die Zen­tral­bank-Geld­menge (Bargeld plus Zen­tral­bankguthaben der Geschäfts­banken) im gesamten Euro-Raum von 400 Mrd. € auf 2,2 Bio. € aus­geweit­et wurde (Fak­tor 5,5). Die Umlauf­fre­quenz des Euros hat sich somit im Durch­schnitt um 5,5 / 1,4 / 1,23 = ca. 3,2 ver­ringert. Ursache für den immer langsameren Gel­dum­lauf ist der durch die Sachkap­i­talver­mehrung in den let­zten zwei Jahrzehn­ten all­ge­mein gesunkene Kap­i­tal­mark­tzins, der in Verbindung mit ein­er schle­ichen­den Infla­tion (angestrebt wer­den bis 2% / Jahr) als destruk­tive Geldumlauf“sicherung” in der (noch) beste­hen­den Zins­geld-Ökonomie (zivil­isatorisches Mit­te­lal­ter) unverzicht­bar ist. Wir näh­ern uns also unaufhalt­sam dem evi­dent wer­den der glob­alen Liq­uid­itäts­falle (Geld­still­stand), da eine weit­ere umfassende Sachkap­i­talz­er­störung (Drit­ter Weltkrieg) zur Anhebung des Zins­fußes auf­grund der atom­aren Abschreck­ung (vor­erst) nicht zur Debat­te steht. 

    Wirk­lich alter­na­tiv­los, um einen Rück­fall in die Steinzeit (“Mad-Max-Szenario”) noch rechtzeit­ig zu ver­hin­dern, ist eine frei­wirtschaftliche Geld- und Boden­re­form, als Grund­vo­raus­set­zung für die Natür­liche Wirtschaft­sor­d­nung (echte Soziale Marktwirtschaft):

    https://www.deweles.de/mut.html?file=files/_theme/pdf/soziale_marktwirtschaft.pdf

    Der einzige Hin­derungs­grund für diesen eigentlichen Beginn der men­schlichen Zivil­i­sa­tion ist nicht tech­nis­ch­er, son­dern rein psy­chol­o­gis­ch­er Natur. Denn nach 3200 Jahren irra­tionalem Geschwätz zuerst von jüdis­chen und dann auch von katholis­chen und islamis­chen Priestern ist dem “mod­er­nen Nor­mal­bürg­er” die freie Mark­twirtschaft (Paradies) ohne Pri­vatkap­i­tal­is­mus (Erb­sünde) in so weite Ferne gerückt, dass es “vol­lkom­men unmöglich” erscheint, “den Einen unsterblichen Schand­fleck der Men­schheit” (das “Chris­ten­tum” nach Niet­zsche) nicht zum sprich­wörtlichen, son­dern zum wahren “Him­mel auf Erden” (Nach­frage äquiv­a­lent Ange­bot) umzugestalten: 

    https://www.deweles.de/phantasie.html?file=files/_theme/pdf/himmel_auf_erden.pdf

    “Ich finde die Zivil­i­sa­tion ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfan­gen, sie auszuprobieren.” 

    Arthur C. Clarke

    Nur “jemand” ist zuwenig; es muss schon ein ganzes Volk sein…

    http://opium-des-volkes.blogspot.com/2018/06/zivilisationsbeginn.html

  2. Zu der Venus­muschel-Union fällt mir noch ein: Wenn ein Koch in der Union keinen Nachteil davon hat, wenn er ver­dor­bene Muscheln serviert, warum soll­ten sich die anderen Köche dann noch die Mühe machen, sich immer um frische Muscheln zu bemühen?

  3. Na ich weiß ja nicht ob das erstrebenswert ist, wenn ein Monar­chen-ähn­lich­er Präsi­dent, nach­dem er seine Direk­tiv­en aus Berlin und Brüs­sel abge­holt hat, den Willen des ital­ienis­chen Sou­veräns mit einem Fed­er­strich weg­wis­cht! Was hat das mit Demokratie zu tun? Genau. Nichts.
    Wenn das Wahlergeb­nis nicht paßt, dann wird ein­fach die Min­is­terliste abgelehnt! Fer­tig. So geht Dik­tatur — und die haben wir in Deutsch­land schon längst. Mit anzus­treben­der Flex­i­bil­ität hat das Null und Nichts zu tun.

Kommentarfunktion ist geschlossen.