Es gibt Men­schen, die möchte ich nur zu gern mal an beiden Schul­tern packen, kräftig schüt­teln und ihnen dabei tief in die Augen sehen. Nur um fest­zu­stel­len, wie leicht sich die Murmeln dahin­ter in Bewe­gung setzten lassen. Ein heißer Kan­di­dat dafür ist Vítor Con­s­tân­cio, der Vize­prä­si­dent der EZB, aus dem der Spiegel ein Inter­view her­aus­ge­schüt­telt hat. Die dabei her­aus­ge­pur­zel­ten Glas­mur­meln möchte ich ihnen nicht vor­ent­hal­ten. Con­s­tân­cio zeigte sich nämlich ver­blüfft, dass die Deut­schen die aktuell nied­ri­gen Zinsen nicht nutzen, um mehr Schul­den zu machen. Alle machen das, nur die Deut­schen nicht. Überall kaufen die EU-Bürger ihre Immo­bi­lien auf Pump, nur die Deut­schen wollen einfach nicht mit­ma­chen. Über­haupt ist der por­tu­gie­si­sche EZB-Vize unzu­frie­den mit den Deut­schen:

Dieser strikte Ansatz [Respekt vor Regeln, Anm. d. Autors] hat aber in Kri­sen­zei­ten auch eine Schwä­che, umso mehr, wenn eine rasche und fle­xi­ble* Reak­tion not­wen­dig ist.“

Wir lernen: in Kri­sen­zei­ten muss man fle­xi­bel sein. Was vor allem bedeu­tet, sich Geld zu borgen, wenn man keins hat. Nun gibt es das Sprich­wort „Schul­den muss man sich leisten können“, welches besagt, dass man nur die Schul­den haben sollte, deren Kosten man tragen kann. Die tau­me­lig nied­ri­gen Zinsen geben die Banken nämlich logi­scher­weise nicht bedin­gungs­los an ihre Kunden weiter. Eine Zins­bin­dung von zehn Jahren ist das Äußerste, was man bekom­men kann. Wohin die Reise danach geht? Unge­wiss. Findet man im Ernst­fall eine Bank zur Umschul­dung? Auch unge­wiss. Die Immo­bi­li­en­preise sind außer­dem in Deutsch­land gerade in den letzten drei Jahren auf­grund weg­bre­chen­der Alter­na­ti­ven zum Beton­gold derart durch die Decke gegan­gen, dass die Zinsen gar nicht so sehr locken können, wie die Preise abschre­cken.

Die Zinslüge

Die Erin­ne­rung an die gigan­ti­sche Pleite auf dem ame­ri­ka­ni­schen Häu­ser­markt vor zehn Jahren ist noch gut im Gedächt­nis, ebenso die Beben, die in Por­tu­gal, Grie­chen­land und ins­be­son­dere Spanien Banken und Bau­pro­jekte wie die Fliegen sterben ließen. Alles kre­dit­fi­nan­ziert, alles auf Sand gebaut, alle Träume geplatzt. Dass einer der EZB-Fürsten nun glaubt, wenn die Deut­schen mehr wie die Spanier wären und mehr auf Kredit kaufen würden, wären wir der Rettung schon etwas näher, ist ledig­lich ein Beleg dafür, dass er an das ewige Leben nach dem Tod glaubt, kei­nes­falls jedoch ein Beleg für seinen Sach­ver­stand. Die deut­schen Banken indes sind etwas schlauer als die Magier der EZB und ver­ge­ben keine NINJA-Darlehn (No Income, No Job), sondern behar­ren doch tat­säch­lich und betriebs­wirt­schaft­lich nach­voll­zieh­bar auf Ein­kom­mens­nach­wei­sen und einem gewis­sen Eigen­ka­pi­tal-Anteil, der noch dazu für einen Immo­bi­li­en­kauf deut­lich höher ist, als es zur Grün­dung einer Bank nötig wäre. By the way wäre die Chance auf Rettung bei finan­zi­el­ler Notlage im Falle einer Bank auch höher. Doch man traut dem Braten in Deutsch­land nicht, denn der Duft der nied­ri­gen Zinsen ist ein trü­ge­ri­scher und künst­lich ist er noch dazu. Die Kopf­note riecht unan­ge­nehm nach staat­li­cher Regu­lie­rung und Dru­cker­presse und die Basis­note aus Markt­fäul­nis kommt immer stärker durch.

Wie sagte Con­s­tân­cio doch so schön, man muss „fle­xi­bel sein“? Die Fle­xi­bi­li­tät ist aber schnell dahin, wenn Kredite, die auf Kante genäht sind, sich plötz­lich ver­teu­ern. Das geht Staaten genauso wie Pri­vat­leu­ten. Doch während die Euro­län­der ihre not­lei­den­den Papiere der EZB in die Keller schie­ben können, hat der Pri­vat­mann, der sich mit einer echten Bank aus­ein­an­der­set­zen muss, deut­lich weniger Glück. Es sein denn, Herr Con­s­tân­cio möchte uns durch die Blume ein gigan­ti­sches Auf­kauf­pro­gramm von pri­va­ten Hypo­the­ken ankün­di­gen. Das wäre natür­lich der per­fekte Anreiz, noch ein Stock­werk und ein wei­te­res Kel­ler­ge­schoss zu bauen ­– kostet dann ja nix!

Bleibt noch die Frage, wo das gefor­derte Eigen­ka­pi­tal her­kom­men soll, dass man in den Taschen haben muss, wenn man zur Bank geht, um einen Kredit zwecks Immo­bi­li­en­kauf zu erlan­gen. Nir­gends in Europa (außer in Belgien) ist die Steu­er­last so hoch wie in Deutsch­land. Nir­gends ist auch eine gekaufte Immo­bi­lie so unsi­cher, wie in Deutsch­land, wo es im Falle von Job­ver­lust und dro­hen­dem sozia­len Absturz üblich ist, zunächst das Eigen­tum wie ein Pfef­fer­ku­chen­haus selbst zu ver­spei­sen, bevor der Staat, der angeb­lich gut gewirt­schaf­tet hat, ein But­ter­brot schmiert. Nun kommt als nächs­tes die Plas­tik­steuer und Zarin Angela die Ein­zig­ar­tige denkt bereits laut über eine Daten­steuer nach – die Taschen des Bürgers leeren sich also schon auf dem Weg zur Bank unauf­hör­lich weiter. Wenn dann noch Grund­er­werb­steu­ern, Grund­steuer und Notar­kos­ten bezahlt werden müssen und die Gemeinde viel­leicht die Idee hat, hinter ihrem Haus eine weitere Straße zu bauen und ihnen dafür weitere Erschlie­ßungs­kos­ten in Rech­nung stellen kann, über­le­gen sie sich viel­leicht noch mal, ob sie wirk­lich zur Bank oder doch lieber ins Rei­se­büro gehen sollten. Die Deut­schen sind Rei­se­welt­meis­ter, weil ihnen der Staat und die EU sys­te­ma­tisch das Anlegen und Sparen ver­dor­ben haben. Und während in Frank­reich oder Grie­chen­land wochen­lange Streiks üblich sind und die Wirt­schaft zusätz­lich lähmen, können sich – zum Glück für die EU – deut­sche Steu­er­zah­ler (und hier sind aus­drück­lich Arbeit­ge­ber und Arbeit­neh­mer gemeint) mangels Reser­ven Streiks gar nicht leisten. Da hat die EZB aber noch mal Glück gehabt!

Bankenunion und verdorbene Muscheln

Übri­gens sieht auch Con­s­tân­cio, wen wundert’s, in der Haf­tungs­ge­mein­schaft aller Euro-Banken natür­lich eine ein­fa­che, gute Idee. Die Bezeich­nung „Ban­ken­union“ führt aller­dings in die Irre. Fusio­niert werden hier nicht die Banken, sondern die Risiken.

Man sollte meinen, dass die Ban­ken­union die ein­fachste dieser Refor­men wäre. Es bräuchte dazu vor allem noch die Ein­füh­rung eines gemein­sa­men Euro­päi­schen Ein­la­gen­si­che­rungs­sys­tems, damit die Erspar­nisse von Bank­kun­den im Falle einer Bank­in­sol­venz auf euro­päi­scher Ebene abge­si­chert sind. Das würde das Ver­trauen in den Euro zusätz­lich stärken, weil unser Geld nun mal im Wesent­li­chen aus Bank­ein­la­gen besteht.“

Con­s­tân­cio liegt falsch, doch wie macht man ihm das begreif­lich? Ich ver­su­che es mal mit einem Ver­gleich, den sicher jeder Por­tu­giese ver­ste­hen würde. Nehmen wir an, es gäbe einen Haf­tungs­ver­bund für alle Köche, die das por­tu­gie­si­sche Natio­nal­ge­richt „Amêi­joas à Bulhão Pato“ – Venus­mu­scheln mit Zwie­beln und Knob­lauch in Weiß­wein – zube­rei­ten. Jeder Koch zahlt die­selbe Ver­si­che­rungs­prä­mie, ganz gleich wie sorg­fäl­tig er arbei­tet oder wie häufig er seine Gäste mit ver­dor­be­nen Muscheln ver­gif­tet. Jedem Gast wird ver­mit­telt, dass es überall glei­cher­ma­ßen sicher sei, sein Brot in den Weiß­wein­sud zu tunken. Im Hin­ter­grund agiert die Ver­si­che­rung und räumt die Schäden auf, im Vor­der­grund können alle Köche, die guten wie die schlech­ten, mit den­sel­ben Kon­di­tio­nen werben. Ich finde ja, jeder Koch sollte für seine eigenen Künste Rede und Antwort stehen. Ein Muschel-Restau­rant, dass wegen Schlam­pe­rei schlie­ßen musste, ist für das Funk­tio­nie­ren des Marktes ebenso erhol­sam, wie eine geschlos­sene Bank, die sich durch Fehl­ein­schät­zun­gen oder unfä­hige Köche Banker zu viele Risiken ins Port­fo­lio geladen hat. Eine Ban­ken­union wäre, genau wie eine Venus­mu­schel-Union, nicht die ein­fachste, sondern die ver­hee­rendste aller denk­ba­ren Refor­men. „Und die Gäste der Restau­rants?“ rufen die Zweif­ler. „Wer schützt die Gäste vor ver­dor­be­nen Muscheln, wenn es keine Ver­si­che­rung gibt, die für alle Risiken haftet?“ – nun, wie wäre es, wenn die Gäste wieder ihre Nasen trai­nie­ren und benut­zen, wie sie das seit Jahr­hun­der­ten erfolg­reich getan haben?

Ende Mai schei­det der Por­tu­giese Con­s­tân­cio aus der EZB aus, sein Nach­fol­ger wird ein Spanier, nämlich der bis­he­rige spa­ni­sche Wirt­schafts­mi­nis­ter Luis de Guindos. Er darf sich mein Gleich­nis natür­lich mit Paella denken, das Ergeb­nis ist immer eine flä­chen­de­ckende Fisch­ver­gif­tung.

* Zu welcher Fle­xi­bi­li­tät über­schul­dete Staaten in der Lage sind, konnten wir soeben in Italien bewun­dern. Während die Koali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zwi­schen Lega und Cinque Stelle den Wählern einen der­ar­ti­gen Gold­re­gen aus Wün­sch­dir­was ver­spra­chen, als würden das Sams, die Zahnfee und Gandalf gemein­sam einen Kin­der­ge­burts­tag aus­rich­ten, kas­sierte Staats­prä­si­dent Mattarella, bevor es zum Schwur kam, gleich die ganze Wahl und bestimmte, dass Mc Gyver über­neh­men soll. Solche Fle­xi­bi­li­tät ist natür­lich vor­bild­lich und dringen auch für Deutsch­land anzu­stre­ben. 

4 Kommentare

  1. Seit der Euro-Ein­füh­rung bis heute hat sich das EWU-BIP um den Faktor 1,4 ver­grö­ßert und die Gesamt­in­fla­tion in diesem Zeit­raum war 23%, während die Zen­tral­bank-Geld­menge (Bargeld plus Zen­tral­bank­gut­ha­ben der Geschäfts­ban­ken) im gesam­ten Euro-Raum von 400 Mrd. € auf 2,2 Bio. € aus­ge­wei­tet wurde (Faktor 5,5). Die Umlauf­fre­quenz des Euros hat sich somit im Durch­schnitt um 5,5 / 1,4 / 1,23 = ca. 3,2 ver­rin­gert. Ursache für den immer lang­sa­me­ren Geld­um­lauf ist der durch die Sach­ka­pi­tal­ver­meh­rung in den letzten zwei Jahr­zehn­ten all­ge­mein gesun­kene Kapi­tal­markt­zins, der in Ver­bin­dung mit einer schlei­chen­den Infla­tion (ange­strebt werden bis 2% / Jahr) als destruk­tive Geldumlauf„sicherung” in der (noch) bestehen­den Zins­geld-Öko­no­mie (zivi­li­sa­to­ri­sches Mit­tel­al­ter) unver­zicht­bar ist. Wir nähern uns also unauf­halt­sam dem evident werden der glo­ba­len Liqui­di­täts­falle (Geld­still­stand), da eine weitere umfas­sende Sach­ka­pi­tal­zer­stö­rung (Dritter Welt­krieg) zur Anhe­bung des Zins­fu­ßes auf­grund der ato­ma­ren Abschre­ckung (vorerst) nicht zur Debatte steht.

    Wirk­lich alter­na­tiv­los, um einen Rück­fall in die Stein­zeit („Mad-Max-Sze­na­rio”) noch recht­zei­tig zu ver­hin­dern, ist eine frei­wirt­schaft­li­che Geld- und Boden­re­form, als Grund­vor­aus­set­zung für die Natür­li­che Wirt­schafts­ord­nung (echte Soziale Markt­wirt­schaft):

    https://​www​.deweles​.de/​m​u​t​.​h​t​m​l​?​f​i​l​e​=​f​i​l​e​s​/​_​t​h​e​m​e​/​p​d​f​/​s​o​z​i​a​l​e​_​m​a​r​k​t​w​i​r​t​s​c​h​a​f​t​.​pdf

    Der einzige Hin­de­rungs­grund für diesen eigent­li­chen Beginn der mensch­li­chen Zivi­li­sa­tion ist nicht tech­ni­scher, sondern rein psy­cho­lo­gi­scher Natur. Denn nach 3200 Jahren irra­tio­na­lem Geschwätz zuerst von jüdi­schen und dann auch von katho­li­schen und isla­mi­schen Pries­tern ist dem „moder­nen Nor­mal­bür­ger” die freie Markt­wirt­schaft (Para­dies) ohne Pri­vat­ka­pi­ta­lis­mus (Erb­sünde) in so weite Ferne gerückt, dass es „voll­kom­men unmög­lich” erscheint, „den Einen unsterb­li­chen Schand­fleck der Mensch­heit” (das „Chris­ten­tum” nach Nietz­sche) nicht zum sprich­wört­li­chen, sondern zum wahren „Himmel auf Erden” (Nach­frage äqui­va­lent Angebot) umzu­ge­stal­ten:

    https://​www​.deweles​.de/​p​h​a​n​t​a​s​i​e​.​h​t​m​l​?​f​i​l​e​=​f​i​l​e​s​/​_​t​h​e​m​e​/​p​d​f​/​h​i​m​m​e​l​_​a​u​f​_​e​r​d​e​n​.​pdf

    Ich finde die Zivi­li­sa­tion ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfan­gen, sie aus­zu­pro­bie­ren.”

    Arthur C. Clarke

    Nur „jemand” ist zuwenig; es muss schon ein ganzes Volk sein…

    http://​opium​-des​-volkes​.blog​spot​.com/​2​0​1​8​/​0​6​/​z​i​v​i​l​i​s​a​t​i​o​n​s​b​e​g​i​n​n​.​h​tml

  2. Zu der Venus­mu­schel-Union fällt mir noch ein: Wenn ein Koch in der Union keinen Nach­teil davon hat, wenn er ver­dor­bene Muscheln ser­viert, warum sollten sich die anderen Köche dann noch die Mühe machen, sich immer um frische Muscheln zu bemühen?

  3. Na ich weiß ja nicht ob das erstre­bens­wert ist, wenn ein Mon­ar­chen-ähn­li­cher Prä­si­dent, nachdem er seine Direk­ti­ven aus Berlin und Brüssel abge­holt hat, den Willen des ita­lie­ni­schen Sou­ve­räns mit einem Feder­strich weg­wischt! Was hat das mit Demo­kra­tie zu tun? Genau. Nichts.
    Wenn das Wahl­er­geb­nis nicht paßt, dann wird einfach die Minis­ter­liste abge­lehnt! Fertig. So geht Dik­ta­tur – und die haben wir in Deutsch­land schon längst. Mit anzu­stre­ben­der Fle­xi­bi­li­tät hat das Null und Nichts zu tun.

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