Das Jubel­jahr der Luthe­ra­ner ist mir ein Rät­sel. Beson­ders sei­ne Lage im Kalen­der. Es star­te­te ein knap­pes Jahr vor dem Ereig­nis, dass eigent­lich gefei­ert wer­den soll mit dem Son­nen­gruß von Mar­got Käß­mann zum Jah­res­wech­sel 2016/17 an der Datums­gren­ze. Die Zeit lief also gewis­ser­ma­ßen rück­wärts und war nach den ful­mi­nan­ten Fei­er­lich­kei­ten am 31.Oktober 2017 eigent­lich schon wie­der vor­bei. Das kann man bedau­ern, beson­ders des­halb, weil es in den zehn Mona­ten die das Jubel­jahr dau­er­te, nie­mand fer­tig­ge­bracht hat, eine zeit­ge­nös­si­sche Inter­pre­ta­ti­on des kon­sti­tu­ie­ren­den Aktes in die Wege zu lei­ten. Zum Bei­spiel indem man die 146 Arti­kel des Grund­ge­set­zes an die Tür des Kanz­ler­am­tes nagelt. Doch in alter Luther-Manier woll­te man es sich nicht mit den Fürs­ten ver­der­ben, die noch dazu groß­zü­gig die Steu­er­zah­ler des Spren­gels Deutsch­land für die Fes­ti­vi­tä­ten zur Kas­se gebe­ten haben, um bei der Finan­zie­rung der Gau­di mitzuhelfen.

Und wir bekom­men ja auch was für’s Geld! Die Leser der „Neu­en Pres­se“ Han­no­ver zum Bei­spiel erhiel­ten das evan­ge­li­sche Maga­zin „chris­mon spe­zi­al“ als kos­ten­lo­se Son­der­bei­la­ge zum Refor­ma­ti­ons­tag. Aber was heißt schon kos­ten­los! Bereits eine ganz­sei­ti­ge Anzei­ge des ZDF auf Sei­te sie­ben sagt mir, dass neben dem Steu­er­zah­ler und dem Kir­chen­steu­er­zah­ler auch der GEZ-Zah­ler sein Scherf­lein bei­getra­gen hat. Doch las­sen wir die finan­zi­el­le Haar­spal­te­rei, denn ich las das Heft­chen nicht, um die Ver­wen­dung mei­ner Fern­seh­ge­büh­ren zu über­prü­fen, son­dern weil es mir von jeman­dem, der im Unter­schied zu mir sogar Kir­chen­steu­er zahlt, mit den Wor­ten „Lies das mal, ich bin kurz vor’m Plat­zen! Die woll’n mich wohl ver­ar­schen!“ in die Hand gedrückt wur­de. Auf­ge­schla­gen war die Sei­te mit dem Leit­ar­ti­kel und es lächel­ten mir der EKD Rats­vor­sit­zen­de Bischof Hein­rich Bed­ford-Strohm, Stu­den­tin der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft Sofie Mör­chen und Theo­lo­ge Juli­an-Chris­to­pher Marx ent­ge­gen, die dem Blatt ein gemein­sa­mes Inter­view mit dem Titel „Wir wol­len Visio­nen, kein ewi­ges Hin und Her“ gaben.

Schon der Titel ist unglück­lich gewählt, wol­len doch gera­de Stu­den­ten und jun­ge Sozi­al­wis­sen­schaft­ler oft bei­des: Visio­nen und ewi­ges Hin und Her. Aber in dem Arti­kel ging es nicht um die Lega­li­sie­rung von Can­na­bis oder freie Lie­be. Um Glau­be, evan­ge­li­sche Kir­che, die Lebens­wirk­lich­keit der Gemein­de­mit­glie­der, Kir­chen­aus­trit­te, Luther, Refor­ma­ti­on oder deren Jubi­lä­um ging es aber auch nicht. Es ging, sie wer­den es kaum glau­ben, vor allem um den Klimawandel!

Sag mir, was gewesen sein wird

Chris­mon möch­te gleich zu Anfang von den Inter­view­part­nern wis­sen, wie denn die Zukunft in 20 Jah­ren aus­se­hen wer­de. Eine Fra­ge, an der selbst Zukunfts­for­scher immer wie­der so kläg­lich schei­tern, wie Meteo­ro­lo­gen am Wet­ter der nächs­ten Woche. Doch Sofie Mör­chen kennt die Ant­wort: „Es ist end­lich etwas gegen die Klima­erwärmung pas­siert!“. Ich fra­ge zurück: „Und, wird’s was genützt haben?“, aber da das Inter­view ja schon gedruckt ist, erhal­te ich kei­ne Ant­wort. Die kann ich jedoch ahnen und erfah­re gleich zu Beginn, was Rich­tung und Zweck die­ses mehr­sei­ti­gen Inter­views sein wird: Kir­che ist Poli­tik, Poli­tik ist alles, alle müs­sen Par­tei ergrei­fen – Kir­che ist Par­tei! Klimapartei!

Wäh­rend die Grü­nen in den letz­ten Jah­ren den Weg von einer Par­tei zu einer Glau­bens­ge­mein­schaft dog­ma­ti­scher Prä­gung im Eil­tem­po zurück­ge­legt haben, geht die evan­ge­li­sche Kir­che in Deutsch­land den ent­ge­gen­ge­setz­ten Weg – sie möch­te Par­tei sein: Und da Reli­gi­on ein Minen­feld ist, sucht man sich lie­ber ein Par­tei­pro­gramm mit gro­ßem Kon­sens­po­ten­zi­al: die Kli­ma­er­wär­mung. Und die Migra­ti­on, denn Marx’ Zukunfts­vi­si­on sagt, dass „[…] wir in Euro­pa eine gemein­sa­me Linie gefun­den haben [wer­den], mit der welt­wei­ten Migra­tion umzugehen.“

Was waren das doch für gol­de­ne Zei­ten, in denen die Kan­di­da­tin­nen einer „Miss Ame­ri­ca Wahl“, nach ihren Träu­men befragt, nur so rea­lis­ti­sche Ideen wie „Welt­frie­den“ äußer­ten! Heu­ti­ge Welt­ver­bes­se­rer küh­len das Kli­ma auf den von Gott vor­her­be­stimm­ten idea­len mitt­le­ren Wert, las­sen Euro­pa das Pro­blem der welt­wei­ten Migra­ti­on lösen und regu­lie­ren als nächs­tes die Rota­ti­ons­ge­schwin­dig­keit der Milch­stra­ße, womög­lich durch einen Hun­ger­streik. Wann sind eigent­lich aus gläu­bi­gen, fata­lis­ti­schen Chris­ten omni­po­ten­te Ich-glau­be-also-weiß-ich gewor­den? Sind anma­ßen­de, groß­spu­ri­ge All­machts­phan­ta­sien nicht die Sache von uns Athe­is­ten, die kei­ne rela­ti­vie­ren­de, erra­ti­sche und sich der Erkennt­nis ent­zie­hen­de Instanz über sich dulden?

Bischof Bed­ford-Strohm ist jeden­falls ganz der Mei­nung von Marx & Mör­chen und möch­te wis­sen, was die Kir­che bei­tra­gen kann. Was jetzt folgt, ist die übli­che rhe­to­risch-kau­sa­le Abwärts­spi­ra­le aus Kir­che ist nah, Poli­tik ist fern. Kir­che ver­steht, Poli­tik nicht. Mit Par­tei­en kön­nen jun­ge Leu­te nichts anfan­gen, aber Kirche…doch hier bekommt das Argu­ment einen Knax, weil der Bischof es gleich ver­ein­nahmt: „Wir alle sind Poli­tik. Und wer sich nicht ein­mischt und sel­ber ein­setzt, der soll sich auch nicht vom Sofa aus beklagen.“

In die­ser Aus­sa­ge ste­cken Über­heb­lich­keit und Lüge: Die Über­heb­lich­keit zeigt sich im kon­kre­ten Fall näm­lich immer dann, wenn das „ein­mi­schen“ nicht in den gewünsch­ten Bah­nen erfolgt oder den offi­zi­ell ver­ord­ne­ten Losun­gen wider­spricht. Und die Lüge wiegt noch schwe­rer. Denn nir­gends in unse­rer Ver­fas­sung steht geschrie­ben, dass „bekla­gen“ nur dem­je­ni­gen zustün­de, der sich „selbst ein­setzt“. Die­ser Mit­mach­fe­tisch ist ein Merk­mal von Dik­ta­tu­ren, weil die­se ein vita­les Inter­es­se dar­an haben, dass der Dreck ihrer Feh­ler mög­lichst unter jedem Fin­ger­na­gel klebt: Mit­ge­gan­gen – Mitgehangen!

Mit­ge­hen ist auch das The­ma der ev. Kir­che in Sachen Kli­ma­wan­del. Bed­ford-Strohm beschäf­ti­ge die „Kli­ma­fra­ge“ seit er stu­diert habe. „Es war für mich ein beson­de­rer Moment im Leben, als ich vor zwei Jah­ren Schirm­herr des öku­­menischen Pil­ger­wegs nach Paris war.“ Die Kli­ma­pil­ger sind übri­gens gera­de wie­der unter­wegs, dies­mal nach Bonn, wo die dies­jäh­ri­ge Syn­ode Kli­ma­kon­fe­renz statt­fin­det. Pil­gern, das war in der Neu­zeit und bis vor kur­zem ein Mit­tel der inne­ren Ein­kehr, Ent­schleu­ni­gung und Sinn­su­che – heu­te über­wölbt eine zumin­dest frag­wür­di­ge poli­ti­sche Agen­da eine Ver­an­stal­tung, die von den Kir­chen zu einer Art „Open Air Got­tes­dienst“ für den rich­ti­gen Zweck erklärt wird. Und wäh­rend Jesus auf dem Weg sei­ne Gefolgs­leu­te unter­rich­ten, Kran­ke hei­len und Tote erwe­cken wür­de, ren­nen sei­ne Schäf­lein heu­te der Agen­da einer inter­na­tio­na­len Grup­pe poli­ti­scher Schar­la­ta­ne hin­ter­her, die alle Jah­re wie­der ein kom­plett über­flüs­si­ges Kon­zil abhal­ten, gegen wel­ches das Kon­zil von Kon­stanz die kli­ma­ti­sche Beschei­den­heit des Jah­res­tref­fens eines Tau­ben­züch­ter­ver­eins hat. Die Kir­chen – die deut­schen vor­ne­weg – bil­den gern das gesell­schaft­lich schmü­cken­de Bei­werk, singt den Kli­ma­ret­tern ein „Te deum“ und Bed­ford-Strohm ist ob so viel Volon­ta­ris­mus doch tat­säch­lich noch erstaunt, dass Chris­ti­na Figue­res, die Che­fin des Kli­ma­bü­ros in Paris, zu Trä­nen gerührt war. Zumin­dest ein Ziel ist mit dem Kli­ma­pil­gern erreicht: die „öko­lo­gi­sche Umstel­lung unse­rer Mobi­li­tät“, wel­che Bed­ford-Strohm for­dert. Denn mehr als lau­fen ist gemäß der neu­en Reli­gi­on ein­fach nicht drin.

Wo man ein schlechtes Gewissen braucht, ist Afrika nicht weit

Kli­ma­tisch düs­te­res weiß der Bischof Bed­ford-Strohm aus Tan­sa­nia zu berich­ten, das er unlängst besuch­te. Doch wenn er den CO2-Aus­stoß des Lan­des (0,2 Ton­nen pro Jahr und Ein­woh­ner) mit dem Deutsch­lands (10 Ton­nen) oder der USA (16 Ton­nen) ver­gleicht, stellt sich da wirk­lich die Fra­ge „Ist das gerecht?“ Allein die Rei­sen der Teil­neh­mer der nächs­ten Kli­ma­kon­fe­renz schla­gen mit so vie­len Ton­nen CO2 ins Kon­tor, dass es wohl rei­chen könn­te, Tan­sa­nia 50 Jah­re in die Zukunft zu kata­pul­tie­ren. Allein schon die 4,9 Ton­nen CO2, die dem Bischof für sei­ne Rei­se nach Afri­ka ange­rech­net wer­den müs­sen, heben ihn deut­lich über den deut­schen Durch­schnitt und machen sei­nen Ruf nach Kli­ma-Gerech­tig­keit zum lee­ren Gere­de, oder, um es mit Hei­ne und somit bes­ser auszudrücken:

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eia­po­peia vom Himmel,
Womit man ein­lullt, wenn es greint,
Das Volk, den gro­ßen Lümmel.
Ich ken­ne die Wei­se, ich ken­ne den Text,
Ich kenn auch die Her­ren Verfasser;
Ich weiß, sie tran­ken heim­lich Wein
Und pre­dig­ten öffent­lich Wasser.

Tan­sa­nia zählt dabei noch zu den afri­ka­ni­schen Län­dern, denen es ver­gleichs­wei­se gut geht. So gut, dass es sich wie vie­le ande­re Staa­ten der Regi­on eine blü­hen­de Kor­rup­ti­on leis­ten kann und sei­nen Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­ten fürst­li­che Diä­ten zahlt, die mit $ 7.200 pro Monat etwa drei­mal so hoch aus­fal­len, wie in Spa­ni­en. Auch dahin fließt letzt­lich das Geld der Ent­wick­lungs­pro­jek­te, von denen Bed­ford-Strohm sprach.

Betrach­tet man die Auf­merk­sam­keit, wel­che das neue Lieb­lings­the­ma der evan­ge­li­schen Kir­che von sei­nen Reprä­sen­tan­ten und Adep­ten erhält, könn­te man den­ken, es kön­ne kaum bes­ser lau­fen. Denn offen­bar sind für den Bischof The­men wie Kir­chen­aus­trit­te, eine zuneh­men­de Ver­ro­hung unse­rer Gesell­schaft durch die Aus­brei­tung einer ande­ren, weni­ger koope­ra­ti­ven Reli­gi­on nicht die Fel­der, die man im Jubel­jahr beackern muss. Und doch sieht Bed­ford-Strohm Anlass zur Kla­ge: „Wenn die Kir­che zu einem The­men­abend ein­lädt „Was kommt nach dem Tod?“, dann sind die Säle voll. Machen wir eine Ver­an­stal­tung zum Kli­ma­wan­del, kom­men deut­lich weni­ger.“ Ich sag’s ja nur ungern, aber war­um wun­dert sich der Zim­mer­mann, dass man sein Brot nicht kauft? Fehlt ihm womög­lich die Exper­ti­se als Bäcker? Glaubt der Bischof wirk­lich, die Men­schen suchen in der Kir­che Ant­wor­ten auf den Kli­ma­wan­del, statt Halt und Trost im Glau­ben? Denkt er ernst­haft, ein The­ma, dass von bei­na­he allen poli­ti­schen Kräf­ten und fast allen Medi­en tag­täg­lich mit größ­ter Kraft gegei­ßelt wird, muss nun auch noch von sei­ner Kir­che erschla­gen werden?

Es sieht jedoch so aus, als habe er in tat­säch­li­chen Glau­bens­fra­gen längst kapi­tu­liert. Wie sonst ist es zu erklä­ren, dass die Gläu­bi­gen nicht mal von einem Bischof eine kla­re, der Selbst­ver­ge­wis­se­rung dien­li­che Aus­sa­ge zum Islam erhal­ten? Bed­ford-Strohm: „Auch im Islam gibt es star­ke Kräf­te, die für die­sen Grund­kon­sens [Men­sche­rech­te] ein­tre­ten. Ver­teu­feln wir den Islam als Gan­zes, set­zen wir auch sei­ne Moder­ni­sie­rer schach­matt.“ Was der Islam unter Men­schen­rech­ten ver­steht, haben sei­ne „star­ken Kräf­te“ in der Kai­ro­er Erklä­rung in der Tat klar formuliert.

Dort steht, dass die Scha­ria der Kit sei, der die Mensch­heit zusam­men­hal­ten soll und dass es außer­halb der Scha­ria kei­ne Men­schen­rech­te gebe. Sucht Bed­ford-Strohm dort die „Moder­ni­sie­rer“ des Islam? Denn alle wirk­li­chen Moder­ni­sie­rer wer­den von den Ver­tre­tern ihrer Reli­gi­on frü­her oder spä­ter aus dem Islam hin­aus­ge­drängt, wo sie dann als „Nest­be­schmut­zer“ und „Aposta­ten“ auch den Respekt der Kir­chen ver­lie­ren und schach­matt gesetzt wer­den. Ein Bischof, des­sen Kir­che von einem exkom­mu­ni­zier­ten Mönch gegrün­det wur­de, soll­te eigent­lich wis­sen, dass eine erstarr­te, ver­knö­cher­te Reli­gi­on nicht von innen refor­miert wer­den kann. Ex-Mus­li­me, die dies fol­ge­rich­tig von außen tun wol­len, erfah­ren in unse­rer Gesell­schaft jedoch kei­ne Unter­stüt­zung, weil uns das zu gefähr­lich ist.

Und Mör­chen springt dem Bisch­off noch sekun­die­rend zur Sei­te: „Nicht zu ver­ges­sen: Opfer des isla­mi­schen Ter­rors sind haupt­säch­lich Mus­li­me. Das hat doch Grün­de. Woher kommt der Ter­ror über­haupt? Sind wir im Wes­ten dar­an ganz unschul­dig? Ich den­ke nicht. Dar­über müs­sen wir ehr­lich reden.“ Ein­fäl­ti­ges Mör­chen! Sol­che Äuße­run­gen kämen dir sicher nicht in den Sinn, gin­ge es um Todes­op­fer in einer Aus­ein­an­der­set­zung zwei­er mexi­ka­ni­scher Dro­gen­kar­tel­le – die meis­ten Todes­op­fer dort sind näm­lich übli­cher­wei­se Ban­den­mit­glie­der. Spricht die­se Tat­sa­che die Ban­den etwa von ihrer Ver­ant­wor­tung frei? Die Tat­sa­che, dass die meis­ten Opfer des isla­mi­schen Ter­rors Mus­li­me sind, zeigt doch nur, wo der Ter­ror zuhau­se ist: in mus­li­mi­schen Gesellschaften!

Quo vadis, Kirchen-Reichweite?

Der Theo­lo­ge Marx steu­ert schließ­lich einen Satz bei, der mei­ner Mei­nung nach per­fekt das Dilem­ma auf­zeigt, in das sich die ev. Kir­che selbst gebracht hat: „Die christ­li­che Reli­gi­on muss anschluss­fä­hig sein für die reli­gi­ös Indif­fe­ren­ten.“ – denn genau das muss sie nicht! Ich will nicht, dass die Kir­che mir nach­steigt und ver­sucht, mich mit are­li­giö­sen The­men zu ködern! Gut, mit reli­giö­sen The­men klappt das bei mir auch nicht, aber wenn Marx anmahnt, dies zudem „…nicht mit einer theo­lo­gisch ver­quas­ten Spra­che [zu tun], die unver­se­hens von bestimm­ten Glau­bens­wahr­hei­ten aus­geht: ­Jesus Chris­tus, der Erlö­ser, die Sün­de, das ewi­ge Leben…“ und der Bischof hier nicht gleich Ein­spruch erhebt, scheint es mit dem Mar­ken­kern der Pro­tes­tan­ten heu­te nicht mehr weit her zu sein. Bed­ford-Strohm begibt sich lie­ber auf ver­min­tes Gelän­de: „Ges­tern haben wir in einem öku­me­ni­schen Got­tes­dienst uns alle an den Hän­den gehal­ten, beim Vater­un­ser die Hän­de nach oben gestreckt. Sol­che For­men von Kör­per­lich­keit gehö­ren dazu. Oder dass dir jemand ein Kreuz auf die Stirn malt.“ Davon kann ich nur abra­ten, Herr Bischof. In Zei­ten, in denen jede kör­per­li­che Berüh­rung auch nach­träg­lich umge­deu­tet, auf­ge­wer­tet und per Hash­tag sank­tio­niert wer­den kann, soll­te man jeden kör­per­li­chen Kon­takt, zumal wenn er in einem grup­pen­dy­na­mi­schen Umfeld evo­ziert ist, tun­lichst ver­mei­den. Hol­ly­wood dreht gera­de durch, bri­ti­sche Poli­ti­ker stür­zen über „Hand am Knie“ und deut­sche Ex-Bot­schaf­ter machen Staats­se­kre­tä­rin­nen mit Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit Kom­pli­men­te, die die­se zu sexu­el­len Über­tre­tun­gen aufblasen.

Ich den­ke, genau die­ser Aspekt mensch­li­chen Zusam­men­le­bens, näm­lich eini­ge mora­li­sche Grund­prin­zi­pi­en all­täg­li­cher mensch­li­cher Begeg­nun­gen im öffent­li­chen und pri­va­ten Raum, sind frü­her maß­geb­lich durch kirch­li­che Defi­ni­ti­on und Sank­ti­on stark beein­flusst wor­den. Doch wahr­schein­lich weil die Kir­chen in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit auf­grund diver­ser mora­lisch rele­van­ter Skan­da­le auf die­sem Feld kläg­lich ver­sagt haben, ver­ab­schie­de­te man sich gleich ganz aus dem Minen­feld zwi­schen­mensch­li­cher Inter­ak­ti­on und such­te sich als Ersatz abge­ho­be­ne Meta-Ebe­nen wie den Kli­ma­wan­del zur Sinn­ge­bung. Doch brau­chen wir in der Kli­ma­wan­del­re­li­gi­on wirk­lich wei­te­re Pre­di­ger? Oder noch eine wei­te­re Grü­ne Par­tei? Die­se Fra­gen möge sich jeder selbst beant­wor­ten. Ich jeden­falls wer­de das mir unver­hofft zuge­lau­fe­ne Exem­plar „chris­mon spe­zi­al“ gut und kli­ma­wan­del­si­cher auf­be­wah­ren. Nur für den Fall, dass in zwan­zig Jah­ren mal jemand von mir wis­sen möch­te, wie es zum Unter­gang der evan­ge­li­schen Kir­che kom­men konnte.

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14 Kommentare

  1. Die Leser­brief­schrei­ber vom 4. 11. 2017 ver­an­las­sen mich zu die­ser Anmerkung.
    Der Kri­tik von Roger Letsch in Sachen Bed­ford – Strohm ist zuzu­stim­men und wenig hin­zu­zu­fü­gen. Seid die­ser aus­ge­rech­net auf dem Tem­pel­berg sein Biscħofs­kreuz aus vor­aus­ei­len­dem Gehor­sam ver­leug­ne­te und dies pein­lich begrün­de­te ist er für mich als EKD – Rats­vor­sit­zen­der mei­ner Kir­che obso­let. Ja, Sie lesen lesen rich­tig: Mei­ner Kir­che. In man­chen Ohren mag das heu­te wie ein heik­les „Outing “ klin­gen, aber wie auch Deutsch­land mein Land bleibt, obwohl es der­zeit mer­ke­li­siert ist, so bleibt mei­ne Kir­che mei­ne Kir­che. Trotz alledem.
    Wenn Bed­ford – Strohm womög­lich für Ter­ro­ris­ten betet – oder Frau Käß­mann ? – und sich um die „Moder­ni­sie­rer“ des Islam Sor­gen macht, dann ist das sei­ne Pri­vat­an­ge­le­gen­heit. (Dass letz­te­re des­halb aus dem Islam gedrängt wür­den und dann den Respekt der Kir­chen ver­lö­ren, ist eine frag­wür­di­ge These. )
    Bed­ford – Strohm & Co. haben die nai­ve Hoff­nung jetzt oder frü­her oder spä­ter mit dem Islam auf Augen­hö­he kom­mu­ni­zie­ren zu kön­nen. Mit Unter­wer­fungs­ges­ten ( Tem­pel­berg) und Tole­ran­zap­pel­len ver­su­chen sie ihn mil­de zu stim­men und bie­dern sich einer Ideo­lo­gie an, für die sie b e s t e n f a l l s als Ungläu­bi­ge gelten.
    Da die Reso­nanz in der EKD auf die Islam – Debat­te, vor­sich­tig aus­ge­drückt, ver­hal­ten ist und ein Christ gro­ßen Wert auf den Erhalt der Schöp­fung legt, ver­su­chen eini­ge Kir­chen­füh­rer mit der „Kli­ma­wan­del – Reli­gi­on“ zu punk­ten. Die Grün – Ideo­lo­gi­sie­rung die­ses The­mas stößt aller­dings einen luthe­ri­schen Pro­tes­tan­ten eher ab. Das Dilem­ma ist die Tat­sa­che, dass die Kir­che tat­säch­lich zu oft vor Glau­bens­fra­gen kapi­tu­liert und die Ver­kün­di­gung vernachlässigt.
    Wenn aller­dings – so der Tenor der o. g. Leser­brief­schrei­ber – die Kir­che als über­hol­te Insti­tu­ti­on aus der Ver­gan­gen­heit abge­kan­zelt und der Aus­tritt als ein­zi­ge Opti­on ange­prie­sen wird, so darf man fra­gen: Womit – um Him­mels Wil­len ! – kön­nen wir dem Islam ernst­haft und glau­bens­ge­stützt ent­ge­gen treten ?
    Das Luther­jahr hat uns und der Kir­che durch­aus „Amts­hil­fe“ gewährt. Man muss­te sie nur suchen und finden.
    Schlussbemerkung :
    Das Lamen­tie­ren über die lee­ren Kir­chen als Pau­schal­sym­ptom bringt nichts und ist durch­aus nicht angebracht.
    In mei­ner Gemein­de war am 31. Okto­ber – dem Refor­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um – kein unbe­setz­ter Platz mehr zu finden.
    Dirk Jungnickel

    (Hat­te den Leser­brief lei­der auf der Ach­se 5 Minu­ten zu spät eingereicht.)

    • Bei mir ist es nie zu spät. 😉
      Die Sache mit den abge­leg­ten Kreu­zen emp­fand ich übri­gens als unpro­vo­zier­te Unter­wer­fungs­ges­te unter den Islam. JEDER Christ, mit dem ich dar­über sprach – und vie­le hör­ten und sahen das Geba­ren ihrer geist­li­chen Fürs­ten bei der Gele­gen­heit zum ers­ten mal – sah das genauso!

      • Yep. Sogar ich als Jude fin­de die­ses osten­ta­tiv-fei­ge Able­gen eines Kreu­zes unter aller Kanone.
        Soviel Anti­christ­lich­keit und Selbst­hass bei einem Berufs­chris­ten!, ah, wie absto­ßend kläglich.

  2. Das ist nicht mehr eine Kir­che unse­res vor­an­ge­gan­ge­nen Con-Erz­pro­phe­ten Jes­hua XVIII. – Erz­pro­phet der Papa­gei­en – son­dern ein schmut­zi­ger Ort des bös­ar­ti­gen Sslick gewor­den. Keh­ret um und wer­det Pan­the­is­ten! Befreit Euch von der Nie­der­tracht der Kir­chen! Perei! https://tuesdeus.de/

    Aea­eio XXII. – Erz­pro­phet der Haie

    • Nun ja. Ach schon. Ach doch-.
      Ande­rer­seits hät­ten Sie ein Ana­lo­gon ver­sus Isla­mi­co­rum­que usf. weni­ger leicht­hin hin­ge­schrie­ben, nicht?

  3. Ich beken­ne mich zum Glau­ben an Gott, Schöp­fer der Uni­ver­sums, und Jesus Chris­tus, sei­nen Sohn und ihm gleich. Ich den­ke, dass man dies auch heu­te guten Gewis­sens in intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit auch tun kann, wie­wohl es kei­ne zwin­gen­den Grün­de gibt, genau das zu glau­ben. Dar­um wäre ich sehr froh, wenn die­se Glau­bens­in­hal­te auch adäquat in der Kir­che gelehrt wür­den. In der EKD und auch in der RKK sehe ich das zur Zeit nicht mehr. Wenn ich noch in einer der Groß­kir­chen wäre, wür­de ich sofort aus­tre­ten. Ich erken­ne hier­in nicht mehr einer Reprä­sen­tanz christ­li­chen Glau­bens. Ich will mich auch nicht zu einer absur­den Kli­ma­re­li­gi­on beken­nen, die eben nicht intel­lek­tu­ell red­lich ver­tret­bar ist. Wäre Luther unter uns, wür­de er sicher eben­so aus die­ser Kir­che aus­tre­ten, die ihr Kern­an­lie­gen ver­ra­ten hat.

    • Ja, der Luther wür­de die pro­tes­tan­ti­sche Kir­che sofort refor­mie­ren, aber sowas von. Er wür­de den nöti­gen Juden­hass sorr­forrt wie­der ein­füh­ren, weil der ja apos­to­lisch ist (der moder­nis­ti­sche Israel­hass ist sol­ches ist das aber nicht), und er wür­de die Kli­ma­idee als Teu­fels­werk bezeich­nen, weil es bloß dar­auf ankom­me, ob man Gna­de abkrie­ge, und wenn nicht, war­um nicht.

      Für­wahr auf groß­ar­tigs­te Wei­se wür­de Luther die Käß­män­ni­sche Son­nen­kli­ma­kir­che wie­der regothisieren.

      • Was soll denn das? Luthers Anlie­gen war der Glau­be an den gnä­di­gen Gott, der in Jesus uns das Heil erwirkt. Das hat sein Leben und sei­ne Refor­ma­ti­on geprägt, denn das fand er in der RKK nicht mehr. Heu­te ist die EKD auch vom Kurs abge­kom­men und hat sich frem­den Unheils­leh­ren geöff­net. Was Luther vom Kli­ma­wan­del gehal­ten hät­te, weiß ich nicht. Er hät­te auf jeden Fall fest­stel­len müs­sen, dass dies mit der Kern­bot­schaft des NT nichts mehr zu tun hat. 

        Bezüg­lich des Juden­hass und sei­ner Aus­fäl­le gegen Bau­ern: Luther ist wahr­lich nicht über Kri­tik erha­ben, aber er war auch Kind sei­ner Zeit. Er lei­te­te gro­ßes für die Geis­tes­ge­schich­te, aber er schrieb auch Din­ge, die wir zu Recht ver­ab­scheu­en. Ohne den Zeit­be­zug wür­de es für eine Empö­rung rei­chen. Aber wer wird denn Ana­chro­nist sein wollen?

        • Nein, Luther war in punc­to Ver­nich­tungs­auf­ru­fen gegen die Juden und in punc­to Hass auf Bau­ern ja durch­aus kein „Kind sei­ner Zeit“, son­dern der stier­na­ckigs­te Scharf­ma­cher sei­ner Zeit, Herr Landvoigt.
          Huma­nis­ten also wah­re Kin­der jener Zeit wie Eras­mus von Rot­ter­dam oder Johan­nes Reuch­lin sahen das völ­lig anders, aber sie waren eben nicht laut, grob und skru­pel­los genug, um Wel­len von Gewalt zu ent­fa­chen. Luther konn­te das viel besser.

  4. Dan­ke­schön für die­sen kri­ti­schen Text zu einer bizar­ren Rea­li­täts­fer­ne, mit deren Aus­wir­kun­gen auch der Athe­ist und Natur­wis­sensch­haft­ler leben muss. Der Begriff „Kli­ma­kir­che“ bringt wohl vie­le Aus­wüch­se her­vor, erwart­bar noch bizar­re­re, die­ser ist beson­ders wider­wär­tig. Gleich­wohl bin ich dank­bar, mei­ne Erfah­run­gen mit einer Kir­chen­ob­rig­keit bestä­tigt zu sehen, die sich nir­gends woh­ler fühl­te als in Strom­li­nie zur Polit­bü­ro­kra­tie. Beson­ders übel, wenn sich Bischö­fe und ande­re Wür­den­trä­ger nach dem Kol­laps von Dik­ta­tu­ren die Ver­diens­te der weni­gen im Wider­stand befind­li­chen schwar­zen Scha­fe und Hir­ten zurech­nen und sich als „inne­re Wider­ständ­ler“ outen, die unter Schmer­zen auch schon ein­mal Pri­vi­le­gi­en am Tisch der Herr­schen­den erdul­den muss­ten. Glau­be, Spi­ri­tua­li­tät, Reli­gi­on: Sie sind mit die­ser Art „Fröm­mig­keit“ so wenig ver­ein­bar, wie Grund­re­geln von Wis­sen­schaft und Kunst. Die Ket­zer wer­den die­sen Kir­chen nie­mals ausgehen.

  5. Auf einen Beschwer­de­brief über die­ses Heft „chris­mon“, das not­ge­drun­gen an vie­len Stel­len her­um­liegt, bekam ich neben aus­schließ­lich Ver­satz­bau­stei­nen die sub­stan­zi­el­le Ant­wort, dass bei einer Auf­la­ge von 7 Mil­lio­nen, sehr viel Wer­bung nötig sei. Wie vie­le Bäu­me muss­ten dafür gefällt werden?

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